25. Mai 2015, 18:03 Uhr

Gala wieder Höhepunkt der TanzArt ostwest

Auch diese Tanz-Gala war wieder umjubelter Höhepunkt des mehrtägigen internationalen Festivals TanzArt ostwest, das in Gießen zum 13. Mal stattfand.
25. Mai 2015, 18:03 Uhr
»Der Kampf der Geschlechter« – der Beitrag der Delattre Dance Company aus Mainz zur TanzGala im Stadttheater. (Foto: Wegst)

Ein schöner Rücken kann auch entzücken. Die alte Höflichkeitsformel hat mit dieser Tanz-Gala eine neue Bedeutung erfahren: gleich mehrere Stücke begannen mit dem Blick auf den nackten Rücken von breitschultrigen Tänzern. Die Beschau von Muskelsträngen und Sehnen zelebrierte Robert Robinson vom Stuttgarter Ballett am ausführlichsten; passend, denn die humorige Choreografie »Äffi« von Marco Goecke war zu Country-Songs von Johnny Cash inszeniert. Musik aus der Zeit als Männer noch Männer waren.

Auch diese Tanz-Gala war wieder umjubelter Höhepunkt des mehrtägigen internationalen Festivals TanzArt ostwest, das in Gießen zum 13. Mal stattfand. Das Stadttheater war am Samstagabend bis in den zweiten Rang gefüllt, jeder Einzelapplaus für die 17 Stücke von 13 Ensembles glich einer donnernde Fanfare für den Bühnentanz. Moderator Tarek Assam brauchte den Experten im Publikum – viele Weggefährten und Kollegen waren von weither gekommen – nicht viel erklären, er hielt sein Reden angenehm kurz und ließ den Tanz für sich sprechen. Der Gießener Ballettdirektor ist zugleich Mitinitiator und langjähriger Leiter des auf Austausch beruhenden low-budget-Festivals TanzArt ostwest. Sein Dank für das Gelingen galt vielen Menschen, doch gilt der Dank der Vielen vor allem ihm, seiner nicht nachlassenden Überzeugungsarbeit, mit der er ein großes Netzwerk für den Tanz aufgebaut hat.

Zum Grundkonzept gehört, dass die Theater und freien Ensembles Stücke schicken, die sie als charakteristisch für ihre Arbeit erachten. Weder eine Jury, noch ein Kurator treffen also die Auswahl, der Hinweis ist Assam wichtig. Hin und wieder lädt er ihm interessant und innovativ erscheinende Gruppen dazu, was in diesem Jahr für das Stück »Fade in This« des Bohemia Balet Prag zutrifft. So entsteht die Vielfalt, kann das große Spektrum des aktuellen Bühnentanzes ausgebreitet werden.

Gekommen waren Vertreter von langjährigen Kooperationstheatern, etwa das Ballett Vorpommern unter Ralph Dörnen und das Ballett Koblenz, einst unter Leitung von Anthony Taylor, jetzt unter der von Steffen Fuchs. Erstmals dabei war das Stuttgarter Ballett, sozusagen die Übermutter aller Tanzcompagnien in Deutschland, da aus ihrer Tanzschmiede viele berühmte Choreografen hervorgegangen sind; was auch an diesem Abend wieder bestätigt wurde, siehe die eingangs genannte Choreografie. Erstmals dabei war das Aalto Theater Essen, Ballettdirektor Ben van Cauwenbergh war zuvor in Wiesbaden zuständig.

Faszinierende Soli kamen aus Chemnitz mit einer Choreogafie von Reiner Feistel, aus Essen mit Denis Untila (Choreografie und Tanz), aus Poznan vom Gastchoreografen Paul Julius, der auch schon für die TCG gearbeitet hat, aus Stuttgart perfekt neoklassisch die Tänzerin Rachele Buriassi in einer Choreografie von Katarzyna Kozielska, und ausgesprochen filigran Moo Kim aus New York in einer Choreografie von Sidra Bell, die mit »Grief Point« die fragile Situation von Künstlern reflektiert.

Pas-de-Deux waren zu erleben von den Traditionsgästen aus dem Pfalztheater Kaiserslautern (Stefano Giannetti), in Kostümen des 19. Jahrhunderts vom Ballett Vorpommern (Anna Karenina von Ralph Dörnen), in dynamisch-zeitgenössischer Manier vom Ballett Ulm (Roberto Scafati). Ein Heimspiel der TCG war das Schlussduett aus »Im Satz des Pythagoras« (Tarek Assam) mit den famos lockeren Tänzern Michael Bronczkowski und Alberto Terribile. Ein süffisant die Rollenverteilung im klassischen Ballett hinterfragendes Pas-de-Trois kam von den Koblenzern (Steffen Fuchs), ein elegisch-feminines Quartett aus Chemnitz (Reiner Feistel), während das Trio aus Prag ein bedrängend ernstes Stück zum Thema Liebe und Tod bot (Simon Kuban), beeinflusst vom Laterna Magica-Theater.

Absolut beeindruckend waren die drei dynamischen Gruppenchoreografien, die alle vom Miteinander der Menschen handelten, aber denkbar unterschiedlich daherkamen. Spannend, so etwas an einem Abend sehen zu können. Von der Tanzcompagnie Gießen war es ein Ausschnitt aus »Cog« (James Wilton), von der Delattre Dance Company aus Mainz wurde »Der Kampf der Geschlechter« geboten und vom Staatstheater Kassel »Science! Fiction! Now!« (Johannes Wieland). Während die Gießener die Leichtigkeit und Eleganz der fliegenden Bodensprünge boten, agierten die Mainzer in geradezu archaischer Manier rund um Körperlichkeit und Sexualität, hingegen kämpften die Kasseler voller Aggression ganz im Hier und Heute.

Wer bis dahin den Humor vermisst hatte, wurde ganz zum Schluss noch entschädigt. Assam hatte sich selbst einen Wunsch erfüllt, wie er sagte, als er Ben van Cauwenbergh bat, sein gut 20 Jahre altes Solo »Les Bourgois« auch einmal in Gießen aufführen zu lassen. Den Klassiker tanzte wieder Denis Utila, der überzeugend den französischen Bonvivant zum Chanson von Jacques Brel bot. Hinreißend und von heftigem Applaus belohnt. A bientôt! Bis zum nächsten Jahr! Dagmar Klein

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