14. August 2015, 17:23 Uhr

Geografieprofessor aus Gießen auf Humboldts Spuren

Eine waghalsige Expedition führte die Brüder Schlagintweit im 19. Jahrhundert nach Indien und Zentralasien. Robert Schlagintweit wurde 1885 auf dem Alten Friedhof in Gießen begraben.
14. August 2015, 17:23 Uhr
Eine Radierung mit den Köpfen der drei an der Himalaya-Expedition beteiligten Brüder Robert, Hermann und Adolf Schlagintweit (v. l.).

Was hat eine Ausstellung über die »Expedition der Brüder Schlagintweit nach Indien und Zentralasien 1854 bis 1858« im Alpinen Museum in München mit Gießen zu tun? Nicht die Tatsache, dass der Deutsche Alpenverein Träger des Museums ist, der bekanntlich auch hier eine Ortsgruppe hat. Grund ist die Beteiligung von Robert Schlagintweit, der später als Professor für Geografie in Gießen lehrte. Großherzog Ludwig III. von Hessen soll, nachdem er einen Vortrag von Schlagintweit gehört hatte, diesen zur Habilitation ermuntert und 1864 als Professor für Geografie an seine Landesuniversität in Gießen berufen haben.

Robert Schlagintweit (1833-1885) blieb in Gießen, er ist auf dem Alten Friedhof begraben. Die Verhältnisse in Gießen waren allerdings bescheiden, die Professur eine außerplanmäßige, also nicht dotierte. Schlagintweit verdiente sein Geld weiterhin mit umfangreichen Vortragsreisen bis in die USA und Russland, war auch darin ein Pionier. Er dokumentierte die Reisen akribisch, erinnerte sich in seinen Reisenotizen auch mal an sein Stammgasthaus in Gießen, die »Restauration Busch«, später bekannt als »Steinsgarten«.

Die Münchener Ausstellung wurde angestoßen durch eine Schenkung im Jahr 2013 von über 700 Aquarellen durch die Familie Schlagintweit. Daraufhin wurde über zweieinhalb Jahre der umfangreiche Schlagintweit-Nachlass in der Bayerischen Staatsbibliothek erforscht, teilweise auch nach dem Verbleib der in gut 500 Kisten mitgebrachten naturwissenschaftlichen und ethnologischen Objekte gefahndet. Doch fand sich gemessen an der ursprünglichen Menge nur ein kläglicher Rest, so Dr. Stefanie Kleidt. Duplikate wurden unter Museen getauscht, ohne die einzelne Herkunft zu notieren, erzählt die Kuratorin, das war der übliche Umgang.

Die älteren Brüder Hermann (1826-1882) und Adolph (1829-1857) Schlagintweit aus München hatten sich bereits einen Namen gemacht als Forschungsreisende, sie waren mit dem legendären Forscher und Wissenschaftsorganisator Alexander von Humboldt bekannt. Dieser schaffte es, dass der preußische König Friedrich Wilhelm IV. und die britische Ostindien-Kompanie die mehrjährige Forschungsreise nach Indien und Zentralasien finanzierten. Geplant war es mit den beiden älteren Brüdern, Robert stieß kurzfristig dazu, war frisch promoviert und mit 20 Jahren noch nicht einmal volljährig.

Im September 1854 brachen sie vom englischen Southampton auf in Richtung Indien. Der offizielle Auftrag war die Erhebung von magnetischen Messdaten an Gletschern, die übrigens bis heute als Basis für die Gletscherbeobachtungen in der Himalaya-Region dienen, so genau waren diese. Doch ganz im Sinne Humboldts erforschten die Schlagintweits die bereisten Regionen in all ihren Aspekten, legten Sammlungen an, notierten, fotografierten und zeichneten. Sie reisten häufig auf getrennten Routen, jeder mit großem Gefolge, trafen sich dann wieder.

Für die East India Company erkundeten sie mögliche Wege über Himalaya und Karakoram, sorgten für die Kartierung wenig dokumentierter Gegenden und sammelten Bodenproben. Sie waren auch ambitionierte Bergsteiger, so stellten Adolph und Robert Schlagintweit mit dem Ersteigen des Kamet im Garwhal-Himalaya bis auf eine Höhe von 6785 Metern einen jahrzehntelang geltenden Höhenrekord auf. Adolph wollte die Erkundung des Weges bis Turkestan allein fortsetzen, ein bis dahin von Europäern nicht betretenes Gebiet. Er geriet zwischen Kriegsfronten, wurde als Spion gefangengenommen und geköpft.

Hermann und Robert brachten riesige Mengen an Objekten mit nach Hause, die für einige Monate im Schloss Monbijou in Berlin ausgestellt wurden. Die wissenschaftliche Bearbeitung schafften die beiden nicht, von geplanten neun Bänden erschienen nur vier, auch weil Robert 1864 nach Gießen ging und Hermann die Sammlung allein weiterbearbeitete. Für die Unterbringung hatten sie Schloss Jägersburg bei Bamberg gekauft, doch verkam die Sammlung zunehmend, wurde nach dem Tod der beiden verkauft. Die Erinnerung an die berühmten Forscher und Bergsteiger ging weitgehend verloren, die Gründe dafür sind komplex.

Die Expedition und die Forschungsergebnisse waren umstritten, da man sich längst von der Humboldt’schen Tradition des enzyklopädischen Sammelns abgewendet hatte und sich tiefer gehenden Fragestellungen widmete. Nationale Interessen führten in England zu einer Geringschätzung der Ergebnisse, in den deutschen Staaten galten die Brüder Schlagintweit als Autoritäten, erhielten Orden und Titel, auch den erblichen Adelsstand. Doch waren sie wenig diplomatisch und vergraulten ihre Gönner, nicht umsonst zogen sie sich nach Schloss Jägersburg zurück.

Das einzig verbliebene Erinnerungsstück im Gießener Raum, ein riesiges Büffelgehörn aus der Sammlung von Prof. Ritgen, hing einst im Rittersaal von Burg Gleiberg, lag aber seit den 1980er Jahren auf dem Dachboden. Es wurde für die aktuelle Ausstellung nach München gebracht und wird auf Dauer in der Zoologischen Staatssammlung verbleiben, so Dr. Jürgen Leib vom Gleiberg-Verein. Nur der Grabstein auf dem Alten Friedhof ist geblieben.

Was die Ausstellung im Alpinen Museum besonders attraktiv macht, sind neben der atmosphärischen Präsentation der Expeditionsobjekte Vitrinen, die als Reisekisten verkleidet sind, vor allem die faszinierenden Landschaftsaquarelle von Hermann. Dazu kommen die Fotografien von Robert und Hermann Schlagintweit, die unter daten.digitale-sammlungen.de digitalisiert anzuschauen sind. Die Ausstellung ist bis 10. Januar zu sehen, sie wird über einen Katalog (Böhlau Verlag, 29,90 Euro) in vielen Aspekten vertieft.

Dagmar Klein

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