05. Juli 2019, 14:00 Uhr

Gastronomie

Giancarlo Biscardi: Der Gastro-Junkie

Für viele Gießener ist die Plockstraße die schönste Straße der Stadt. Das ist auch Giancarlo Biscardi zu verdanken. Seine Trattoria »Gianoli« ist sehr beliebt, für einige ist sie ein zweites Wohnzimmer.
05. Juli 2019, 14:00 Uhr

Giancarlo Biscardi sitzt an dem kleinen Ecktisch im »Gianoli«. Vor ihm steht eine Portion Pasta, daneben der Laptop. Bissen, Buchhaltung, Bissen, Buchhaltung. Eigentlich ist Biscardi diese Art der Nahrungsaufnahme zuwider. Essen ist für ihn ein Genussmoment, den man im besten Fall mit vielen lieben Menschen teilt. So handhabt der 43-Jährige das auch in seinem Restaurant in der Plockstraße. »Ich versuche, unsere kleine Trattoria sehr familiär zu führen. Deshalb bin ich auch für alle der Giancarlo.« Na, gut. Dann also Giancarlo: Giancarlo ist eben auch Geschäftsmann. Und die haben, gerade in der Gastronomie, ziemlich viel zu tun. Aber der Gießener will es auch nicht anders. »Ich habe dieses Gen in mir.«

Giancarlo ist kein gelernter Koch. Aber er ist der Sohn einer italienischen Mamma. In seiner Familie hat er das gelernt, worauf heute sein Erfolg fußt. Seine Eltern haben die klassische Gastarbeiterbiografie. Der Vater kam 1960 aus Kalabrien nach Deutschland. »Er war erst in Berlin, dann in Duisburg und hat dort als Lkw-Fahrer gearbeitet. Irgendwann ist er dann bei Buderus in Lollar gelandet.« Als der Vater genug Geld verdient hatte, um den Ausbau seines Elternhauses stemmen zu können, zog es ihn zurück in die italienische Heimat. Doch er blieb nicht. »Italien war ihm zu unsicher geworden, zu unstrukturiert«, sagt Giancarlo. Lächelnd schiebt er hinterher: »Er war schnell eingedeutscht.«

Und so wuchs Giancarlo, das jüngste von drei Geschwistern, in Lollar auf. Zu jener Zeit hatte der Vater den Job als Lastwagenfahrer bereits aufgegeben und sein Glück in einer Eisdiele gesucht. Und wie es sich für einen italienischen Familienbetrieb gehört, musste auch der Sohn anpacken. »Ich habe bereits als Elfjähriger Eisbecher durch den Laden getragen«, erinnert sich Giancarlo. Schon damals sorgte die Gastronomie in seinem Leben für Einschränkungen. Er musste etwa mit dem Fußball aufhören, weil die Spiele sonntags waren. Jenen Tagen also, an denen er Schokobecher und Spaghetti-Eis servieren musste. Giancarlo hat trotzdem viele schöne Erinnerungen an diese Zeit. Zumal sie sein Verständnis von Gastronomie nachhaltig geprägt hat.

Italienische Mütter sind ein Mythos. Sie schaffen es, auch die größten Gruppen mit fantastischem Essen satt und glücklich zu machen. Bei den Biscardis war das nicht anders. »Meine Mamma hat mittags für die ganze Mannschaft gekocht. Da haben teilweise 16, 17 Personen am Tisch gegessen«, erzählt Giancarlo. Und abends, wenn die Eiswagenfahrer zurückkamen, habe sie sich noch einmal in die Küche gestellt. »Dieses familiäre Essen hat mich geprägt. Ich versuche, das auch hier im Gianoli umzusetzen.« Am liebsten wäre es dem Gastronom, wenn er irgendwann ganz auf die Speisekarte verzichten könnte, und die Leute einfach nur fragen würden: Giancarlo, was machst du mir heute? »Wie bei Mamma eben«, sagt der Gastwirt. Schmunzelnd fügt er hinzu: »Der einzige Unterschied zu ihr: Bei mir kommt am Ende eine Rechnung.«

Giancarlo wusste schon immer, dass er in der Gastronomie arbeiten wollte. Trotzdem kehrte er der Eisdiele irgendwann den Rücken. Er wollte mit anderen Zutaten arbeiten, sagt der Gießener, außerdem habe es in dem Familienbetrieb schlichtweg zu viele Häuptlinge gegeben. Und so gab er sich einer Leidenschaft hin, die noch heute eine zentrale Rolle in seinem Leben spielt: Wein.

