19. Januar 2017, 14:00 Uhr

Tüftelei

Fünf Jahre gerätselt und gebastelt

Taste für Taste, Schraube für Schraube: Klaus Kopacz baut die Enigma nach, die im Zweiten Weltkrieg alle wichtigen Funksprüche der Wehrmacht verschlüsselte.
19. Januar 2017, 14:00 Uhr
Handout - Eine Verschlüsselungsmaschine des Typs «Enigma» aus dem Jahr 1944, von Heimsoeth & Rinke, Serial No. 19088 (undatierte Aufnahme). Die Enigma wurde am 29.10.2013 beim Auktionshaus Bonhams in London versteigert. Foto: Bonhams (zu dpa "Deutsche «Enigma» in London versteigert" vom 29.10.2013) ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der Berichterstattung und vollständiger Nennung der Quelle. Verwendung nur im vollen Format. +++(c) dpa - Bildfunk+++

Die von Kopacz hergestellten Exemplare gehen auch an den Emir von Abu Dhabi. Am heutigen Donnerstag hält er einen Vortrag im Mathematikum. Im Interview erzählt er, ob er von seinem Hobby leben kann.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Enigma-Maschinen nachzubauen?

Kopacz: In den Achtziger- und Neunzigerjahren hatte ich als Diplomingenieur beruflich mit der Prüfung moderner Chiffriergeräte zu tun. Bei meinen Kunden waren auch historische Verschlüsselungsmaschinen ausgestellt. Ich bin gebeten worden, einige der Geräte zu restaurieren. Unter ihnen waren Enigmas. Da ist meine Faszination geweckt worden, auch für die historische Bedeutung der Maschine. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Maschine in der Bundesrepublik und in der DDR übrigens weiter genutzt. Dass die Briten die Enigma schon im Zweiten Weltkrieg entschlüsselt hatten, wurde erst in den 70er Jahren bekannt. Im Mai 2008 habe ich meinen jetzigen Mitstreiter kennengelernt, der selbst eine Enigma nachbauen wollte. Es wurde schnell klar, dass es unbezahlbar wäre, nur eine Maschine zu bauen. Wir haben uns zum Nachbau von zehn Enigmas entschlossen, als Projekt in meiner Ein-Mann-Firma. Wir sind weltweit die einzigen, die die Enigma in einer Serie nachbauen.

Wie lange haben Sie gebraucht, bis die erste Enigma fertig war?

Kopacz: Fünf Jahre. Die erste Replik war im Mai 2013 fertig. Der hohe Aufwand entstand durch unsere Absicht, die Enigma originalgetreu nachzubauen, was uns nach Meinung vieler Kenner auch bestens gelungen ist. Eine Enigma besteht aus zirka 3200 Teilen, wobei es 326 verschiedene Typen von Teilen gibt. Für jeden Teiletyp sind bis zu vier Werkzeuge zur Herstellung erforderlich. Schwierig ist auch, dass es zum Beispiel manche Schrauben inzwischen gar nicht mehr gibt. Die mussten wir deshalb speziell anfertigen lassen.

Vor kurzem ist in New York eine Enigma für eine Viertelmillion Dollar verkauft worden. Wieviel verlangen Sie für Ihre Nachbauten?

Kopacz: Eine voll funktionsfähige Enigma kostet mit Zubehör im Moment 49 000 Euro inklusive Mehrwertsteuer. Die Preise für Zulieferteile steigen jährlich, was den Preis seit 2013 bis heute ungefähr verdoppelt hat. Es ist inzwischen mein Brötchen-Erwerb, auch wenn man damit nicht reich wird.

Stimmt es, dass Sie einzelne Bauteile sogar selbst herstellen?

Kopacz: Ja, das stimmt. Einzelne Aluminium-Gussteile zum Beispiel. Aber weil die Enigmas in überschaubarer Zeit fertig werden sollen, ist es unmöglich alles selbst zu machen, selbst wenn es technisch möglich wäre. Wir wollen ja zu Lebzeiten fertig werden.

Wieviele Nachbauten haben Sie bereits verkauft?

Kopacz: Bisher sind sechs Repliken verkauft worden. Eine weitere ging an meinen Freund, der im Enigma-Projekt als Hobby mitarbeitet. Die restlichen drei Maschinen werden vermutlich 2017 und 2018 verkauft. Eine Maschine ging übrigens an den Emir von Abu Dhabi. Eine amerikanische Internetfirma hat sie gekauft, als Geschenk für den Emir. Das war schon kurios. Ein jüdischer Amerikaner kauft bei einem Deutschen ein Gerät, das Nationalsozialisten eingesetzt haben, um sie einem muslimischem Araber zu schenken.

Zu welchem Zweck kaufen Kunden bei Ihnen Enigma-Replikate

Kopacz: Unsere Exemplare funktionieren einwandfrei, das ist ein großer Vorteil. Universitäten und auch das Mathematikum kaufen die Enigma, um damit die damalige Verschlüsselung und die Funktionsweise vorzuführen. Und es gibt mehrere Sammler unter den Kunden.

Auch wenn Sie die Enigma genau kennen: Stellt Sie die Maschine heute noch vor Rätsel?

Kopacz: Es tauchen immer wieder Sondermodelle mit anderer Walzenverdrahtung oder zusätzlichen Steckern auf, deren Verwendung für spezielle Nachrichtenverbindungen bisher nicht geklärt werden konnte. Es bleibt also spannend.

Sie haben einmal gesagt: Hätten die Deutschen eine bessere Verschlüsselungsmaschine verwendet, wäre der Krieg anders verlaufen. Wie meinen Sie das?

Kopacz: Diese Aussage stammt ursprünglich von einem englischen Historiker, ich glaube es war Ralph Erskine. Mit der Entzifferung der Funksprüche durch britische Kryptologen waren die Positionen der deutschen U-Boote im Nordatlantik bekannt. Fehler bei der Anwendung und Schwächen der Maschine selbst ermöglichten es, die Enigma zu knacken. Hätten die Deutschen eine sicherere Chiffriermaschine verwendet, hätte die Blockade Englands wesentlich länger angedauert. Der Krieg hätte vermutlich mindestens zwei Jahre länger gedauert, vermuten führende Historiker. Da inzwischen die amerikanische Atombombe einsatzbereit war, mag man es als Glück für Deutschland ansehen, dass der Krieg bereits im Frühjahr 1945 beendet war. (Fotos: dpa/pm)

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