25. Juli 2018, 21:45 Uhr

Frischer Wind in der Denkfabrik

Harald Wolff ist neuer Chefdramaturg am Stadttheater Gießen. Bei einem Gespräch auf einer sonnenbeschienenen Parkbank im Botanischen Garten erzählt der quirlige 47-Jährige, warum er Theater sexy findet. Und er beschreibt, warum er die Auseinandersetzung mit dem Publikum sucht.
25. Juli 2018, 21:45 Uhr

Inwieweit trägt die kommende Spielzeit schon Ihre Handschrift?

Harald Wolff: Den Spielplan für das Schauspiel haben meine Kolleginnen und ich gemeinsam vollständig entwickelt. Es ist ein großes Glück, dass ich zwar sehr spät ins Boot gekommen bin, aber da noch alles offen war und gestaltet werden konnte.

Was macht ein Chefdramaturg für alle Sparten? Diese Funktion ist neu am Stadttheater.

Wolff: Dramaturgie ist der Think Tank des Theaters. Die Frage ist: In welcher Gesellschaft wollen wir leben, welche Geschichten müssen dafür in dieser Stadt erzählt werden und welche Formen finden wir dafür? Mein Schwerpunkt ist Schauspiel. Hier haben wir mit Carola Schiefke, Monika Kosik und mir ein Team aus drei festen Dramaturgen sowie Björn Mehlig von den Angewandten Theaterwissenschaften als Mitglied der Schauspielleitung. Der neue Dramaturg im Musiktheater, Christian Münch-Cordellier, ist nicht nur für den Opernspielplan, sondern auch die Konzerte zuständig und Johannes Bergmann für den kompletten Tanz. Meine Aufgabe ist es, für diese sehr unterschiedlichen Personen, Erfahrungen und Ansätze der Ansprechpartner zu sein und sie zu einem schlagkräftigen Team zusammenzuführen, Orientierung zu bieten und Themen in der Stadt zu finden und sie für das Haus zu setzen. Es geht darum, Verbindungen zwischen den Sparten auch gedanklich herzustellen, Dinge gemeinsam zu entwickeln zu Themen, die uns alle beschäftigen.

Somit rückt aber auch der Mehrspartenhausgedanke wieder ins Zentrum.

Wolff: Dass die Sparten noch mehr untereinander kooperieren, ist ein ganz starker Wunsch im Haus. Alle erzählen mit leuchtenden Augen von früheren spartenübergreifenden Projekten. Solche Dinge machen etwas mit einem Haus. Was wir auf jeden Fall wieder anbieten, ist die Lange Nacht des Theaters. Gerade in solchen Formaten bilden sich Begegnungen und im besten Falle neue Ideen. Wichtig ist der persönliche Austausch gerade im Theater ja immer.

Sie sagen »Theater sind Orte der Zivilgesellschaft. Als Theatermacher muss man für eine freie Gesellschaft kämpfen.« Was bedeutet das konkret für Ihre Arbeit?

Wolff: Wir leben in einer Zeit, in der dies weit über das Theater hinaus geht. Wir haben zum Beispiel »Capitalista Baby!« nach Ayn Rand auf dem Spielplan, das davon erzählt, wie das ganze Drama in den USA angefangen hat. Es ist ein Tanz auf Messers Schneide. Das Tolle an Rands Text ist, dass die Argumente nicht leicht von der Hand zu weisen sind, weil die Figuren auf der Bühne so wahnsinnig verführerisch sind und ich ihnen als Zuschauer gerne folge. Man muss dann sehr genau aufpassen, wo man der Argumentation folgen kann. Das ist eine Art der Auseinandersetzung, die wir momentan auch im großen gesellschaftlichen Maßstab führen.

Theater sollte Gesprächsanlässe bieten

Wolff: Richtig. Darüber, welche Gesellschaft wir sind und welche wir sein wollen. Das Erste, was autoritäre Regime angreifen, sind die Theater. Regisseur Kirill Serebrennikow wurde in Russland inhaftiert. Der ist Theatermacher und hat damit so viel weniger Reichweite als Fernsehen und Internet. Aber dennoch ist das Theater etwas, auf das autoritäre Herrscher schauen. Weil das Theater ein Freiraum ist, in dem Dinge passieren, die sich der Kontrolle entziehen. Es ist ein Raum der Begegnung. Indem wir da sind und indem wir Herausforderung und das Gespräch, die Auseinandersetzung mit den Zuschauern wollen, sie nicht einlullen oder Klassiker unter einen falschen Heimatbegriff stellen, tun wir das, was Demokratie ausmacht.

