02. Juli 2017, 19:24 Uhr

Nachttanzdemo

»Gegen Ignoranz« auf der Straße

Hunderte sind am Samstagabend trotz Schmuddelwetters bei der Nachttanzdemo über den Anlagenring gezogen. Nicht für alle war Politik die Hauptsache.
02. Juli 2017, 19:24 Uhr
Im Schneckentempo über den Anlagenring. (Foto: pkg)

Mehrere hundert Teilnehmer haben am Samstag bei der zehnten Nachttanzdemo »für kulturelle Freiräume – gegen Ignoranz« demonstriert. Die Route führte am Abend bis gegen Mitternacht um den gesamten Anlagenring. Begleitet wurde der Zug von vier Lkw mit DJ-Pulten und etlichen Polizeifahrzeugen.

Dem Facebookprofil der Veranstaltung war der Anlass zu entnehmen: »Wir demonstrieren gegen den kulturellen Kahlschlag in Gießen und für Freiräume politischer, sexueller und kultureller Art.« Entlang der Route fanden mehrere Kundgebungen statt, auf denen zusätzliche Forderung erhoben wurden. So sagte eine »Sofie« von der Antifaschistischen Revolutionären Aktion Gießen, deren Wagen unter dem Motto »G 20« stand: »Ich sehe G 20 als Symbol für Krieg und Gewalt. Wir wollen die Leute für den kommenden Gipfel sensibilisieren und mobilisieren.« Der Wagen der »schwulen Mädchen« stellte die Frage, ob die Ehe für Homosexuelle geöffnet werden oder die Ehe als solche nicht lieber gleich ganz abgeschafft werden sollte.

Politik nur Nebensache?

Dennoch entstand der Eindruck, als seien die politischen Forderungen für viele Demonstranten eher eine Randnotiz. »Wir haben einfach Bock auf eine geile Party«, grölt ein junger Mann, der dem Alkohol bereits kräftig zugesprochen hat. »Ich finde, das hier ist die coolste Veranstaltung in Gießen. Es ist einfach super, mit so vielen Leuten auf der Straße zu tanzen«, sagt ein Teilnehmer namens Tobi. Auch Fans der ersten Stunde waren mit von der Partie. »Wir haben selbst in Gießen studiert und waren damals auf der ersten Nachttanzdemo mit dabei«, schwelgt Familie Bork, die mit ihrer zweijährigen Tochter zur Demo gekommen ist, in Erinnerungen.

Die überwiegend jungen Demonstrationsteilnehmer versammelten sich bereits ab 18 Uhr auf dem Messeplatz in der Ringallee. Ausgerüstet mit Gummistiefeln, Regenschirmen und Einwegponchos warteten sie im Dauerregen auf den Beginn des Zuges. Die allermeisten Nachttänzer überbrückten ihre Wartezeit mit dem Genuss von Bier und Apfelwein. Für feste Nahrung sorgte die KüfA. »Diese Abkürzung bedeutet Küche für alle«, erklärt Benni, einer der Köche. Die Lebensmittel seien allesamt containert worden und würden gemeinsam zubereitet. »Wir wollen das Kochen hier als einen Prozess sehen, bei dem Menschen zusammenkommen.«

Gegen 19.30 Uhr setzte sich die Masse dann in Bewegung. Unter dem Wummern der Bässe ging es im Schneckentempo entgegen dem Uhrzeigersinn über den Anlagenring. Von Balkonen und Fenster aus wurde das nicht alltägliche Spektakel von den Anwohnern verfolgt. Auf den Lärm angesprochen sagte einer von ihnen: »Ich finde die Aktion gut und würde auch selber mitlaufen. Aber bei diesem Regen lieber doch nicht.« Manch einer mag weniger Verständnis gehabt haben, denn infolge der Parade wurde auch der Straßenverkehr zeitweise beeinträchtigt.

Am Elefantenklo erreichte die Stimmung ihren Höhepunkt. Als der Zug unter dem markanten Wahrzeichen für eine Kundgebung anhielt, schienen sich der bunten Truppe immer mehr Menschen anzuschließen. Benjamin Höfer, einer der Teilnehmer, fasst es folgendermaßen zusammen: »Das hier ist nicht die Party, zu der du hingehst. Das ist die Party, die dich abholt.«

Die Polizei meldete außer einem Platzverweis und einem medizinischen Notfall »keine besonderen Vorkommnisse.«

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