06. November 2019, 21:31 Uhr

»Gerümpel« wird zur Herausforderung

06. November 2019, 21:31 Uhr
Objekte aus der ethnografischen Sammlung werden 2016 von den Restauratorinnen in Schutzkleidung behandelt. (Foto: Archiv/dkl)

Wenn am heutigen Donnerstag im Alten Schloss die Ausstellung »Wieso? Weshalb? Warum? - Fragen an die Ethnographische Sammlung« eröffnet wird (18 Uhr), ist das eine gute Gelegenheit, noch einmal an die wechselvolle Geschichte dieser Sammlung zu erinnern. Denn bei allen Klagen über die bislang unzureichende Inventarisierung und den teils schlechten Zustand, in dem sich einige Objekte befinden, darf man diese nicht außer Acht lassen.

1910 eröffnete das »Gießener städtische Museum für Völkerkunde der Wilhelm Gail-Stiftung« im Turmhaus am Brandplatz. Die damals rund 1000 Objekte hatte der Gießener Fabrikant Wilhelm Gail (1854 bis 1925) aufgekauft oder per Auftrag, auch an seinen Sohn Georg, zusammentragen lassen. Schon kurz danach zog das Museum in das Neue Schloss um. Gails Sammlungsbestand ging nach dessen Tod in den Besitz der Stadt über.

In den Folgejahren wuchs die Sammlung, nun als Teil des 1879 gegründeten Oberhessischen Museums, stetig weiter. Rund 5000 Objekte gehörten mittlerweile dazu. Doch nach 1933 verlor das Museum zunehmend an Bedeutung, vor allem auch, weil die Nationalsozialisten die Räume mitnutzten. Nach Kriegsende kam es zu Plünderungen. Die im Neuen Schloss untergebrachten Besatzungstruppen dezimierten den Bestand weiter, am Ende auf rund 1000 Objekte.

In den 1950er Jahren waren die Überreste der Sammlung im Dachgeschoss der Liebigschule zwischengelagert, zogen später in das Gebäude Asterweg 9 um. Dort wurde 1978 das »Museum für Völkerkunde Gießen« gegründet. Dessen Eröffnung war maßgeblich dem Einsatz des Ingenieurs und späten Völkerkunde-Studierenden Emil Finkernagel zu verdanken, der aus den Resten des früheren Völkerkundemuseums und unterstützt vom damaligen Leiter des Oberhessischen Museums, Dr. Herbert Krüger, eine neue Ausstellung aufbaute. »Aus freien Stücken und ohne den geringsten finanziellen Anspruch« habe er sich bereiterklärt, »aus dem Gerümpel wieder echte Kostbarkeiten werden zu lassen«, las es sich am 20. Mai 1965 in einem entsprechenden Bericht dieser Zeitung.

Früher 5000, nun 1000 Objekte

Was Finkernagel damals vorfand, waren an die 1500 lieblos zusammengetragene und aufgehäufte Objekte. Darunter befand sich auch jene peruanische Mumie, die noch bis 2017 im Keller des Leib’schen Hauses ausgestellt und mittlerweile im Museumsdepot untergebracht ist. Die war schon damals in schlechtem Zustand: ein Bein vom Köper getrennt, der Kopf lose. Dass es sich um die Überreste eines toten Menschen handelt, war damals nur am Rande Thema. Der Umgang mit solchen »human remains« ist heute ein anderer. Auch das kommt in der aktuellen Ausstellung zur Sprache.

Die Stadt Gießen verkaufte 1983 die Räumlichkeiten im Asterweg 9. Die Sammlung wurde daraufhin in der ehemaligen Lederfabrik in der Schützenstraße zwischengelagert. Und als 1987 das Wallenfels’sche Haus am Kirchenplatz als drittes Gebäude des Oberhessischen Museums eröffnet wurde, wurde dort eine kleine Auswahl von Objekten zur »Abteilung für Völkerkunde« ernannt und Teil der Dauerausstellung des Oberhessischen Museums. Die übrigen Objekte wurden auf dem Dachboden eingelagert - was bei vielen der ohnehin schon beschädigten Objekte durch unsachgemäße Lagerung weitere Schäden verursacht hat.

Erst 2014, als Sabine Philipp die Museumsleitung übernommen hatte, rückten die weder staubgeschützt noch ordnungsgemäß gelagerten Objekte auf dem Dachboden des Wallenfels’schen Hauses wieder ins Bewusstsein. 2015 wurde eine Notsicherung durchgeführt, die unter anderem beinhaltete, dass Objekte vier Wochen in einer Stickstoffkammer im Freilichtmuseum Hessenpark verbringen mussten, um eventuell vorhandene Schädlinge abzutöten.

Seit 2018 sind die Objekte im Depot des Oberhessischen Museums eingelagert. In diesem Jahr wurde dessen »Abteilung für Völkerkunde« in »Ethnographische Sammlung« umbenannt - so wie es bundesweit auch in anderen Museen mit ethnografischen Sammlungen gehandhabt wird.

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