24. Mai 2019, 14:00 Uhr

Mensch, Gießen

Für Christian Lugerth ist Gießen Heimat geworden

Er ist Musiker, Schauspieler und Regisseur. Christian Lugerth. Die beste Inspirationsquelle ist sein eigenes Leben, sagt er - und erklärt, warum Gießen nach über 20 Stationen nun seine Heimat ist.
24. Mai 2019, 14:00 Uhr

Christian Lugerth sitzt in seiner Küche. Der Raum ist spartanisch eingerichtet. Die Schränke sind weiß, die Technik erfüllt ihren Zweck. Auf dem weißen Tischchen vor ihm liegen ein Einkaufszettel - »Spargelcremesuppe«, »Toast« - und ein Handy, das die Jugend als solches vermutlich gar nicht mehr erkennen würde. Das mit Kreide auf eine Tafel über den Herd geschriebene »Fastenzeit« könnte auch als Motto für seinen Einrichtungsstil herhalten. Doch so bescheiden der 63-Jährige seine Küche gestaltet, so fordernd ist er in anderen Bereichen. Lugerth ist streitbar, er macht den Mund auf, wenn ihm etwas nicht gefällt. Sei es im gesellschaftlichen oder beruflichen Bereich. Stadttheater-Intendantin Cathérine Miville kann ein Lied davon singen. »Wir sind schon das ein oder andere Mal zusammengerasselt«, sagt Lugerth. Aber, das betont er auch, er schätzt es, in Gießen arbeiten zu können. Und das hat er in den vergangenen Jahren mit Erfolg getan.

Heute ist Lugerth der renommierteste Bühnenautor der Stadt. Er hat etliche Inszenierungen ins Theater gebracht. Zum Beispiel das vielbeachtete Stück »Rio Reiser - König von Deutschland« oder »Kurze Interviews mit fiesen Männern« von David Foster Wallace. Jahrelang stand er zudem als Schauspieler auf der Bühne, Bob-Dylan-Projekte treibt er ebenfalls voran, und als Vorleser lässt er Zuhörer in fremde Welten eintauchen. Lugerth ist ein prominentes Gesicht in Gießen, die Stadt an der Lahn ist seine Heimat geworden. Heimat?

Begeistert von Bob Dylan

One should never be where one does not belong - man sollte nie dort sein, wo man nicht hingehört. Bob Dylan singt das in seinem Lied »The Ballad of Frankie Lee and Judas Priest«. Lugerth weiß das natürlich, er kennt das Werk des Folkpoeten in und auswendig. Aber wo gehört man hin? Und wohin nicht? Was ist Heimat? Lugerth hat sich intensiv mit dieser Frage beschäftigt. Leicht fällt ihm die Antwort dennoch nicht. »Das ist unheimlich schwer festzupicken«, sagt der 63-Jährige. Dann beginnt er zu erzählen.

Lugerths Vater war Soldat im Zweiten Weltkrieg. Mit 17 Jahren Häuserkampf in Frankreich. Mann gegen Mann. Später fuhr er in Bottrop in die Grube, bevor er nach Kanada übersiedelte und als Holzfäller einen Haufen Geld verdiente. Lugerth lacht: »Auf der Rückfart mit dem Schiff haben sie ihm dann die Hälfte der Kohle geklaut.« Als der Vater mit knapp 30 Jahren zurückkehrte, ging er in den Osten, genauer gesagt nach Ilmenau, wo er für seinen Jack-London-Lifestyle wie ein Held empfangen wurde. In einer Silvesternacht schwängerte er dann jene Frau, die neun Monate später Christian Lugerth auf die Welt bringen sollte. »Ich hol’ dich nach«, soll er zu ihr gesagt haben, als er sich in Richtung Westen verabschiedete. Lugerths Mutter, im achten Monat schwanger, folgte ihm tatsächlich. Am Bodensee fand die Familie ein Zuhause.

Schießen, Saufen, Kiffen

Lugerth wurde in einer politisch aufgeheizten Zeit erwachsen. Revolte, Rudi Dutschke, Rote-Armee-Fraktion. All das färbte ab. Lugerth war bei den Maoisten aktiv, und wie es sich für einen Genossen gehörte, ging er nach dem Abitur zur Bundeswehr. »Für die Revolution schießen lernen«, sagt Lugerth und schüttelnd lachend mit dem Kopf. »Was für ein Schwachsinn«. Statt zu schießen lernte er beim Bund lediglich das Saufen, und so reichte er seine Verweigerung ein. Später hielt er sich mit Fensterputzen und dem Entladen von Zügen über Wasser. »Damals habe ich in einer Kifferkommune mit zehn Mann gelebt«, sagt Lugerth. Eine wilde Zeit, sagt der 63-Jährige, bis auf Heroin habe er alles ausprobiert. Wegen einer Frau zog es ihn dann nach Freiburg. Jurastudium. »Ich wollte die RAF-Mitglieder verteidigen«, sagt Lugerth. Er lächelt milde. Man merkt ihm an, dass er heute anders denkt.

