11. Januar 2016, 11:53 Uhr

Friedensstifter in Hellblau

Gießen (kw). Seit gut drei Monaten fahren in Stadtbussen der Linie 1 »Kommunikatoren« mit. Mit Erfolg: Viele Fahrgäste sind dankbar – auch Flüchtlinge, denen es bisher offenbar an Möglichkeiten der Information mangelte. Frauen berichten, dass es weniger Übergriffe gibt als im letzten Sommer.
11. Januar 2016, 11:53 Uhr
In Teams sind die Kommunikatoren in den Bussen vor allem der Linie 1 unterwegs. Sie informieren, helfen und schlichten Konflikte. (Foto: Oliver Schepp)

Was hält sie davon, dass die Männer in den hellblauen Westen im Bus mitfahren? »Ich weiß gar nicht genau, was die machen«, sagt die 21-Jährige. Auf Nachfragen stutzt sie: Ja, früher hätten männliche Fahrgäste sie mitunter »begrapscht, angemacht, mit nicht so schönen Wörtern bezeichnet. In den letzten Monaten ist das nicht mehr passiert.« Das bestätigt ein 13 Jahre altes Mädchen, das im vergangenen Sommer mehrmals erlebte, dass junge Flüchtlinge sie und ihre Freundinnen mit ihren Handys »einfach fotografiert haben«. Ob man sie bewusst wahrnimmt oder nicht: Für Frieden auf der Stadtbuslinie 1 sorgen seit September fünf »Kommunikatoren«. »Es funktioniert sehr gut«, lautet die einhellige Meinung aller Beteiligten. Wahrscheinlich können die Mitarbeiter auch auf anderen Linien eingesetzt werden.

Mit bis zu 5000 Bewohnern war die Außenstelle der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge (HEAE) an der Rödgener Straße im vergangenen Jahr belegt. In den Bussen der Linie 1 war nicht nur Überfüllung die Folge. Immer wieder gab es auch Beschwerden über Belästigungen vor allem von Frauen und Mädchen durch junge Männer. Im Frühsommer waren Zusatzkräfte in den Bussen unterwegs, danach wurden sie abgelöst von den frisch geschulten »Kommunikatoren«. Sie sind Ansprechpartner, sollen Auskunft geben, für Sicherheitsgefühl sorgen, Fahrgästen beim Ein- und Aussteigen helfen sowie mögliche Konflikte verhindern und schlichten.

»Das Projekt läuft prima. Wir hören nur positive Stimmen von Fahrgästen und von unseren Fahrern«, sagt Roland Rustler, stellvertretender Geschäftsführer der Stadtwerke-Tochterfirma Mit.Bus. Derzeit habe sich die Lage in und um die HEAE ja ohnehin entspannt, weil dort nicht mehr so drangvolle Enge herrscht. Deshalb erwäge man nun den Einsatz der Kräfte auch in anderen Linien – denn Konfliktpotenzial gebe es auch mit einheimischer Klientel, vor allem »wenn es voll ist«. Dann sei es für den Busfahrer schwer zu helfen, der grundsätzlich Ansprechpartner bei Problemen sei.

»Gut, dass Sie da sind« bekommen die Fahrgastbegleiter immer wieder zu hören. Natürlich falle auch mal ein Schimpfwort, erzählen sie im GAZ-Gespräch. Es seien nicht unbedingt Asylbewerber, mit denen es laut werde. »Das hat eher was mit Alkohol zu tun«, ausfällig würden beispielsweise auch Studenten. Manche HEAE-Bewohner, die schon etwas länger an der Rödgener Straße untergebracht sind, »kennen und unterstützen uns«. Viele Flüchtlinge seien dankbar für die Ansprechpartner, die sie beispielsweise fragen können, wie sie an die richtige Fahrkarte kommen. »60 Euro fürs Schwarzfahren tun ja richtig weh.« Offenbar sei es früher nicht für jeden so einfach gewesen, sich zu informieren.

»Wir mussten noch nie die Polizei rufen.« Die Männer staunen selbst ein wenig darüber, dass ihr gemeinsames »freundliches und bestimmtes Auftreten« bisher in jeder Situation ausgereicht hat. Bei ihrer Auswahl und Schulung war die Fähigkeit, sich auf das soziale Umfeld einzustellen, ein wichtiges Thema. Mit einem Coach besprechen die Kommunikatoren schwierige Situationen. Sie haben in ihrer Ausbildung auch gelernt, bei Streits einzugreifen und sich zur Not zu wehren. Doch »Security-mäßig« müssten sie nicht auftreten, sie könnten als Friedensstifter wirken, berichten sie. »Wir bekämpfen nicht das Böse, wir fördern das Gute.« Deshalb macht ihre Arbeit allen Freude: »Man sieht den Erfolg. Es ist sinnstiftend.«

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