21. Februar 2019, 06:00 Uhr

Wohnen für Mithilfe

Geglücktes Wohnexperiment

Geben und Nehmen, das ist das Prinzip bei »Wohnen für Mithilfe«. Weniger Miete gegen Kinderbetreuung heißt das Modell einer Trios aus Kleinlinden, das damit sehr zufrieden ist.
21. Februar 2019, 06:00 Uhr
Gemütliche Lesestunde: Die Studentin Linda Schoof mit Nils und seiner Mutter Susen Orth. (Foto: Friedrich)

Nils und Linda haben es sich auf dem Sofa zwischen Kuscheltieren und bunten Kissen gemütlich gemacht, die 23-Jährige liest dem Neunjährigen eine Geschichte auf englisch vor. Susen sitzt daneben und liest einen Roman. Dass sich Vermieter und Mieter gemeinsam einen schönen Abend machen, ist alles andere als typisch. Und auch keineswegs Teil der Vereinbarung von »Wohnen für Mithilfe«. Die lautet im Fall der Kleinlindener Hausgemeinschaft, dass die Studentin Kinderbetreuungszeiten übernimmt und dafür weniger Miete bezahlt. Ganz nebenbei ist in den vergangenen Jahren eine Freundschaft entstanden – eine schöne Begleiterscheinung, über die alle glücklich sind. »Das hat von Anfang an wunderbar gepasst, aber erzwingen kann man das nicht«, sagt Susen Orth.

Die 49-Jährige hatte 2014 die Idee, das separat gelegene Zimmer, das zu ihrer Wohnung gehört, zu vermieten – an jemanden, der hin und wieder auf Nils aufpasst. Die Krankenhaus-Projektleiterin wollte nach dem Tod ihres Mannes Lücken in der Betreuung ihres Kindes vermeiden. Mithilfe einer Tagesmutter, des Betriebskindergartens, ihrer Mutter und schließlich ihrer sympathischen Mitbewohnerin ist das in den vergangenen Jahren bestens geglückt. An einer richtigen Wohngemeinschaft, in der alles geteilt wird, hat sie dabei nie gedacht.

Und auch Linda Schoof ist dafür nicht der Typ. Die Studentin der Ernährungswissenschaften ist über das Projekt »Wohnen für Mithilfe« des Studentenwerks auf ihre jetzige Vermieterin aufmerksam geworden. Unterstützung im Garten oder Haushalt hätte sie sicher weniger angesprochen – aber Kinderbetreuung, das fand sie attraktiv. Mit Nils hat sie sich auf Anhieb gut verstanden. Sie spielen Fußball oder Dart, sie lesen oder musizieren zusammen. Wenn Susen Orth abends zur Chorprobe oder zum Sport gehen möchte, weiß sie ihren Sohn in der Obhut ihrer Untermieterin. Eine ideale Konstruktion, finden alle drei. Manchmal trifft sich das Trio auch zum gemeinsamen Kochen oder Fernsehen. Das steht natürlich weder im Vertrag noch war es beabsichtigt, es hat sich ergeben, weil die Chemie stimmt.

Bei uns hat alles von Anfang an gepasst. Wir drei verstehen uns gut

Susen Orth, Vermieterin

Wer sich auf ein solches Wohnexperiment einlässt, weiß nie genau, was auf ihn zukommt. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass »Wohnen für Mithilfe« selten realisiert wird. Dabei ist die Idee gut, denn alle Beteiligten profitieren. Auf dem angespannten Wohnungsmarkt gibt es viele Studierende, die sich eine bezahlbare Unterkunft wünschen. Wenn sich der zeitliche Aufwand im Rahmen hält, wäre Mithilfe in Haus und Garten machbar. Auf der anderen Seite gibt es viele Hausbesitzer, die nach dem Auszug ihrer Kinder viel Platz haben und Unterstützung gut gebrauchen könnten. Das Studentenwerk stellt auf seiner Homepage eine Plattform zur Verfügung, über die Vermieter und wohnungssuchende Studierende selbstständig zueinander finden können. Vorgaben zu bestimmten Modellen werden dabei nicht gemacht, es werden lediglich Ideen vorgestellt.

Den Interessenten wird ans Herz gelegt, alle Details vor der Unterzeichnung des Mietvertrags genau zu klären, um sicher zu stellen, dass die Beteiligten dieselben Erwartungen haben. Als Richtschnur für die Miete wird eine Stunde Arbeit pro Monat für einen Quadratmeter Wohnraum zuzüglich einer Pauschale für Nebenkosten zugrunde gelegt. Wie sie sich letztlich einigen, ist Sache der jeweiligen Vertragspartner. Die Kontaktaufnahme erfolgt ohne das Studentenwerk als Zwischenstation, daher gibt es keine Informationen darüber, wie viele Wohngemeinschaften so entstanden sind. Die Erfahrungen der letzten Jahre, sagt Sprecherin Eva Mohr, hätten jedoch gezeigt, dass das Forum nur von wenigen genutzt werde. Warum das so sei, wisse man leider nicht.

Das Kleinlindener Trio findet das schade. Denn warum soll das, was bei ihnen so gut klappt, nicht auch anderswo funktionieren? Nur einen Haken hat die Sache: In einigen Semestern ist Lindas Studium abgeschlossen. Doch bis es soweit ist, wird es noch viele Abende auf dem Sofa geben.

Wohnen für Mithilfe

 

Das Studentenwerk hat unter www.wohnen-fuer-mithilfe.de eine Plattform eingerichtet, um gemeinsames Wohnen zu fördern. Die Idee einer Wohnpartnerschaft ist, dass Bürger günstigen Wohnraum an Studierende vermieten und im Gegenzug Hilfeleistungen im Alltag bekommen, etwa bei der Haus- und Gartenarbeit.

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