Theater in Ungarn, Polen, Russland sind ganz konkret bedroht. Inwiefern ist das Theater in Deutschland gefährdet? Es hat zum Beispiel schon Vorstöße der AfD gegeben, dass Stücke nicht gespielt werden sollen. Die Partei hatte gefordert, dass Maxi Obexers Stück »Illegale Helfer« in Potsdam vom Spielpan genommen wird.

Wolff: Das ist entsetzlich. Der Skandal besteht darin, dass dieses Stück Humanität fordert. Und wenn das Einfordern von Humanität auf deutschen Bühnen schon skandalträchtig ist, dann wissen wir, wo wir stehen. Ich habe gerade jemanden in Bayern gehört, der sagt: »Die Zeit des Multilateralismus ist zu Ende.« Und gleichzeitig muss der Intendant der Münchener Kammerspiele gehen – einer der Kämpfer für aufregende Formenvielfalt im deutschen Theater. Ich glaube, wir werden in den nächsten Jahren erleben, dass Theater konservativer werden. Unsere Aufgabe ist es, die Offenheit für die Vielfalt der Formen weiter zu propagieren. Und da ist Gießen geradezu prädestiniert, durch die Zusammenarbeit mit den ATWlern, die programmatisch einen Formaufbruch wollen. Es ist doch viel spannender, Vielfalt zu haben, als nur ein schmales Narrativ.

Sie haben mit der Dramaturgischen Gesellschaft bereits spektakuläre Aktionen auf die Beine gestellt, etwa »40 000 Theatermitarbeiter treffen ihre Abgeordneten« oder »631 Bundestagsabgeordnete treffen ihre Dramaturgen«. Werden Sie künftig auch den hiesigen Kommunalpolitikern, die mit über die Finanzierung des Stadttheaters entscheiden, auf die Pelle rücken?

Wolff: So weit ich das wahrnehme, ist die Kommunikation zwischen Theater und Politik in Gießen auf einem hervorragenden Niveau. Die genannten Aktionen dienten dazu, das Gespräch wieder zu initiieren, in Städten, wo diese Kommunikation abgerissen war. In Gießen ist das anders: Das taT ist eine sensationelle neue Spielstätte, das fantastische Probenzentrum in allerbester Lage, das Haus der Karten ein toller Ort. Ich vermute, dass sich all das nicht realisieren ließe, wenn man nicht sehr gut in einer Stadt etabliert ist – auch politisch.

Unabhängig von Kosten und politischen Einflussnahmen: Wie frei können Sie als Dramaturg an einem Stadttheater mit seinen Gegebenheiten gestalten?

Wolff: Theater ist ein Möglichkeitsraum und eine unglaubliche Ressource. Mein Job ist es, die Bedingungen zu schaffen, damit Künstler ihre Vision gut umsetzen können. Im täglichen Ressourcenkampf muss man sehen, wie man etwas realisieren kann. Wie man die Dinge dahin kriegt, macht gerade den Reiz aus. Als Dramaturg ist es meine Aufgabe, Texte und Menschen zusammenzubringen, von denen ich glaube, dass sie etwas miteinander anfangen können, bei denen eine Reibung entsteht. Theater ist dann Glück, wenn das aufgeht. Ich begleite die Durchführung, aber ich habe sie nicht in der Hand. Ich kann nur die bestmöglichen Bedingungen schaffen. Oft entscheidet sich erst auf den letzten Metern, ob es ein herausragender, guter oder nur mittelmäßiger Theaterabend wird. Da gibt es so viele Stellschrauben. Den Regisseur in seiner künstlerischen Vision zu unterstützen, ist mein Job.

Heißt das, dass Sie in erster Linie Leute nach Gießen holen, mit denen Sie gut zusammenarbeiten können? Gerade in Gießen gibt es doch auch einen festen Stamm von Gastregisseuren.

