23. November 2018, 22:03 Uhr

Geflüchtete in Arbeit bringen

Seit einem Jahr findet in den Räumen der Diakonie Gießen das Bewerber-Café statt. Dort erhalten Geflüchtete Hilfe bei der Suche nach einem Job oder einer Ausbildung. Es ist eine intensive Arbeit – aber die Ehrenamtlichen haben Erfolg mit ihrem Engagement.
23. November 2018, 22:03 Uhr
Ehrenamtliche helfen Geflüchteten im Bewerber-Café dabei, den richtigen Beruf oder die richtige Ausbildung zu finden. (Foto: Schepp)

E s ist still in dem Gruppenraum der Diakonie an der Südanlage – obwohl sich hier rund 25 Männer und Frauen aufhalten. Eine konzentrierte Geschäftigkeit, ein tiefes Flüstern hat sich in dem zweckmäßig eingerichteten Raum eingestellt. Kaffee, Wasser und Schokolade in einer Ecke sorgen für die einzige Ablenkung. An sechs Tischen sitzen sich sechs ältere Herren und sechs junge Männer gegenüber. Die einen sind ehrenamtliche Helfer, die anderen Geflüchtete. Seit einem Jahr kommen sie jeden Dienstag zwischen 14 und 16 Uhr im Bewerber-Café zusammen. Ihr Ziel: Für die Geflüchteten eine Ausbildung oder eine Tätigkeit finden. »Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe«, sagt Susanne Lange-Wissinger, Koordinatorin des Bewerber-Cafés. »Aber sie ist erfolgreich.«

Lange-Wissinger war mittendrin, als zahlreiche Geflüchtete nach Deutschland kamen und die Diakonie im Auftrag des Landkreises Gießen versuchte, 1200 Ehrenamtliche in Stadt und Landkreis zu koordinieren. Nachdem im Sommer 2017 die Erstaufnahme der Menschen aus Ländern wie Syrien, Irak, Iran, Afghanistan oder Eritrea gelungen war, eröffnete sich für die Koordinatoren eine neue Aufgabe. »Der Bedarf war hoch, die Menschen in Arbeit zu bringen«, sagt Lange-Wissinger.

Die Idee für das Bewerber-Café war geboren. Seit Januar ist es ein Treffpunkt für Flüchtlinge, die wissen wollen, wie sie eine Arbeitsstelle suchen und bekommen. Niedrigschwellig ist das Angebot, das eine unabhängige, am Einzelfall orientierte Begleitung durch 15 Ehrenamtliche ermöglichen soll. Diese helfen Geflüchteten, ihren Lebenslauf zu schreiben, sie geben Tipps für Vorstellungsgespräche und kooperieren mit den offiziellen Stellen wie dem Jobcenter oder der Agentur für Arbeit. Gerade das ist Lange-Wissinger aus ihrer Erfahrung mit dem Ehrenamt wichtig: »Wir arbeiten nicht gegen die Behörden, sondern mit ihnen.«

Jede Woche kommen bis zu zehn Interessierte ins Bewerber-Café. In einem halben Jahr seien 250 Geflüchtete beraten worden, sagt Lange-Wissinger. Davon hätten 25 Prozent »einen deutlichen Schritt nach vorne gemacht«, also an einer geförderten Erstqualifizierung teilgenommen, einen Hilfsjob angenommen oder eine Ausbildung angefangen. Für die Ehrenamts-Koordinatorin sind diese Zahlen ein Erfolg. Es ist bezeichnend, dass es für das Bewerber-Café keine Werbung gibt – mit Ausnahme einer Karte im Briefformat. Die Interessenten erfahren von Ehrenamtlichen oder über Mundpropaganda anderer Geflüchteter, dass ihnen hier geholfen wird. Auch mehrere Unternehmen haben sich vorgestellt, um direkt vor Ort nach möglichen Mitarbeitern zu suchen.

Sie treffen dabei auf dankbare Flüchtlinge. Denn die meisten wollen arbeiten – egal was, egal wie. Sie wollten ihren Lebensunterhalt so schnell wie möglich selbst verdienen, sagt Lange-Wissinger. Denn sie spürten unter anderem eine Verantwortung gegenüber ihrer Familie. Die habe meist viel Geld für die Flucht bereitgestellt. Viele Geflüchtete würden deshalb ihrerseits den Verwandten Geld schicken. Deswegen seien manchmal Hilfsarbeiterjobs beliebter als Ausbildungen. Es gibt dort mehr zu verdienen.

Gewinn für beide Seiten

Dabei kann die Lehre für Flüchtlinge und Arbeitgeber ein Gewinn sein. Die Firmen finden Arbeitskräfte, die Geflüchteten erhalten eine Perspektive, langfristig in Deutschland bleiben zu können. Doch mittlerweile haben beide Seiten Respekt vor der Aufgabe bekommen: Viele Geflüchtete, sagt Lange-Wissinger, könnten praktisch gut arbeiten, täten sich aber in der Theorie schwer. Die Unternehmen müssten erkennen, dass es deshalb einen nicht unerheblichen Aufwand bedeutet, einen Flüchtling auszubilden.

Lange-Wissinger hat im Laufe des Jahres viele Erfahrungen gesammelt, wie es mit der Jobsuche von Geflüchteten klappt. Wer beispielsweise an einer vom Jobcenter oder der Arbeitsagentur finanzierten Einstiegsqualifikation teilnimmt, hat später bessere Chancen. Sie sei Grundlage und Türöffner zugleich. Hier lernen die Teilnehmer mehr über die deutsche Sprache, über das Land und machen Praktika. Ein Beispiel ist das Programm »First Step« des Bildungswerks der Hessischen Wirtschaft, das gezielt Geflüchtete für einen Pflegeberuf begeistern will. Lange-Wissinger: »Wer das geschafft hat, der weiß, worauf er sich einlässt.«

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