31. August 2017, 19:51 Uhr

Frohnatur mit Bauchgefühl

Er sei eine »Frohnatur«, sagt Tim Bendzko über sich selbst. Doch die Songs auf seinem Album »Immer noch Mensch« handeln von Trennungsschmerz, dem Gefühl der Überforderung und den Tücken des allgemeinen Optimierungszwangs. Im Interview erzählt der Sänger, warum er dennoch keinen Therapeuten braucht – und er verspricht, es beim Gießener Kultursommer ordentlich krachen zu lassen.
31. August 2017, 19:51 Uhr

Sie singen, Sie seien »Keine Maschine«. Aber Sie produzieren Hits am Fließband, gehen auf große Tournee, sind Dauergast in diversen Fernseh-Shows. Woher nehmen Sie die Energie für all das?

Tim Bendzko: Das klingt jetzt so als ob alles harte Arbeit wäre. Aber das ist es nicht. Ich mache das, was ich tue, einfach gerne. Und wenn man Dinge gerne macht, ist es nicht schwierig, dafür Energie zu finden. Ich bin nicht der Strandliege-Typ, beschäftige mich gerne mit vielen Dingen. Auch wenn ich erst 31 bin, will ich in der Zeit, die mir bleibt, so viel wie möglich machen.

Für Ihr Album »Immer noch Mensch« waren Sie nicht nur Sänger, Texter und Musiker, sondern erstmals auch Produzent. Wie haben Sie diesen Part Ihrer Arbeit erlebt?

Bendzko: Das war sehr komplex, aber auch aufregend. Schon wenn man nur die Songs schreibt und mit den Produzenten daran arbeitet, ist das spannend. Aber wenn man niemanden hat, mit dem man sich rückschließen kann, fühlt man sich wie im luftleeren Raum. Aber als ich damit angefangen habe, habe ich immer wieder auf mein Bauchgefühl gehört und das hat mich beruhigt, so nach dem Motto: Das wird schon. Ich hätte es aber komisch gefunden, ein Album zu machen, das sich komplett von dem unterscheidet, was ich vorher gemacht habe. Wenn ich jetzt noch mal so ein Album machen würde, auf diese Art und Weise, wäre das exakt das Gleiche nur in anderer Form. Und das braucht kein Mensch. Wenn ich noch mal so etwas mache, dann wird es sicher etwas experimenteller.

Sie wollten vor allem echte Musik machen, eingespielt von echten Menschen. Warum war Ihnen das wichtig? Und geht der Trend wieder allgemein in diese Richtung?

Bendzko: Wichtig war mir in erster Linie, dass auch der Prozess des Albummachens eine schöne Sache ist. Wenn man sich entschließt, etwa zu machen, dann muss einem wirklich jeder Schritt davon Freude bereiten. Es kann auch mal anstrengend sein, aber es muss einen erfüllen. Wenn ich mit anderen Menschen Musik mache, dann ist das Schöne daran, dass es auch wirklich ein Machen ist und kein Warten. Wenn das alles an Rechnern programmiert wird, muss man daneben sitzen und darauf warten, dass das ein anderer »verdaut«, den richtigen Sound sucht und alles baut. Das ist für mich kein richtiges Musik machen. Wenn man aber gemeinsam in einem Raum sitzt und Musik macht, kann man spontan kreativ sein.

Für Sie ist Singen ein Grundbedürfnis. Lässt das eine Trennung von Privatleben und Beruf zu? Und wie viel Einblick in Ihr Privates wollen Sie zulassen?

Bendzko: Das Einzige, was ich nicht machen werde, ist es, meine Musik zu kommentieren. Es wird ja immer erwartet, dass man alles klar- und richtigstellen muss. Das Bedürfnis habe ich nicht. Ich hätte kein Problem damit, wenn bei mir zu Hause eine Kamera stehen und filmen würde, was ich tue. Ich habe nichts zu verbergen. Aber der Grund, warum ich das nicht mache, ist der, dass das keinen Nährwert hat für irgendjemanden. Und dementsprechend ist die Trennung zwischen Beruf und Privat für mich ganz einfach.

Die Lieder auf Ihrem neuen Album klingen sehr melancholisch. Es geht um Traurigkeit, Beziehungen, die zu Ende gehen, oder das Gefühl von Überforderung und Depression. Ist das nur eine momentane Phase oder eher Ihre allgemeine Grundstimmung als eher nachdenklicher und ruhiger Typ?

Bendzko: Das ist eben keine Phase, weil ich die Songs schreibe. Wenn ich ein Comedian wäre, würde ich ja auch nicht zu Hause sitzen und den ganzen Tag Gags schreiben. In jedem Menschen ist wohl beides in gleichem Maße vorhanden, aber jeder weiß anders damit umzugehen. Ich habe das große Glück, dass ich mir Sachen von der Seele schreiben kann. Andere müssen dafür zum Psychiater gehen. Ich schreibe Songs über Sachen, die mich beschäftigen. Ich bin zwar ein nachdenklicher Mensch und beschäftige mich intensiv mit allem, was um mich herum passiert, aber ich bin auch eine Frohnatur.

