06. Juli 2018, 20:34 Uhr

Gerettet und nach Hause gebracht

»Zweimal Parkett Sessel, bitte.« Ein Fenster, durch das etliche Gießener solche Wünsche kundgetan haben, hat 36 Jahre im bayerischen Exil verbracht. Jetzt kehrt es zurück – und wird vielleicht zum Museumsstück.
06. Juli 2018, 20:34 Uhr
Angelika und Gerhard Kromas nehmen Abschied vom Kinokassenfenster aus dem ehemaligen Roxy. (Foto: kw)

Ein kleines Stück Gießener Kinogeschichte ist in seine Heimat zurückgekehrt. Am Frontfenster der Kasse aus dem Roxy konnten Filmfreunde einst schon beim Schlangestehen erkennen, welche Platzkategorien bereits ausverkauft sind. Durch eine runde Klappe hindurch taten sie ihre Eintrittskartenwünsche kund. Nach 36 Jahren im bayerischen Exil soll das historische Stück nun möglicherweise ins Museum kommen.

Der Österreicher Gerhard Kromas hat das Teil vor etwa 40 Jahren erworben. Zwischen 1974 und 1982 wohnte der Betriebswirt mit seiner Frau Angelika Kromas in Steinbach. Eines Tages kam er mit einem Freund am Ludwigsplatz am Roxy vorbei, das gerade renoviert wurde. Draußen standen Holz-klappstühle und die alte Kinokasse zum Abtransport bereit. »Da hat mein Herz schneller geschlagen«, erzählt der Senior. Seit seiner Studienzeit in München, wo er in den Riva-Studios jobbte, war er leidenschaftlicher Filmfreund. »Kino, das war für uns damals fantastisch. Die große weite Welt.«

Wenigstens einen Teil der historischen Einrichtung wollte Kromas retten – und zwar einen, der ins Auto passt. Er ging ins Kinogebäude, fand einen Ansprechpartner und holte sich die Erlaubnis. »Ich glaube, ich habe auch etwas dafür bezahlt.«

So zog das Kassenfenster mit dem Ehepaar Kromas um nach Freilassing an der deutsch-österreichischen Grenze. Eine Weile diente es als nostalgisches Dekorationselement in einem Theater. Zuletzt stand es bei dem Ehepaar im Keller.

»Eigentlich gehört es nach Gießen«, fanden die Eheleute. Weil Angelika Kromas dieser Tage ihr 40-jähriges Abiturjubiläum am Abendgymnasium feiert, nutzten sie die Gelegenheit und fragten sich über das Kulturamt durch zu möglichen Interessenten. So stießen sie auf das »Stadt[Labor]Gießen« zur Neukonzeptionierung des Oberhessischen Museums. Dafür können Bürger Gegenstände vorschlagen, die sie für museumswürdig erachten.

Die Projektleiter Ingke Günther und Jörg Wagner nahmen das Kinokassenfenster am Freitag vor dem Rathaus erfreut entgegen. Es illustriere den »Kulturwandel« der Medienlandschaft, sagte Ingke Günther. Die Entscheidung, ob es im Museum gezeigt wird, werde auch davon abhängen, ob Bürger Hintergrundgeschichten dazu erzählen (mehr im Kasten). Infrage komme auch eine Verwendung für die Projekte »Gießener Objekte – verborgene Geschichte« oder »Gießen in bewegten Bildern«. Zunächst wird das Fenster im Stadtarchiv zwischengelagert.

Die »Roxy-Lichtspiele« wurden 1951 eröffnet und als modern ausgestattete »Kulturstätte der Erholung und Erbauung« bejubelt. Gießen gehörte zu den Kino-Hochburgen in Deutschland und erlebte immer wieder Premieren bekannter Filme. Nach dem 1912 eröffneten Lichtspielhaus und dem 1935 eingeweihten Gloria war das Roxy das dritte Gießener Kino, mit 800 Plätzen aber das kleinste. Dafür sorgten zwei wasser- und luftgekühlte Ernemann-X-Projektoren der Firma Zeiss Ikon, ausgestattet mit Magnasol-Lampen, für beste Bild- und Tonqualität. Auch die Architektur galt als »formschön« und wegweisend.

Anfang dieses Jahrtausends war das Roxy mit 420 Plätzen der größte Kinosaal der Stadt, wo viele Blockbuster liefen. Nach der Eröffnung des Kinopolis am Berliner Platz schloss es 2013 und wurde zum Lehrgebäude für die Technische Hochschule umgebaut.

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