12. März 2012, 19:28 Uhr

Fukushima-Schock weckte vor einem Jahr neues Engagement

Gießen (kw). In den Schulen wurde debattiert, unter Kollegen sprach man über die schlimmen Bilder aus Japan und am Abend versammelten sich 800 Menschen am Rathaus und forderten den sofortigen Kernenergie-Ausstieg Erdbeben, Tsunami und vor allem die Katastrophe von Fukushima trieben vor einem Jahr auch die Gießener um.
12. März 2012, 19:28 Uhr
Mehrere Wochen lang demonstrierten Bürger im vergangenen Frühjahr jeden Montagabend am Berliner Platz. Prominentester Redner war am 5. April Prof. Horst-Eberhard Richter (r.) – einer der letzten öffentlichen Auftritte des Psychoanalytikers in seiner Wahlheimatstadt. Im Dezember ist er im Alter von 88 Jahren gestorben. (Archivfoto: Schepp)

Viele jüngere Menschen hätten sich damals erstmals eingehender mit dem Thema Atomkraft befasst – etliche davon seien nach wie vor engagiert. Das sagte Gerhard Keller vom Arbeitskreis »Leben nach Tschernobyl« im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen Zeitung.

Der Arbeitskreis, angesiedelt bei der evangelischen Kirchengemeinde Langgöns, war in den ersten Wochen nach dem schockierenden Super-GAU (»größter anzunehmender Unfall«) viel gefragt. Keller selbst sprach bei den Demonstrationen in Gießen, die einige Zeit jeden Montagabend stattfanden. Als Experten wurden die ehrenamtlich tätigen Arbeitskreis-Mitglieder in Schulen eingeladen, »und wir haben uns bemüht, den Anfragen gerecht zu werden«. Seitdem sei das Interesse natürlich wieder abgeflaut, so der Lehrer. Aber in Gießen sei damals »sehr lebendige Anti-Atom-Szene« entstanden, die noch immer bestehe. Darunter seien einige Aktive, die sich zuvor nie politisch engagiert hatten. Und: »Man sieht Anti-Atomkraft-Aufklebern an Autos von Leuten, von denen man das nicht gedacht hätte.«

Begehrte Anti-Atomkraft-Anstecker

Großer Bedarf an Gesprächen, Handlung und symbolischen Gesten hatte sich am Montag angestaut nach einem Wochenende voller Schreckensnachrichten. Am Freitag hatte in Japan die Erde gebebt, im Laufe des Samstags explodierten die ersten Reaktoren in Fukushima. An den Kommunalwahlkampfständen der bürgerlichen Parteien im Seltersweg war das kaum ein Thema; um so mehr bei SPD, Linken und vor allem bei den Grünen. Denen wurden die Anstecker mit der Aufschrift »Atomkraft? Nein danke« – in den Wochen zuvor wenig gefragt – an jenem Samstag förmlich aus den Händen gerissen. Etliche Passanten hatten indes von den Entwicklungen noch gar nichts mitbekommen. Am Sonntag wusste dann jeder Bescheid.

Die Demonstration am Montagabend stampften Aktive vornehmlich der Grünen Jugend und von Attac am Montag kurzfristig aus dem Boden. Über Internet, Handy, Radio und Mund-zu-Mund-Propaganda hatten davon die schätzungsweise 800 Menschen jeglichen Alters erfahren, die sich am Abend mit Transparenten wie »Die Jugend dankt für eine strahlende Zukunft« und Sprechchören »Abschalten, abschalten« versammelten.

Seit Jahren hatte der Arbeitskreis »Leben nach Tschernobyl« vor den Gefahren der Atomkraft gewarnt. Dennoch hätten die Mitglieder angesichts der Ereignisse in Japan keine Genugtuung empfunden, betont Gerhard Keller. »Wir waren entsetzt. Wir hatten Kontakte zu japanischen Kirchengemeinden und haben gesehen, wie es den Leuten geht. Darüber kann man sich nicht freuen.« Aber zugleich, so der Gießener, »zeigt sich im Nachhinein: Wir Atomkraftgegner haben mit unseren Argumenten meistens richtig gelegen.« Dennoch würden sie noch immer nicht richtig ernstgenommen von Vertretern der »Atomlobby«, die nach wie vor von »Restrisiken« sprächen und versuchten, die Energiewende zu bremsen oder im Interesse der Konzerne zu gestalten.

Auch nachdem die Bundesregierung beschlossen hat, den Atomausstieg doch wieder zu beschleunigen, sei der ehrenamtliche Einsatz der Bürger gefragt, meint Keller. Es gelte zum Beispiel der »Angstmache« beim Umstieg auf erneuerbare Energien entgegenzutreten: Dass der technologisch machbar sei und die Strompreise nicht unverhältnismäßig in die Höhe treibt, zeige der Vergleich mit Frankreich, das nach wie vor auf Kernkraft setzt. Wachsamkeit sei auch gefragt angesichts der Gefahren, die von den noch laufenden Kraftwerken und den Atommülllagern ausgehen.

Ein X aus Kerzen am Kirchenplatz

Die Konsequenzen des Atomunfalls seien »für Deutschland und ebenso weltweit noch nicht ausreichend gezogen worden«: Das meint auch die Greenpeace-Gruppe Gießen, die am Samstagabend mit einer Aktion auf dem Kirchenplatz an die Tsunami-Opfer erinnerte. 300 Kerzen wurden in der Form eines X aufgestellt. »Ein Jahr nach der Reaktorkatastrophe wird das Ausmaß des Atomunfalls immer deutlicher. Aus dem Grund fordert Greenpeace die Bundesregierung zu einem Atomausstieg auf, welcher keine AKW-Neubauten im Ausland unterstützt und einen ungehinderten Ausbau der erneuerbaren Energien vorantreibt«, hieß es.

Zum 26. Jahrestag des Unglücks in der Ukraine am 26. April lädt der Arbeitskreis »Leben nach Tschernobyl« wieder zu einem Gottesdienst in der Kirche in Langgöns ein. Dabei wird auch Fukushima ein Thema sein.

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