Wolff: Oft ist es so, dass man Arbeiten sieht und denkt, das ist unfassbar gut, die will ich kennenlernen. Das ging mir zum Beispiel bei Katharina Ramser so, die bei uns »Capitalista Baby!« machen wird. Und von Christian Lugerth habe ich gerade am Stadttheater Gießen seine mitreißende Arbeit »Rio Reiser« gesehen. Natürlich hilft es, wenn man sich gut versteht. Wenn ein Haus seit 16 Jahren erfolgreich läuft, auch in einer besonderen Form der Zusammenarbeit mit bestimmten Leuten, dann ist es wichtig, diese Leute kennenzulernen, so ich sie nicht ohnehin schon kenne. Thomas Krupa beispielsweise kommt jetzt für »Orlando« wieder nach Gießen, bei dem ich vor 20 Jahren gezielt hospitiert habe, weil er wahnsinnig aufregendes Theater macht. Mit Thomas Goritzki habe ich leider noch nicht gearbeitet. Aber als ich Regieassistent in Oberhausen war, hat er dort Dinge gemacht, über die alle mit leuchtenden Augen gesprochen haben. Darüber hinaus werden jetzt auch einige neue Handschriften ans Haus kommen. Etwa Katharina Ramser, die Formenreichtum und Genauigkeit in ihren Texten auszeichnen. Oder Katrin Hentschel, die »Romeo und Julia« machen wird. Das wird hoffentlich eine aufregend andere Veranstaltung. Und dann kommt auch noch Ivana Sajko, die ursprünglich kroatische Performerin war. Sie wird in Deutschland hauptsächlich als Literatin wahrgenommen, obwohl sie eigentlich immer für das Theater schreibt. Sie wird mit Preisen überhäuft und wird in Gießen ihren Text über den Krieg »Rio Bar«, das sind laut Untertitel »Acht Monologe für acht Schauspielerinnen in Brautkleidern«, selbst umsetzen. Das ist das erste Mal, dass sie in einem deutschen Stadttheater inszenieren wird – das ist schon eine kleine Sensation.

Es gibt ein schönes Zitat von Ihnen: »Theater muss sexy sein. Es muss mich anmachen.« Was muss Theater denn tun, um Sie anzumachen?

Wolff: Letztlich muss auf der Bühne eine eigene Welt und eine eigene Form geschaffen werden, die aus einem Anliegen heraus entwickelt wird. Ich muss einen Grund haben, um es zu machen. Deshalb haben wir auch die Verbrecherballade »Johnny Breitwieser« auf dem Plan – ein Musical. Ich habe den Text gelesen und ihn geliebt. Theater fängt genau da an, wo ich nicht sofort herunterbrechen und durchschauen kann, was alles passiert.

In früheren Programmheften haben Sie immer wieder mal ganz konkrete Bezüge zur jeweiligen Stadt gefunden, etwa für »Rose Berndt« ein Interview mit der örtlichen Donum-Vitae-Beratungsstelle geführt. Wird so etwas auch in Gießen passieren?

Wolff: Konkrete Überlegungen dazu gibt es nicht. Aber ohne in eine Stadt zu gehen und nach Ansprechpartnern zu suchen, kann man kein Theater machen. Es läuft immer über Begegnungen und Gespräche. In Göttingen beispielsweise brachen während einer Probe Demonstrationen gegen eine geplante Fabrikschließung aus und uns war klar: Dazu muss man sich verhalten. Wir haben daraus das Stück »Brandrodung« entwickelt.

Sie sind Jury-Mitglied des Kleist-Förderpreises für junge Dramatik. Heißt das, dass wir in Gießen verstärkt Werke von jungen Dramatikern auf der Bühne sehen werden?

Wolff: Es ist herausragend, wie sehr am Stadttheater Gießen schon Gegenwartsdramatik gespielt wird. Die zieht sicher nicht immer die großen Massen an. Gerade deshalb ist es ein Ausdruck einer klaren Haltung: Hier wird etwas gewagt. Letztlich sind es aber immer die einzelnen Texte, die überzeugen müssen.

Was wünschen Sie sich vom Publikum?

Wolff: Lust auf Auseinandersetzung. Die erste Premiere, die ich hier gesehen habe, waren »Die kleinen Füchse«. In der vorderen Hälfte des Zuschauerraums saß das klassische Abo-Publikum, dahinter waren alle unter 30 Jahren. Das ist nicht selbstverständlich. Man kann nicht versprechen, dass jedem jeder Abend gefällt, aber man kann versprechen, dass man alles dafür tun wird, dass er die Auseinandersetzung lohnt. Ich wünsche mir Resonanz vom Publikum. Wichtig ist mir die Begegnung zwischen dem, was wir gut finden und wollen, und dem Anspruch an das Publikum, sich dazu zu verhalten. Die Bereitschaft, sich auf das Gegenüber einzulassen, ist die Voraussetzung für Begegnung. Und ganz wichtig: Ich will mich nicht langweilen. Mein wichtigster Maßstab ist: Wenn ich mich während der Proben langweile, dann stimmt etwas nicht. (Foto: gl)

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