28. November 2018, 11:11 Uhr

Genmanipulation

Genmanipulation: Gießener Wissenschaftler entsetzt über Tabubruch

Ein chinesischer Wissenschaftler hat verkündet, das Erbgut zweier Mädchen verändert zu haben. Der Aufschrei in der Welt ist groß. Auch am Wissenschaftsstandort Gießen.
28. November 2018, 11:11 Uhr
hoffmann_christoph_chh
Von Christoph Hoffmann

Es ist gut zwei Jahre her, dass diese Zeitung die in der Augenklinik angesiedelte Arbeitsgruppe für experimentelle Ophthalmologie der Justus-Liebig-Universität besuchte. Deren Leiter Prof. Dr. Knut Stieger erzählte vom Einsatz der Genschere Crispr-Cas9. Deren Entdeckung im Jahre 2012 gilt als Sensation, als Meilenstein der Medizingeschichte. Mit ihrer Hilfe können Wissenschaftler DNA-Sequenzen auf einfachem Wege verändern. In der Gießener Augenklinik forscht das Team um Stieger an der Heilung von durch Mutationen ausgelösten Augenerkrankungen. »Mit der Crispr-Methode können wir die entsprechenden Sequenzen herausnehmen, reparieren oder durch gesunde Sequenzen ersetzen«, sagte Stieger seinerzeit. Bestenfalls wird dadurch eine Erblindung verhindert oder geheilt. Zumindest theoretisch. Denn die Wissenschaftler arbeiten in Tiermodellen. Nicht nur für die Gießener Augenklinik gilt: Der Einsatz im Menschen ist wegen der unvorhersehbaren Folgen ein Tabu – das jetzt gebrochen worden ist.

 

Risiken nicht abschätzbar

In einem auf Youtube veröffentlichten Video behauptet der chinesische Wissenschaftler He Jiankui, er habe geholfen, die ersten genetisch veränderten Babys der Welt zu zeugen. Die beiden Mädchen Lulu und Nana seien vor einigen Wochen auf die Welt gekommen. Durch die Genmanipulation mittels Crispr sollten sie gegen eine Infektion mit HIV resistent gemacht werden.

Die Meldung aus China hat weltweit für Entsetzen gesorgt. Von »unverantwortlichen Menschenversuchen« war die Rede, von einer »Verletzung der Menschenrechte« und einem »schweren Schaden in die Vertrauenswürdigkeit der Wissenschaft«. Auch Stieger wird deutlich: Er sei »erschüttert und schockiert« gewesen, als ihn die Meldung erreicht habe. Natürlich müsse die Genmanipulation erst noch verifiziert werden, eine Behauptung in einem Video sei kein Beweis. »Sollte es sich aber bewahrheiten, wäre das ein schlimmer Vorgang, der nicht ohne Folgen bleiben wird«, sagt Stieger. Denn der Einsatz der Genomeditierung in Embryonen sei ein »ethisch nicht zu vertretender Vorgang« und mit »noch nicht abschätzbaren Risiken für die Kinder« verbunden. So könne der Einsatz von Crispr auch Veränderungen an unerwünschten Stellen hervorrufen, wodurch die Lebensfähigkeit der Zellen gemindert sein könnte. »Oder es können durch Veränderungen zelluläre Mechanismen außer Kontrolle geraten, die zum Entstehen von Krebszellen führen können. Die Forschungen hierzu stehen noch ganz am Anfang.« Das Vorgehen des chinesischen Kollegen sei umso unverständlicher, da es andere, sicherere Methoden gebe, um ein Kind vor einer HIV-Infektion zu schützen.

 

JLU nimmt Stellung

Auch die Justus-Liebig-Universität bezieht auf Anfrage dieser Zeitung Stellung: »Experimente mit Eingriffen in die Keimbahn des Menschen wie diejenigen, von denen aktuell aus China berichtet wird, sind in Deutschland nicht erlaubt und stellen zudem ein ethisches Tabu dar.« An der JLU beurteile in der medizinischen Forschung am Menschen die Ethik-Kommission des Fachbereichs Medizin ethische, medizinisch-wissenschaftliche und rechtliche Aspekte. Abgesehen davon seien die JLU-Wissenschaftler in der Wahl ihrer Forschungsmethoden frei, sofern sie im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen und unter Beachtung der guten wissenschaftlichen Praxis verliefen. In diesem Zusammenhang teilt die Pressestelle der Uni mit: »Die sogenannte Genschere wird in vielen Laboren an der JLU als molekularbiologisches Werkzeug eingesetzt, um in Zellkulturexperimenten die DNA zu modifizieren.«

Stiegers Kollegen werden ihm vermutlich zustimmen wenn er die Sorge äußert, das unseriöse Vorgehen des chinesischen Gentechnikers könne den Einsatz der Genschere per se in ein schlechtes Licht rücken. Dabei seien die Möglichkeiten, mit Crispr Positives zu bewirken, gewaltig. »Die Genomeditierung birgt ein sehr großes Potenzial, bisher unheilbare Krankheiten zu heilen oder anderweitig in der Biotechnologie eingesetzt zu werden. Die Veränderung des Genomes von menschlichen Embryonen sollte nicht zu den Einsatzgebieten gehören.«

 

Ethisch nicht vertretbar

Ähnlich äußert sich der Deutsche Ethikrat. Das Gremium betont, die Anwendung von Keimbahneingriffen sei derzeit ethisch nicht vertretbar. Das unterstreicht auch der Gießener Professor Steffen Augsberg, der seit 2016 Mitglied des Ethikrats ist. Wichtig sei jetzt ein internationaler Dialog. »Selbst wenn sich die Meldung als Ente herausstellen sollte, ist das eine ernste Angelegenheit. Es wird nicht der letzte Versuch in diese Richtung bleiben.«

Dann geht es womöglich nicht nur um die Resistenz vor Krankheiten. Sondern auch um das gewünschte Geschlecht, die passende Haarfarbe oder die richtige Nasenform. Vor zwei Jahren beim Besuch in der Augenklinik sprach auch Stieger über die Schattenseite der Genmanipulation. Werden die maßgeschneiderten Jungs und Mädchen von Morgen gesünder, klüger und schöner sein? Stieger baute seinerzeit auf den Aufbau entsprechender Hürden durch die Regulierungsbehörden. Er sagte aber auch: »Wir müssen uns nichts vormachen: Was geht, wird früher oder später auch gemacht.« Dass es so schnell geht, damit hat der Wissenschaftler nicht gerechnet.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos