10. Februar 2017, 18:30 Uhr

Edle Tropfen

Freunde aus der Weinstube

Ein Gläschen Wein zum Feierabend, ein Treffen mit Freunden: Für viele Gäste der Weinstube in der Steinstraße ist das Lokal ihr zweites Wohnzimmer. Ein Besuch.
10. Februar 2017, 18:30 Uhr
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Von Karola Schepp
Walter Carl ist es wichtig, als Wirt der Weinstube und mit seiner Weinhandlung ein Bewusstsein für Qualität zu schaffen. (Foto: Schepp)

Günni hat schon viel gesehen. Der kleine Mafioso aus Holz mit Melone und dicker Zigarre steht in hinteren Teil der Weinstube, in dem Geschäftsführer Walter Carl neben dem Ausschank edle Tropfen zum Verkauf anbietet. Doch kaum einer weiß, dass eine wirklich traurige Geschichte hinter der fast mannshohen Skulptur steckt. Denn Günni ist ein Erinnerungsstück an einen früheren Stammgast, der plötzlich verstorben ist und wollte, dass mit Günni auch nach seinem Tod noch ein Teil von ihm in der Weinstube bleibt. Das ist ihm gelungen.

Walter Carl hat im Laufe seiner fast 34 Jahre in der Weinstube mit vielen seiner Gäste Freundschaft geschlossen und viele menschliche Schicksale kennengelernt. »Das ist fast mein halbes Leben. Ich habe viele kommen und gehen sehen«, sagt er mit Wehmut in der Stimme und siniert: »Wenn jetzt all die Leute hier wären, die nicht mehr sind, dann wäre hier kein Platz mehr frei.«

Seit 1983 ist der 64-Jährige die gute Seele der Weinstube, die sich in der Nachfolge des 1978 an gleicher Stelle gegründeten Weingeschäfts von Marga Pfeffermann entwickelt hat. Da hatte Carl noch in Marburg und Gießen Jura studiert, doch richtig glücklich war er damit nicht. Und nachdem einer seiner Freunde in Darmstadt mit einer Weinhandlung in einer ehemaligen Bäckerei erfolgreich war, reifte auch bei Carl die Idee, es damit zu versuchen.

Und auch er hatte dauerhaft Erfolg als Weinhändler – auch wenn das Geschäft wegen der Konkurrenz durch Internet und Supermärkte in den letzten Jahren immer schwieriger geworden ist. »Für 1,50 Euro kriegt man aber keinen guten Wein«, meint der Weinfan, dem es wichtig ist, etwa auch durch Blindverkostungen, »ein Bewusstsein für guten Wein zu schaffen«. Und da ist die Kombination aus Weinhandlung und Weinstube besonders geeignet, denn Carl kann seinen Gästen im Ausschank eine große Bandbreite von 30 bis 40 weißen und roten Weinen anbieten – von einem festen Händlerstamm und überwiegend aus Europa.

Nur Wein auszuschenken, das reicht aber längst nicht mehr. »Man muss auch was drumherum bieten«, weiß der Weinkenner und so gibt es in seiner Weinstube auch schon mal kleine Konzerte, Lesungen, Ausstellungen oder Weinproben – die nächste übrigens wieder am 9. Juni mit Rebensaft vom Weingut Schätzle im Kaiserstuhl.

»Eine Geschichte muss nicht wahr sein, nur gut«, sagt der Wirt mit einem Augenzwinkern beim Blick in die Runde der Gäste, die sich an Holztischen und Theke bei einem guten Tropfen angeregt unterhalten. Richter, Anwälte, Handwerker, Leute aus der Nachbarschaft – sie alle kommen beim Philosophieren über den Wein und das Leben ins Gespräch. »Das ist schon ziemlich familiär bei uns. Wir reden fast so wie in der Lindenstraße«, meint der Wirt. Und die »Freunde aus der Weinstube« verbringen auch schon mal gemeinsam ihren Urlaub.

Nicht immer sind es nur sogenannte Best-Ager, die hier zusammenkommen. »Ab und zu schauen auch mal junge Leute aus der Musikszene vorbei oder Leute vom Stadttheater«, erzählt Carl. Oder Erstsemester, die aus Weinanbaugebieten kommen, und in Gießen nach einem guten Weinlokal suchen. Laufkundschaft gibt es in der eher abseits gelegenen Steinstraße eher weniger, doch dafür ein ausgesprochen treues Publikum. Sogar Konfirmationen werden hier schon mal gefeiert. Oder Geburtstagsfeiern in geschlossener Gesellschaft, bei denen die Gastgeber auch gerne ihr eigenes Essen mitbringen können. Und wer keinen Wein trinken mag, für den öffnet der Wirt auch schon mal eine Flasche Bier oder schenkt Apfelsaft, Kaffee oder Wasser ein.

 

Angela Merkel mag es pelzig

 

Den authentisch-urigen Charme der Weinstube hat 2003 sogar schon Angela Merkel schätzen gelernt, als sie noch CDU-Vorsitzende war und nach einem Wahlkampfauftritt in den Hessenhallen samt Begleittross zum spontanen Absacker in die Weinstube kam. »Da hat sie gesessen«, meint Carl und deutet auf eine Ecke in der Weinhandlung – vis-à-vis von Günni. Zwischen Weinregalen und Branntweinfässern habe er einen Tisch für den prominenten Gast gedeckt, der dort noch von der Feier zu seinem eigenen 50.

Geburtstag am Abend vorher gestanden habe. Als »ganz patente Frau« hat der Wirt seinen bisher prominentesten Gast in Erinnerung. »Sie mag es pelzig«, erzählt er und verrät, dass die Politikerin mit ihren Begleitern »eine Flasche um die andere getrunken« habe. Dass es der Bundeskanzlerin gefallen hat, ist auch dem Gästebuch der Weinstube und einer Autogrammkarte zu entnehmen. »Vielen Dank für diesen schönen Abend«, steht da. Doch davon sieht man heute im Lokal nichts. »Die Devotionalien habe ich Zuhause«, sagt Carl mit einem verschmitzten Lächeln.

Sein Zuhause, das ist neben der Weinstube auch das Haus in Watzenborn-Steinberg, wo er Distanz zum zeitraubenden Alltag im Geschäft findet und Kraft schöpft. Bootstouren, Wandern, Saunieren, die Arbeit im Garten – das nutzt er als Ausgleich. Bis 2019 läuft der Mietvertrag für die Weinstube, dann erwägt Carl seinen Ausstieg aus dem Geschäft. Und wenn der Wirt bis dahin einmal ausspannt, kümmern sich zwei Angestellte um seine Gäste, darunter auch Marie Claire, die es der Liebe wegen von Frankreich ins Mittelhessische verschlagen hat.



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