An der Uni in Freiburg sammelte er auch erste Bühnenerfahrungen, etwa bei Polit- und Improvisationstheatern. »Das war aber nichts Ernsthaftes«, sagt Lugerth, »ich bin viel lieber auf Rockkonzerte gegangen«. Das änderte sich erst, als ihn ein Freund, der in den USA Schauspiel studierte, nach Amerika lockte. »Ich war dort ein halbes Jahr auf der Schauspielschule. Sie hätten mich genommen, aber mir fehlte das Geld.« Mit ihrem kleinen Lohn aus der Boutique konnte ihm die Mutter nicht unter die Arme greifen. Und der Vater, der es in der Fabrik in Konstanz immerhin vom Arbeiter zum Angestellten geschafft hatte? Den gab es da nicht mehr.

»Er hat sich umgebracht«, sagt Lugerth. Der Krieg hatte den einstigen Abenteurer schwer traumatisiert. »Es war wie bei vielen Männern dieser Zeit: Er bekam den Krieg nicht aus den Kleidern. Und damals konnte man darüber ja nicht reden.« Der Tod des Vaters hat die Familie lange beschäftigt, im Grunde tut er das noch heute. »Ich habe mich deswegen immer wieder mit meinem Bruder gestritten. Vor fünf, sechs Jahren haben wir uns sogar in einer Kneipe geprügelt.« Lugerth denkt einen Moment nach. Dann sagt er: »Solche Geschichten stecken tief drin in einer Familie.«

Liebe und Katastrophen

Lugerth hat bewegte Zeiten hinter sich. Und diese Erlebnisse fließen auch in seine Texte ein. Seine wilde Zeit in der Kiffer-WG hat er in der Hommage an Rio Reiser verarbeitet. Beschäftigt sich der Regisseur mit Tod, Trauer und Verlust, gibt ihm der Selbstmord seines Vaters Einsichten in das Gefühlsleben seiner Rollen. Bei Beziehungsstücken zehrt Lugerth ebenfalls von eigenen Erfahrungen. In der Liebe habe er Katastrophen erlebt, er habe aber auch selber welche ausgelöst. »Es geht dabei nicht um eine Nabelschau. Man sollte die eigene Geschichte niemals eins zu eins übertragen. Aber das Erlebte kann ein guter Motor sein.«

Auch für sein neuestes Projekt, das er im November auf die Bühne bringen will, hat er eigene Erfahrungen transformiert. Es handelt von Gerhard Gundermann, dem Baggerfahrer und Rockpoeten aus dem Lausitzer Braunkohlerevier. »Die Story hat mich sehr berührt. Das hat mit meiner persönlichen Geschichte zu tun.« Lugerth erzählt, viele Sommerferien bei seinen Onkels im Osten verbracht zu haben. Sein Gesichtsausdruck verrät, dass er gerne an diese Zeit zurückdenkt. »Ich verbinde sehr viel mit der DDR. Ich bin ein genetischer Ossi, der am Bodensee aufgewachsen ist« - und seit 18 Jahren in jener Stadt wohnt, die einst die Republikflüchtlinge aus der DDR aufnahm.

»Als ich 2001 nach einer Liebeskatastrophe nach Gießen kam, kannte ich nur das Notaufnahmelager im Meisenbornweg«, erinnert sich Lugerth. Und am liebsten hätte er sofort wieder kehrtgemacht. Die Stadt gefiel ihm nicht, hinzu kamen Streitereien mit der Theater-Intendanz. Lugerth hatte sich geistig schon von Gießen verabschiedet. Doch dann traf er die richtige Frau - und blieb. Bis heute sind die beiden ein Paar.

24 Umzüge mitgemacht

Lugerth ist viel herumgekommen. Er hat in Mainz, Düsseldorf, Hamburg und lange in Köln gewohnt. Bevor er nach Gießen kam, hatte er schon 24 Umzüge hinter sich. Er hat in allen Teilen des Landes gelebt. Doch trotzdem - oder gerade deswegen - hat der 63-Jährige eine Antwort auf die Frage, was Heimat ist. Sie fällt nur ein bisschen länger aus. Lugerth erzählt von seinen Besuchen bei den Verwandten in der DDR. Vom Blick auf den Gipfel des Säntis und die Bootsfahrt über den Bodensee. Er erinnert sich auch an die Karnevalslieder, die er mit Freunden in den Kölner Kneipen gesungen hat. Bei dem Wort Heimat denkt er aber auch an das Lahnufer am Bootshaus, wo er gerne liest, oder das Waldstadion, wo er den Aufstieg des FC Gießen gefeiert hat. »In erster Linie aber sind es die Menschen«, sagt er. »Sie sind es, die Heimatgefühle auslösen.« Es sind viele Orte, Menschen und Begegnungen, die Lugerth heimisch fühlen lassen. Dass aber ausgerechnet Gießen sein Zuhause werden sollte, ist für ihn selbst wohl die größte Überraschung. Aber hey: The times they are a-changin’.

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