Angefangen hat alles mit einem kleinem Weinhandel in der Garage seiner Eltern. Später reiste Giancarlo durch ganz Südeuropa, er arbeitete auf Weingütern, half bei der Lese und nahm an etlichen Seminaren teil. Das ist jetzt über 20 Jahre her, heute gibt er selber Seminare, veranstaltet Winzermenüs und lädt zu Weinabenden ein. Und trotzdem bezeichnet er sich selbst als blutigen Anfänger. »Erst gestern war ich auf einer Weinmesse in St. Anton. Da habe ich wieder gemerkt: Man lernt immer etwas dazu. Wein ist ein Sumpf. Man kann darin versinken.«

Der Wein war es auch, der Giancarlo zu seiner ersten eigenen Gastronomie geführt hat. 2006 eröffnete er das »Il borgo« in Lollar. Gehobene Küche, wie er sagt, knapp unterhalb des Sterns. »Es lief super, fünf Jahre lang war ich jeden Freitag und Samstag ausgebucht. Und trotzdem hat es am Ende nicht gereicht.« Es habe einfach nicht genügend Gäste für diese Art der Gastronomie gegeben, sagt der 43-Jährige und betont, dass viele Gastwirte unter diesem Problem litten. »Ich habe irgendwann nur noch von 17 bis 22 Uhr gearbeitet. Als Rentnerjob ist das okay, aber nicht für einen jungen Mann, der die Welt aus den Angeln heben will.« Und so entschied sich Giancarlo, sein Glück in Gießen zu suchen.

Was viele nicht wissen: Um ein Haar wäre er Betreiber des Heyligenstaedt geworden. »Wir waren eine Dreier-Combo, die den Laden führen sollte. Doch dann kam es ´bei der Planung zu Unstimmigkeiten zwischen den Gesellschaftern«, verrät Giancarlo. »Wir haben beschlossen, etwas anderes zu machen.« Das war 2011, seitdem gibt es das Gianoli.

Mit der kleinen aber feinen Karte, den ausgewählten Weinen - Giancarlo sagt, er habe die beste Weinkarte zwischen Frankfurt und Kassel -, den stilprägenden Konservendosen an der Decke und den großen Tischen, an denen die Gäste wie bei Mamma zusammensitzen, scheinen Giancarlo und sein Geschäftspartner Oliver Kruse einen Nerv getroffen zu haben. Die Trattoria ist extrem beliebt, viele Gießener sind Stammkunden. Neben dem Essen und Trinken ist es aber auch Giancarlo selbst, der die Menschen in die Plockstraße zieht. Er ist immer da, viele Gäste sind seine Freunde. Der 43-Jährige kennt nicht nur ihre Namen, sondern auch ihre Leidenschaften, Sorgen und Nöte. Giancarlo verbringt jede freie Minute im Gianoli. Nicht nur, weil er will. Sondern auch, weil er nicht anders kann. »Gastro ist eine Droge«, sagt er. »Und für deine Sucht lässt du eben alles andere stehen und liegen.«

Drogen sind stimulierend. Sie lösen Euphorie aus, sie sorgen für Hochgefühle, sie befriedigen. Aber der Rausch hat auch eine Schattenseite. Giancarlo sagt, die Arbeit sei physisch und psychisch sehr zehrend. »Ich arbeite dann, wenn andere Leute freihaben. Das passt auch nicht immer zu einer Beziehung.« Zum Glück habe er eine Partnerin, die viel Verständnis aufbringe, auch, weil sie ebenfalls selbstständig sei. »Aber trotzdem gibt es manchmal Reibungspunkte. Gastronomie ist nicht planbar. Wenn abends um 21 Uhr plötzlich 30 Gäste aufschlagen, komme ich erst drei Stunden später nach Hause.« Die Arbeit führe auch dazu, dass er seine beiden Töchter nicht so oft sehe, wie er es gerne würde. Aber Giancarlo räumt ein, dass diese Problematik zum Teil selbst verschuldet ist. Denn er verbringt auch in seiner Freizeit viele Stunden im Gianoli. »Ich liebe meine Kinder, ich würde alles für sie tun. Aber ich sage es ja: Gastro ist eine Droge. Der Spielsüchtige sagt auch, er möchte seine Kinder häufiger sehen. Aber der Spielautomat zieht ihn an.« Das Gianoli ist Giancarlos Spielautomat.

Nach dem Ende in Lollar und den geplatzten Plänen mit dem Heyligenstaedt führt Giancarlo nun ein angesagtes Restaurant mit viel positiver Resonanz. »Ich bin glücklich, dass es so gut läuft. Und dass die Menschen diese Art von Gastronomie, die stark von meiner Mama geprägt ist, auch wertschätzen.« Ein weiteres Restaurant will er aber nicht eröffnen. »Ich gehe davon aus, dass das Gianoli meine letzte Gastro sein wird.«

Somit hat Giancarlo vielen anderen Süchtigen etwas voraus: Er weiß, dass man sein Glück nicht überstrapazieren sollte.

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