08. November 2010, 20:14 Uhr

Friedrich-Feld-Schule unterstützt Asylbewerber, dem die Abschiebung droht

Gießen (pd). Er ist integriert und lernwillig, hat beim Umgang mit der deutschen Sprache in kurzer Zeit ein beachtliches Niveau erreicht und hat im Juni als Jahrgangsbester den Realschulabschluss absolviert. Trotzdem soll er auf absehbare Zeit Deutschland verlassen. Bryan Rattan versteht die Welt nicht mehr. Der Antrag des 20-jährigen Inders auf Asyl wurde vor kurzem vom Gießener Verwaltungsgericht abgelehnt.
08. November 2010, 20:14 Uhr
572 Unterschriften von Menschen, die sich für seinen Verbleib in Deutschland einsetzen, hält Bryan Rattan in Händen. Unterstützt wird er unter anderem von Lehrerin Edeltraud Alavi (r.) sowie Schulsprecher Win-Wa Ly und seiner Stellvertreterin Susanne Freitag. (Foto: Schepp)

Die Schulgemeinde der Friedrich-Feld-Schule, an der Bryan derzeit eine Ausbildung zum Fremdsprachensekretär absolviert, hat daraufhin eine Stellungnahme an den Petitionsausschuss des Hessischen Landtags weitergeleitet mit der Bitte, dem Schüler ein dauerhaftes Bleiberecht in Deutschland zu gewährleisten. 572 Unterschriften hat die SV der beruflichen Schule gesammelt, um der Petition Nachdruck zu verleihen.

Gemeinsam mit Bryan Rattan schilderten am Montag der stellvertretende FFS-Schulleiter Jörg Keller, die Integrationsbeauftragte Edeltraud Alavi, Schulsprecher Win-Wa Ly, seine Stellvertreterin Susanne Freitag sowie Pastoralreferent Joachim Schäfer von der Domgemeinde Wetzlar die Hintergründe seines Aufenthalts in Deutschland und der Petition an den Landtag.

Nachdem sein Vater, der als Politiker für die indische Kongresspartei aktiv war, ebenso wie sein Bruder 2006 bei politischen Auseinandersetzungen umgebracht worden waren, beschloss die restliche Familie, Bryan nach England zu schicken. Die Flucht aus dem Punjab entwickelte sich zur monatelangen Odyssee. Nach Stationen in Russland, Polen und Italien landete der junge Inder schließlich in München. Dort machte sich auch sein Begleiter, der ihn eigentlich nach Großbritannien bringen sollte, aus dem Staub. Der damals 17-Jährige landete in Hessen, kam als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling zur Clearingstelle der Gießener Caritas und besuchte schließlich an der Friedrich-Feld-Schule den Kurs »Deutsch als Zweitsprache«. Schon damals fiel er den Lehrern wegen seiner hohen Lernmotivation auf. Daran sollte sich auch später nichts ändern. Nach dem Hauptschulabschluss an der Gesamtschule Burgsolms besuchte Bryan, der inzwischen in Dutenhofen wohnt, die zweijährige Berufsfachschule in Wetzlar und ging als Jahrgangsbester (Notendurchschnitt 1,6) mit Realschulabschluss ab. Seit dem Sommer besucht er wieder die Friedrich-Feld-Schule, glänzt durch gute Leistungen und soziales Engagement, das sich nicht auf den schulischen Bereich beschränkt. In der Domgemeinde Wetzlar ist Bryan »einer meiner besten Mitarbeiter«, bekräftigt Pastoralreferent Schäfer. Auch Grundzüge des indischen Nationalsports hat der talentierte Cricketspieler, der in Indien auf dem besten Wege zum Profi war, seinen Freunden im Lahn-Dill-Kreis schon vermittelt.

Wenige Verständnis bringt der 20-Jährige für die Begründung des Verwaltungsgerichts bei der Ablehnung seines Asylantrags auf. Zum einen gebe es in Indien »innerstaatliche Fluchtalternativen«, hatte der Richter die Ablehnung begründet. Außerdem habe er noch nie erlebt, dass ein Inder Asyl erhalten habe. Bei solchen Entscheidungen müsse es um den Einzelfall und nicht um die allgemeine Erfahrung bei bisherigen Verhandlungen gehen.

Trotz der Ablehnung seines Antrags hat Bryan klare Zukunftsvorstellungen: Er möchte die Fachhochschulreife erwerben und Wirtschaftsinformatik studieren. Eine schnelle Abschiebung muss Bryan Rattan zwar nicht befürchten, weil bis zur Entscheidung der Petition erfahrungsgemäß etwa ein halbes Jahr vergeht. Nachvollziehen kann er das ihm drohende Schicksal allerdings nicht, wenn er abends im Fernsehen Politiker sieht, die aufgrund des Fachkräftemangels in Deutschland den Zuzug von gut ausgebildeten Ausländern fordern. »Als abgelehnter Asylbewerber fühlt man sich ohnehin wie in einer Zwangsjacke.«

Dass Bryan beste Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätte, bestätigen der stellvertretende Schulleiter und Lehrerin Alavi. »Er ist ein überdurchschnittlich guter Schüler mit vielfältigen Sprachkenntnissen«, betont Jörg Keller.

Diese Kenntnisse würde der 20-Jährige gern seinem Gastland zur Verfügung stellen. Schließlich habe der deutsche Staat ihn in den vergangenen Jahren bei seiner Ausbildung unterstützt. Diesen Vorschuss würde er gern zurückzahlen. »Hier gibt es einen sehr guten Umgang miteinander und sehr gute Menschen. Nur die Gesetze passen nicht dazu.«



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