21. Februar 2019, 14:00 Uhr

Bildung

Gerhard Augst: Uni-Sprache besser verstehen

Ein Bildungswortschatz ist wichtig für alle, »die mitreden wollen«, findet Gerhard Augst. Mit seinem neuen Buch will der Sprachwissenschaftler das erleichtern. Die erste Auflage war im Nu vergriffen.
21. Februar 2019, 14:00 Uhr
Einst musste sich der Landwirtsohn Gerhard Augst gehobene Sprache selbst erarbeiten. Jetzt will der Linguistik-Professor allen Interessierten mit seinem neuen Buch die Chancen zum Mitreden, -lesen und -denken eröffnen. (Foto: kw)

Holistisch. Prokrustesbett. Syllogismus. Schon das Buchcover treibt einem winzige Schweißtropfen auf die Stirn. »Schonmal gehört, aber, äh...« – »Den Titel hat der Verlag gestaltet und dabei zugkräftige Beispiele gewählt«, sagt Gerhard Augst. Der Sprachwissenschaftler will den Lesern seines neuen Buchs »Der Bildungswortschatz« keinesfalls ihre Wissenslücken unter die Nase reiben oder aussterbende Ausdrücke künstlich am Leben erhalten. Sein Nachschlagewerk soll vielmehr eine Hilfe sein für Studierende und Bürger, die beispielsweise den Kulturteil gehobener Zeitungen verstehen wollen.

Das im Hildesheimer Verlag Olms erschienene Buch stellt über 2000 Wörter, »die man kennen muss«, systematisch vor. Welche das sind, hat Augst zum einen mit seinen Studierenden besprochen, zum anderen systematisch erfasst. Er hat aktuelle Ausgaben von Zeit, Spiegel, Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung, einer Ingenieurs-Zeitschrift und der Apotheken-Umschau ausgewertet. Die Bildungswörter – meist Fremdwörter –, die er dort gefunden hat, sind im Buch zum Nachschlagen alphabetisch geordnet, ihre Verwendung wird an Beispielen erläutert. Außerdem erklärt der Sprachwissenschaftler kurz die Bildung von Wörtern aus lateinischen und griechischen Wurzeln. Vorgestellt wird auch der Wortschatz, der auf die modernen Wissenschaften zurückgreift, vom Quantensprung bis zum Lackmustest.

 

Zweite Auflage erscheint

Nützlich sein kann diese Sammlung auch für Angeber. Mit der Schlagzeile »Worte, die Eindruck machen sollen« und einem Quiz »Können Sie gebildet daherreden?« hat eine Zeitung in Hannover das Werk vorgestellt. Folge: Die erste Auflage mit 580 Exemplaren war im Nu vergriffen. Die zweite mit 1000 Stück kommt in diesen Tagen auf den Markt.

Dem 79-Jährigen ist diese Interpretation unangenehm. Ja, Bildungs- und Wissenschaftssprache taugen für »Imponiergehabe« sowie als Prestigesignal zur Ausgrenzung; das hat der Experte in seinem Buch klar benannt. Seine Motivation ist indes die Erfahrung, die er immer wieder mit Studierenden machte: Sie zeigten sich überfordert von Worten wie rekurrieren, kompatibel, Paradigma oder Stigma. Längere Sätze mit Stilmitteln wie »einleitend will ich bemerken« oder »das stellt sich als Problem dar« sei ihnen ebenfalls mitunter fremd. Sein Buch soll allen helfen, die mitreden oder -lesen wollen. Eigentlich wäre das Sache der Schule. »Sie müsste künftige Studierende besser auf die allgemeine Bildungssprache vorbereiten. Man braucht sie auch, wenn man sich in einer Bürgerinitiative engagieren und dafür vielleicht mal einen Aufruf schreiben will.«

Mit Bildungssprache hat man mehr Möglichkeiten des Ausdrucks, und man will ja auch komplexere Sachverhalte beschreiben

Gerhard Augst, Sprachwissenschaftler

Bildungswörter seien nützlich, weil sie »abstrakt und präzise« sind: »Man hat mehr Möglichkeiten des Ausdrucks, und man will ja auch komplexere Sachverhalte beschreiben.« Eine solche Sprachverwendung fördere vielschichtigeres Denken – und umgekehrt.

Leidenschaftslos stellt Augst fest, dass die traditionelle humanistische Bildung an Bedeutung verliert. Wenige lernen noch Latein, geschweige denn Altgriechisch. »Veraltet oder veraltend« seien Bilder aus Mythen – wie der Augiasstall – oder Ausdrücke wie »cum grano salis«. Aufgeführt hat er sie dennoch, weil sie laut seinen Erhebungen immer noch verwendet werden. Keine Träne weint Augst unnötig langen Sätzen hinterher, wie sie früher – nach lateinischem Vorbild – gern kunstvoll gedrechselt wurden. Dass die vornehm-französische Redewendung »à la longue« zunehmend vom englischen »in the long run« ersetzt wird, findet er nicht schade, sondern interessant.

Elitär denkt der 79-Jährige schon deshalb nicht, weil er auf einem Bauernhof aufwuchs und sich die Bildungssprache selbst erarbeiten musste. Er war nicht nur der einzige der sechs Geschwister, sondern »das erste Kind aus unserem Dorf, der aufs Gymnasium ging«. Augst weiß: »Im Jahr 1900 machte ein Prozent der Bevölkerung Abitur. 1960 waren es zehn, heute sind es 50.« Und das sei gut so: »Wir brauchen diese Hochschulabsolventen, sie sorgen für unseren Wohlstand.«

Nach wie vor pflegt der Wissenschaftler Kontakte in den Westerwald und spricht mit seinen Verwandten dort Mundart. Drei Dialekt-Wörterbücher hat Augst über seine alte Heimat bereits verfasst. Sein nächstes Vorhaben: Er möchte den Dialekt Biebertals festhalten.

Info

Zur Person

Gerhard Augst (79) wuchs auf einem Bauernhof im Westerwald auf. Er studierte Germanistik und Geschichte in Bonn und Mainz und begann parallel zur Doktorarbeit sein Referendariat als Lehrer. 1968 kam er als Assistent an die Justus-Liebig-Universität Gießen, wo er sich 1973 habilitierte. Im selben Jahr wurde er Professor für Sprachwissenschaft an der Universität Siegen, Seit seiner Emeritierung 2004 unterrichtet er als Lehrbeauftragter wieder in Gießen beim Arbeitsbereich Sprache der Germanistik – unentgeltlich, erklärt der Biebertaler, »weil ich in der Nähe wohne und ein ehemaliger Schüler von mir hier Professor ist«. Augst war maßgeblich an der Rechtschreibreform von 1996 beteiligt und hat Bücher zum Spracherwerb und zum Wortschatz veröffentlicht.

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