10. Februar 2018, 14:00 Uhr

Tänzer

Fußball? Lieber Ballett tanzen!

Glenn Buchholtz ist 25 Jahre alt und arbeitet am Stadttheater Gießen. Als männlicher Ballett-Tänzer hat er schon öfter blöde Sprüche gehört.
10. Februar 2018, 14:00 Uhr
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Von Christoph Hoffmann
Glenn Buchholtz als verwilderter Caliban in »Der Sturm«. Als männlicher Ballett-Tänzer hat der 25-Jährige schon öfters blöde Sprüche gehört. (Foto: Martin Karry)

Die Pubertät ist furchtbar anstrengend. Dieser Drang, unbedingt dazugehören zu wollen, »cool« zu sein. Bloß nicht anecken, bloß nicht gemobbt werden, dann doch lieber selber mobben. Die Pubertät ist ein Schwimmen mit dem Strom – doch Glenn Buchholtz schwamm nicht mit. Während seine Mitschüler Fußball spielten, ging Buchholtz zum Ballett – und bekam nicht nur einen blöden Spruch dafür. Doch auch wenn es nicht immer leicht gewesen ist: Bereut hat er es nie.

Buchholtz hat an einem der Tische im Foyer des Stadttheaters Platz genommen. Hinter ihm hängt der imposante Vorhang, der einst die Bühne überspannte. Es ist jetzt elf Jahre her, dass der heute 25-Jährige hier zum erstmals auf den Brettern stand. »Ich war 14, als ich das erste mal zum Jugendclub Tanz des Stadttheaters gegangen bin. Ein guter Freund von mir war schon hier und hat gesagt: ›Hey, komm’ doch mal mit.‹«

Der Freund von damals ist schon lange nicht mehr dabei, für Buchholtz’ ist der Jugendclub aber noch immer seine künstlerische Heimat. »Ich bin ein Mensch, der Bewegung an sich sehr mag, ich gehe gerne an meine körperlichen Grenzen. Nicht, um mich mit anderen zu messen, sondern um mich zu verbessern«, sagt der 25-Jährige. Durch die Verbindung mit der Musik könne er sich beim Tanzen einfach hingeben, »einen Film fahren«, hinzu komme der Kick, auf der Bühne unter Beobachtung zu stehen.

In der Blütephase der Pubertät definiert man sich darüber, dass man etwas Männliches tut

Glenn Buchholtz

Im Fokus zu stehen war so ziemlich das Letzte, was Buchholtz als 14-Jähriger wollte. »Ich habe erst nach einem Jahr offen erzählt, dass ich tanze. Ich hatte Angst vor den Reaktionen.« Klar: Ballett gilt als feminin. Und in der Blütephase der Pubertät definieren sich Jungs nun mal darüber, maskulin zu wirken und sich von allem Unmännlichen abzugrenzen. Auch Buchholtz war nicht frei von diesen Gedanken. »Ich habe in mir eine große Unsicherheit gespürt. Heute weiß ich: Die größten Widerstände stecken in einem selbst.« Auch nach der Pubertät musste er sich immer mal wieder Sprüche anhören. Ziehst du heute wieder dein Tütü an? »Das nervt, auch wenn es von guten Freunden kommt und nicht böse gemeint ist.«

Auf den ersten Blick mag Buchholtz’ Geschichte ein wenig an Billy Elliot erinnern, die Titelfigur aus dem gleichnamigen, mit Preisen überschüttenden Film über einen Jungen, der trotz etlicher Widerstände Balletttänzer wird. Einen zweiten Blick hält der Vergleich aber nicht stand. Buchholtz stammt nicht aus einer Arbeiterfamilie im rauen englischen Norden, und weder sein Bruder noch sein Vater malochen in einer Kohlenmiene.

»Meine Familie ist tolerant und kunstaffin, mein Bruder und mein Vater sind Musiker.« Und trotzdem sei es ihm schwergefallen, ihnen von seinem neuen Hobby zu erzählen. Selbst seine Mutter sei ein wenig verhalten gewesen. Oh, Tanzen. »Als sie mich dann aber das erste Mal auf der Bühne gesehen haben, war alles okay. Obwohl ich damals noch nicht gut war.«

Heute ist er es. Sehr sogar. Und trotzdem betreibt er seine Leidenschaft nicht professionell. Dabei hat er zweimal die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt bestanden. »Das erste Mal steckte ich mitten im Abitur. Ich habe die Prüfung nur gemacht, um für das nächste Mal vorbereitet zu sein«, sagt Buchholtz. Doch in den Folgemonaten sei in ihm die Erkenntnis gereift, Tanzen nicht hauptberuflich ausüben zu wollen. Und das aus mehreren Gründen.

Ziehst du heute wieder dein rosa Tütü an

Das hat Glenn Buchholtz schon öfter gehört

Zum einen könne eine simple Verletzung die berufliche Perspektive über den Haufen werfen. Vor allem aber: »Als Ballett-Tänzer kann man sich nicht selbst künstlerisch entfalten. Man ist quasi das Instrument des Choreografen, muss immer das tun, was er will.« Die Aufnahmeprüfung habe er trotzdem absolviert, trotz Zusage habe er sich schlussendlich aber doch für ein Freiwilliges Soziales Jahr und dann für ein Lehramtstudium entschieden. »Ich wollte mich nicht in Existenzängste stürzen, da ich nicht vollkommen überzeugt war, ob der Beruf das richtige für mich ist.«

Seine künstlerische Kreativität lebt Buchholtz heute in der Musik aus, das Studium finanziert er sich durch Nachtschichten als Krankenpflegehelfer in der Klinik. Doch auch dem Tanzen blieb er treu. Er gab Unterricht, nahm Einzelstunden, seine Ex-Freundin tanzte ebenfalls. Und er blieb beim Jugendclub des Stadttheaters. Auch, weil das Team um Choreografin Terrry Pederson-Pfeiffer die Stücke selbstständig umsetze, sei es Regie, Musik oder Lichtgestaltung. »Das Konzept liegt von A bis Z in der Hand des Jugendclubs«, sagt Buchholtz.

Ewig wird der Gießener trotzdem nicht mehr Mitglied sein. Jetzt, mit 25 Jahren, fühle er sich auf dem Höhepunkt seines Könnens, sagt er, vielleicht gebe es ja doch noch einen Weg, sich auf einer größeren Plattform zu professionalisieren. »Aber als freischaffender Künstler zu arbeiten, ist unfassbar schwierig.« Demnächst startet er erst einmal zusammen mit einem Schauspieler eine Lesungsreihe. Buchholtz will einen Fuß in der Kunst-Tür lassen. In welche Richtung es dann schlussendlich geht, weiß er noch nicht.

Es klingt so, als ob Buchholtz in Zukunft eher nicht als Lehrer in einem Klassenzimmer stehen wird. Sondern als Künstler auf der Bühne. Die größte Hürde hat er schon vor vielen Jahren genommen.

Zusatzinfo

Neue Produktion "Der Sturm"

Glenn Buchholtz ist am 24. Februar als Caliban in »Der Sturm« zu sehen, die aktuelle Produktion des Jugendclub Tanz. Das Stück wird um 15 und um 20 Uhr auf der taT-Studiobühne aufgeführt. Tickets gibt es im Haus der Karten (Kreuzplatz 6) und unter www.stadttheater-giessen.de.



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