Kritiker sagen, Sie würden auf dem neuen Album leiden was das Zeug hält, seien ein Poesiealbum-Songwriter und würden sich im Selbstmitleid suhlen.

Bendzko: Mit jedem Tag mehr, an dem ich Musik mache, trifft mich Kritik weniger. Gerade wenn man ein Album wie dieses macht, in dem es darum geht, dem eigenen Bauchgefühl bis in die letzte Ecke zu folgen, dann ist alles, was anschließend an Kommentaren kommt, völlig irrelevant. Das einzige, was ich erreichen wollte, war, dass dieses Album existiert. Alles was danach kommt, ist zweitrangig. Es ist doch klar, dass es Leute gibt, die mich nicht ernst nehmen oder mich für super unkritisch halten. Es ist unsinnig, mich an so etwas aufzureiben. Ich nenne das das Dschungelcamp-Phänomen. Die Leute gehen ja ins Dschungelcamp, weil sie glauben, dort zeigen zu können, wie sie wirklich sind. Dieser Versuch an sich ist aber völlig unsinnig. Es ist mir völlig egal, welches Bild von mir in der Öffentlichkeit existiert, weil es, egal ob es positiv oder negativ ist, ohnehin nichts mit dem zu tun hat, wie ich wirklich bin.

Kritiker sind das eine, das Publikum ist das andere. Ihre Songs treffen offenbar einen Nerv. Wie viel Gefühl brauchen wir heute in einer Zeit voller Unsicherheiten?

Bendzko: Wir brauchen auf jeden Fall mehr Bauchgefühl. Es geht nur noch darum, was andere Leute sagen. Die sozialen Netzwerke sollten eigentlich etwas Verbindendes haben, doch das haben sie nicht. Sie sind ein weiteres Instrument, mit dem wir uns miteinander vergleichen. Vergleichen hat aber Konkurrenz zur Folge. Und das ist gerade bei Musik Unsinn. Da gibt es keine Konkurrenz, nur »gefällt mir« oder »gefällt mir nicht«.

Ist das eher hart klingende Deutsch die passende Sprache, über Gefühle zu singen?

Bendzko: Für mich ist das Deutsche gut geeignet, weil es eben nicht nur hart klingt, sondern auch eine große Vielfalt bietet. Man findet immer ein konkretes Wort, um eine Sache zu beschreiben. Ich finde es auch spannend, dass sich die Worte stellenweise selbst erklären. Mein Lieblingsbeispiel ist das Wort Einfall. Ich sage immer, wenn man einen Song schreibt, ist es das Beste, wenn man erst mal nichts tut. Man muss ja Platz schaffen, damit einem etwas einfallen kann. Und das eher Harte im Deutschen finde ich auch gut, weil man dadurch eher perkussiv singen kann.Wenn Leute meine Songs covern oder auf YouTube singen, dann scheitert das meist an der Rhythmik. Die ist bei mir schon speziell. Aber ich bin eben ein großer Fan davon, nicht alles schlagermäßig ganz gerade zu singen, sondern ein bisschen experimenteller zu sein.

Hat sich Ihr Traum vom Beruf Sänger erfüllt oder hat das Leben im Musikbusiness auch seine Schattenseiten?

Bendzko: Ich habe das unglaublich große Glück, das machen zu können, was ich mir schon immer erträumt habe. Ich bin keiner, der dann schaut, was schlecht daran ist. Die guten Sachen überwiegen einfach. Es ist zu 99,9 Prozent genau so, wie ich es mir gedacht habe, sogar noch besser. Ich bin davon ausgegangen, dass die Plattenfirmen mehr vorschreiben, mich in die Richtung eines deutschen Justin Timerlake drängen wollen – aber all das ist nicht passiert. Wenn ich nicht Musik machen würde, die aus mir herauskommt, würde es nicht funktionieren. Gerade wenn man in der Muttersprache singt, spricht man nur die Leute an, wenn sie einem glauben. Und das tun sie nicht, wenn man eine konstruierte Sache ist.

Und auf was können sich die Besucher bei Ihrem Konzert in Gießen freuen?

Bendzko: Es wird auf jeden Fall für alle, die mich noch nicht live gesehen haben, überraschend. Live ist eine andere Kiste. Es wird sich sicher zeigen, dass ich kein trauriger Typ bin. Auch zwischen den Songs wird es unterhaltsamer, als man es vielleicht erwartet. Ich habe eine sagenhafte Band. Und entsprechend werden wir es krachen lassen – und dennoch den ein oder anderen intimen Moment erzeugen. (Foto: Christoph Köstlin)

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