22. Juni 2018, 15:28 Uhr

Mensch Gießen

Gerüstbauer Heinrich Velten: Mit Kraft, Kopf und Herz

Heinrich Velten ist Gründer, Chef, Kopf und Herz der größten Gerüstbaufirma in Gießen. Das Leben des 63-Jährigen verlief wie das Gerüstbauen: Er hat sich von ganz unten nach oben gearbeitet.
22. Juni 2018, 15:28 Uhr
Herr der Gerüste: Heinrich Velten. Der 63-Jährige hat in seinem Leben unzählige Tonnen von Gerüstteilen gestemmt. Mittlerweile lässt er eher bauen. Aber wenn es die Zeit hergibt, packt der Chef immer noch mit an. (Fotos: sk)

Mensch Gießen

Jeden Tag begegnen wir Gießenern, die uns zwar vertraut sind, die wir aber nicht kennen. Das wollen wir ändern: In unserer Serie »Mensch, Gießen« wollen wir einige dieser Gießener vorstellen.

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Heinrich Velten steigt aus seinem roten Sportwagen, grüßt freundlich. Für den klassischen Geschäftsmann ist das Kreuz zu breit, der Oberarm zu dick. Aber Geschäftsmann ist er – und noch dazu ein sehr erfolgreicher. Diese Karriere hätte ihm vermutlich kaum einer zugetraut. Nicht die Lehrer damals auf der Pestalozzischule, die ihn von selbiger verwiesen haben, noch viele seiner Freunde aus der wilden Jugendzeit.

Heinrich Velten ist auf dem Eulenkopf aufgewachsen. Bei den Manischen. Eines von acht Kindern. Die Gegend hat einen schlechten Ruf. »Ich fand es geil, dort aufzuwachsen. Eine tolle Zeit. Die einen sind arbeiten gegangen, die anderen nicht«, sagt Velten. Und ja: Es sei ein Stigma gewesen, von dort zu kommen. »Da hast du schon Schwierigkeiten gehabt. Nicht nur in der Schule. Als ich damals beim Tucker anfangen wollte, haben die gefragt, wo kommste her? Eulenkopp. Ach so. Die haben die Nase gerümpft. Später habe ich in Rödgen gewohnt. Da war das was anderes, aber ich noch derselbe Kerl. Aber halt nicht vom Eulenkopf. Das war das Klischee: alles Taugenichtse.«

Dass das mit der Schule nicht so die große Erfolgsstory geworden ist, lag aber nicht nur an der Herkunft. »Ich hatte einfach keinen Bock auf Schule«, sagt Velten. »Aber man sollte nicht denken, dass die Jungs immer dumm sind, nur weil sie keine Lust auf Schule haben.«

Ich habe 365 Tage im Jahr gearbeitet, egal ob feiertags oder sonntags

Heinrich Velten hat ganz klein angefangen mit dem Gerüstbau. Das erste Gerüst hat er gekauft, um seine Hofreite instandzusetzen. »Dann habe ich 100 Quadratmeter zugekauft. Falls man es mal braucht.« Später habe ein Nachbar angefragt, und der Freund von einem Freund. »So hat sich das entwickelt.«

Alles noch nebenbei. Velten war bei Tucker beschäftigt. »Ich habe mich in der Kunststoffabteilung hochgearbeitet. Ich habe Früh-, Spät und Nachtschicht gearbeitet. Wenn ich Frühschicht hatte, habe ich nachmittags Gerüst aufgebaut, wenn ich Spätschicht hatte, morgens ein bisschen was gemacht. Mehr oder weniger alleine. Mit 100 Quadratmetern brauchst Du keine Leute beschäftigten«, erzählt Velten.

Heinrich Velten hat irgendwann mal Kunstschlosser gelernt. Mit 35 ist er wieder auf die Schule gegangen, hat sich auf dem zweiten Bildungsweg zum Maschinenschlosser ausbilden lassen. Er hat im Straßenbau gearbeitet, Hochbau, Tiefbau, Dachdecker, Verkaufsfahrer, Rausschmeißer. Ich habe alles mögliche gemacht«, sagt Velten. »Ich hatte aber kein richtiges Ziel vor Augen.«

Die Sache mit dem Gerüstbau hat er weiterbetrieben, 1996 die ersten Leute beschäftigt. »Das war eine anstrengende Zeit. Alles Geld, das ich verdient habe, habe ich in neue Gerüstteile investiert.« 1999 hat Velten bei Tucker aufgehört und sich selbstständig gemacht. Zu dieser Zeit besaß er ca. 4000 Quadratmeter Gerüst. Heute sind es um die 150 000 Quadratmeter. »Damit kannst Du ohne Schwierigkeiten halb Alten-Buseck einrüsten.«

