08. Februar 2018, 21:38 Uhr

Gelungene Synthese

08. Februar 2018, 21:38 Uhr
Thorsten Maus in der Bonifatiuskirche.

Einen ausgewiesenen Spezialisten konnte der Förderkreis Neue Orgel für ein recht ungewöhnliches Konzert in der Bonifatiuskirche gewinnen: Thorsten Maus, Kantor in Recklinghausen und einziger deutscher Preisträger beim Improvisationswettbewerb 2003 in Saarbrücken, untermalte an der Eule-Orgel den Stummfilm »Faust – Eine deutsche Volkssage« von 1926.

Auf Johann Wolfgang Goethe, Christopher Marlowe und die alte Volkssage zurückgreifend, konfrontiert Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau den Zuschauer darin in drastischer Weise mit dem Kampf zwischen guten und bösen Mächten. Faust (Gösta Ekman) schließt einen Pakt mit Mephisto (Emil Jannings), um die Mitmenschen vor der Pest zu bewahren. Der Teufel verwandelt den Greis für einen Tag in einen jungen Mann. Einmal in Versuchung geraten, verlängert Faust den Vertrag und behält seine jugendliche Erscheinung. Erst verführt er die Herzogin von Parma, dann Gretchen (Camilla Horn). Unheilvolle Wendungen nehmen ihren Lauf...

Maus zeigte in seiner Improvisation außerordentliche Fantasie. Über einem Bass-Liegeton spielte er eingangs tiefernste Motivik, die zur Himmelsszenerie hinführte mit dem Erzengel und dessen Gegner Mephisto. Fluktuierende Klangflächen unterstrichen die dunklen, mysteriösen Züge Mephistos.

Die Orgelmusik schärfte die Wahrnehmung für inszenatorische wie darstellerische Aspekte. Kaum entziehen konnte man sich etwa Emil Jannings Virtuosität, mit der er Sadismus und Hinterlist des Teufels auf die Spitze treibt. Wie Todesangst und -raserei in der Bevölkerung um sich greift, brachte die Musik verstärkt zur Geltung. Maus hielt sich eng am filmischen Geschehen und intensivierte die Dramatik in weiter dynamischer Bandbreite.

Dabei zeigte sich, wie hervorragend die Eule-Orgel für solche Zwecke geeignet ist mit ihrem frappierendem Klang- und Ausdruckspotenzial. Viele szenische Details, etwa herumirrende Menschen oder eine beunruhigend pendelnde Deckenleuchte, illustrierte Maus musikalisch einfallsreich.

Vor allem aber behielt er stets den übergeordneten Bogen im Blick. Meditative Passagen lagen dem Kantor ebenso wie magische Momente. Maus schlug souverän eine gedankliche Brücke zwischen diversen musikalischen Strömungen.

Besonders prägte sich das Wiegenlied-Zitat »Schlaf, Kindlein, schlaf« ein, das verdeutlichte, wie Gretchen, dem wegen Kindsmord der Scheiterhaufen droht, sich in heile Zeiten zurücksehnt. Musikalisch zwingender ließe sich kaum vermitteln, wie sich der süße Traum als Illusion erweist.

Weist der Film mit raffinierten visuellen Effekten weit in die Zukunft, so mutete auch die Orgelimprovisation recht experimentell an. Für die bereichernde Verknüpfung spendeten die Besucher in der Bonifatiuskirche herzlichen Beifall. (Foto: jou)

Schlagworte in diesem Artikel

  • Christopher Marlowe
  • Emil Jannings
  • Friedrich Wilhelm
  • Friedrich Wilhelm Murnau
  • Gießen
  • Johann Wolfgang von Goethe
  • Kantoren
  • Mephisto
  • Orgel
  • Preisträger
  • Satan
  • Stummfilme
  • Gießen
  • Sascha Jouini
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos