20. Februar 2018, 11:00 Uhr

Erreger

Gefährliche Keime auch in Gießener Gewässern?

In Gewässern in Niedersachsen sind antibiotikaresistente Keime gefunden worden. Doch wie sieht es in heimischen Gewässern aus? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.
20. Februar 2018, 11:00 Uhr

Was genau ist in Norddeutschland vorgefallen?

Reporter des Norddeutschen Rundfunks haben an insgesamt zwölf Stellen in Niedersachsen – unter anderem an Badeseen, Flüssen und Bächen – Proben genommen. Sie füllten Wasser in sterile Flaschen ab, zudem wurde Sand und auch Erde gesammelt. Ergebnis der Untersuchungen: In allen Proben fanden die Forscher multiresistente Keime.

 

Was haben die Funde in Niedersachsen mit Gießen zu tun?

Hier wurden die Proben untersucht. Genauer gesagt am Institut für Medizinische Mikrobiologie der Justus-Liebig-Universität. »In allen Proben fanden wir Keime, denen mindestens zwei der vier Standard-Antibiotikaklassen nichts anhaben können«, sagt Institutsleiter Prof. Trinad Chakraborty. Bei 26 Prozent der Isolaten sei eine Multiresistenz entsprechend der Hygieneklassifikation 3 MRGN nachgewiesen werden. MRGN steht für »multiresistente gramnegative Stäbchen«. Dazu zählen resistente Darmbakterien wie Escherichia coli oder Acinetobacter. MRGN gelten als besonders gefährlich und sind gegen drei oder gar vier Gruppen von Antibiotika resistent. Bei einem Isolat sei zudem eine Carbapenemresistenz gefunden worden. Chakraborty: »Besonders viele solcher Erreger waren in Proben aus einem Fluss, in den geklärtes Abwasser aus einer Klinik geleitet wurde. Aber auch in den Proben von zwei Badestellen fanden die Forscher resistente Keime. Unter den nachgewiesenen Erregern waren unter anderem Darmkeime, aber auch solche, die beispielsweise Lungenentzündungen hervorrufen können.« Auch Dr. Can Imirzalioglu, Ärztlicher Leiter des Gießener Instituts, ist besorgt: »Wir haben Erreger gefunden, die bei bestimmten Patienten durchaus schwerwiegende Infektionen verursachen können und auch schon als sehr virulente, also sehr gefährliche Erreger beschrieben worden sind.«

 

Wie konnten die Erreger in die Gewässer gelangen?

Laut Chakraborty gibt es mehrere Wege. »Eine Quelle sind landwirtschaftliche Betriebe mit Tierzucht/Tiermast und Gülleausbringung sowie Schlachthäuser. Eine weiter Quelle sind Abwässer aus Krankenhäusern und Pflegeheimen. In allen eben genannten Bereichen werden regelmäßig Antibiotika in größerem Stil angewendet.« Nicht zu vergessen sei die Allgemeinbevölkerung, bei der man von einer Besiedelungsrate von fünf bis zehn Prozent ausgehen müsse.

 

Wie wahrscheinlich ist es, dass auch Gewässer im Kreis Gießen betroffen sind?

Zumindest ist es nicht ausgeschlossen, sagt Chakraborty: »Basierend auf den bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen ist eine Verunreinigung denkbar, aber bisher nicht bewiesen.«

 

Sollten die Gießener im Sommer die heimischen Badeseen besser meiden?

Wie gesagt ist es noch völlig unklar, ob hessische Gewässer auch betroffen sind. Unabhängig davon sagt Martin Exner, seines Zeichens Direktor des Instituts für Hygiene und Öffentliche Gesundheit in Bonn, dass man keine Angst vorm Baden haben müsse. Man solle aber sehr genau auf die persönliche Hygiene achten. »Also sich mit sauberem Wasser abduschen, wenn man draußen zum Baden war. Das sollte man natürlich immer machen«, sagt Exner. Chakraborty hält sich zum Thema Baden bedeckter. Ob man die Gießener Seen im Sommer meiden solle, müsse das Gesundheitsamt beantworten. »Wie hoch die Gefahr durch solche Erreger in der Umwelt zum Beispiel an belasteten Badeseen ist, ist noch weitgehend unklar.«

 

Wenn es nicht zwangsläufig das Baden ist, wo liegt dann die Gefahr?

Bei gesunden Menschen führen die Keime in der Regel nicht zur Erkrankung. Doch sie könnten sich etwa im Darm ansiedeln, sagt Chakraborty. Später könne dies möglicherweise zu einer Infektion führen – zum Beispiel bei einer Immunschwächung, oder wenn Operationen durchgeführt werden müssten. Zudem bestehe das Risiko, dass die Bakterien weitergetragen und beispielsweise in Kliniken eingeschleppt werden. Man spricht daher auch von Krankenhauskeimen. Chakraborty: »Dort können sie für geschwächte Menschen lebensbedrohlich sein.«

 

Warum haben sich die Keime zu solch einem Problem entwickelt?

Viele Antibiotika, die heute verwendet werden, sind in den 60er bis 80er Jahren entwickelt worden. Die Keime hatten also ausreichend Zeit, Resistenzen zu bilden. Zudem ist die Entwicklung neuer Antibiotika zeit- und kostenintensiv, der Verkauf im Vergleich zu anderen Medikamenten aber nicht sonderlich lukrativ. Gleichzeitig hat der weltweite Verbrauch aber extrem zugenommen, zum einen durch den inflationären Gebrauch beim Menschen, zum anderen durch die Verabreichung der Tiernahrung.

 

Was kann gegen die Ausbreitung der multi-resistente Keime getan werden?

Chakraborty: »Bei Mensch und Tier Antibiotikaverbrauch reduzieren und Antibiotika sinnvoll und zielgerichtet einsetzten.« Greenpeace und der Bund für Umwelt und Naturschutz forderten das auch. Außerdem sollten für die Behandlung von Menschen wichtige Reserveantibiotika in der Tierhaltung verboten werden. (Foto: dpa)

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