Dem einen musst du das Köpfchen streicheln, dem anderen in den Arsch treten

Ein Kuschel-Chef ist Heinrich Velten sicher nicht. Sein großer Vorteil: Beim Gerüstbauen macht ihm keiner was vor. Er kennt die Materie und hat vermutlich schon jede Unterlegscheibe und jede Strebe in seiner Hand gehabt. Dass er keinen Meister und auch keine klassische Gerüstbauer-Ausbildung hat – geschenkt. Seine Mitarbeiterführung: »Dem einen musst Du das Köpfchen streicheln, dem anderen musst Du in den Arsch treten«, sagt Velten. »Ich weiß ja, was man leisten kann. Ich will einfach, dass die Arbeit gemacht wird. Wenn das passiert, bin ich der liebste Mensch der Welt.« Und wenn nicht? »Wenn die sich da rumdrücken, dann werde ich schon böse«, sagt Heinrich Velten. Da möchte man nicht dabei sein.

Veltens Handy klingelt. Enkelin Janessa. Absolute Priorität. »Hallo Opa!«, ruft die Kleine ins Telefon. »Hallo, mein Schatz«, sagt Velten. Janessa ist 13. Sie erzählt ihrem Opa von einem Jungen, der sie geärgert habe. Heinrich Velten sagt: »Lass Dich doch nicht ärgern. Ignorier ihn einfach. Du brauchst noch nicht mal Worschtfett zu ihm sagen.« Janessa gluckst, der Opa lacht.

Velten ist trotz seiner 63 Jahre immer noch täglich am Arbeiten. Samstags und sonntags lade er Lkw ab oder belade welche, damit die Jungs am Montag durchstarten können. Dabei ist er häufig alleine.

»Dann geht mir auch keiner auf die Nüsse«, sagt Velten und lacht.

Auf dem Eulenkopf ist er nur noch selten. Manchmal besuche er einen der alten Freunde. »Viele sind weggezogen«, sagt Velten. »Das sind Leute, die das Leben dort oben nicht leben wollten. Es war wirklich schön dort, aber ich wollte es auch nicht. Man muss seinen Weg gehen.«

Den ist er gegangen. Ein mitunter steiniger Weg. Er ist stolz auf das, was er erreicht hat. »Das soll erstmal einer nachmachen«, sagt er. »Wenn ich mich dahinstelle und nur Bier saufe, dann wird das aber nix.« Geschenkt bekommen hat Heinrich Velten nichts. »Ich habe 365 Tage im Jahr gearbeitet, egal ob feiertags oder sonntags. Zehn Jahre war ich nicht im Urlaub.«

Ich fand es geil, auf dem Eulenkopf aufzuwachsen. Eine tolle Zeit

Beruf, Hobby, Leben. Bei Heinrich Velten ist das irgendwie eins. Alles dreht sich ums Gerüstbauen. Was er gerne macht in seiner Freizeit? Autofahren. Aber wenn er am Wochenende mit seinem PS-starken Sportwagen durch die Gegend fährt, ist das Ziel meist eine seiner Baustellen. Mal nach dem Rechten schauen. Ans Aufhören denkt der 63-Jährige ohnehin nicht ernsthaft. »Ich habe keinen Plan«, sagt Velten. »Aber wenn einer da wäre, der mir einen gewissen Betrag zahlt, würde ich überlegen. Ansonsten: Immer weiter. Mir macht das Spaß. Manchmal läuft’s nicht gut, dann denkste, verfluchte Scheiße, verkauf den Dreck. Aber das ist doch bei jedem so.«

Leise Töne sind nicht so sein Ding. Sein Auftreten ist forsch, seine Art direkt, die Sprüche manisch-herb. Er ist trotzdem ein freundlicher Zeitgenosse, der gerne lacht. Aber vor allem hat er ein sehr feines Gespür für Menschen. Vielleicht ist er, der Bursche vom Eulenkopf, in seinem Leben zu häufig von oben herab behandelt worden. Vielleicht ist es auch heute noch so, trotz seines Erfolgs als Geschäftsmann. Sein Credo: »Ich verurteile keinen aufgrund der Herkunft. Solange er sich anständig benimmt, ist mir das völlig Latte.« Welche Werte er Enkelin Janessa vermitteln möchte? »Ich möchte ihr das Gute zeigen und ihr erklären, dass man nicht alles negativ sehen soll«, sagt Velten. Und: »Respekt gegenüber anderen Menschen.«

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