20. Januar 2019, 09:00 Uhr

Landtag

Frank-Tilo Becher: Gießener feiert Neuanfang im Landtag

Am Freitag erlebte Frank-Tilo Becher seine erste Sitzung als SPD-Landtagsabgeordneter. Am Sonntag wird der Pfarrer in einem Gottesdienst als Dekan der Evangelischen Kirche verabschiedet.
20. Januar 2019, 09:00 Uhr
Abschied nach 16 Jahren: Frank-Tilo Becher hat das Bild der Kirche geprägt. (Foto: Schepp)

Herr Becher, wo ist Ihr Talar? Haben Sie ihn schon eingemottet?

Frank-Tilo Becher: Der hängt zu Hause, ich werde ihn am Sonntag bei meiner Predigt mit großer Freude tragen, danach wird er runderneuert und hat erst einmal Pause.

Das ist ein besonderer Tag für Sie. Mit welchen Gefühlen sehen Sie ihm entgegen?

Becher: Zum einen bin ich sehr glücklich, dass es nun endlich losgeht im Landtag. Ich ahne zwar, dass es auch eine Zeit der Wehmut geben wird. Doch jetzt überwiegen Dankbarkeit für eine wunderbare Zeit und große Zuversicht – für meine Zukunft, aber auch für das Dekanat. Ich habe da sehr großes Gottvertrauen.

Sie sagen, das Dekanat sei das Schönste innerhalb der EKHN. Wieso denn das?

Becher (lacht) : Ich hoffe, dass das jeder Dekan über seine Region sagt. Aber was wir hier in Gießen haben, ist eine sehr lebendige Miniatur der gesamten EKHN. Es ist alles da. Wir haben Kirchengemeinden mit ganz unterschiedlichen Angeboten, wir haben Klinik- und Notfallseelsorge, Arbeit mit Studierenden, mit Kindern und behinderten Menschen, wir haben die Jugendwerkstatt, eine solidarische Pfarrerschaft und ein vorbildliches Zusammenspiel zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen. Wir alle zusammen sind Kirche, bunt und individuell.

Religion ist mehr als Privatsache. Die Kirche muss auch immer wieder als Störerin auftreten

Frank-Tilo Becher

Aber es ist auch eine schwierige Zeit für die Kirche. Der Mitgliederrückgang und die bevorstehende Pensionierungswelle machen eine Neuausrichtung des Pfarrdienstes nötig. Schon jetzt werden Pfarrstellen zusammengelegt.

Becher: Natürlich ist es schwierig. Aber man kann und sollte Veränderungen auch als Chance sehen. Nicht jede Gemeinde muss alles anbieten, Kooperationen können auch entlasten. Man muss den Mut zur Spezialisierung haben. Wir können Menschen dann gut ansprechen, wenn wir mit Leidenschaft und Überzeugung unterwegs sind. Der eine kann gut Freizeiten oder ehrenamtliche Flüchtlingsteams organisieren, die nächste ist super in meditativen Gottesdiensten oder in Jugendprojekten.

Es ist für viele nicht leicht zu akzeptieren, dass sich in Zeiten großer Umbrüche auch die Kirche wandelt.

Becher: Sie ist ja verlässlich, aber wir sind immer auch eine Kirche im Übergang. Eine der großen Herausforderungen wird es sein, einerseits unsere christlichen Traditionen und Rituale zu wahren, aber andererseits offen für Veränderungen zu sein und Unterschiedlichkeit zuzulassen. Sich in Nischen zurückzuziehen ist jedenfalls keine Lösung.

Ein gutes Beispiel dafür ist der interreligiöse Dialog.

Becher: Richtig. Der ist für mich eine Herzensangelegenheit. Aber auch das intensive und gute Miteinander mit der katholischen Kirche und den orthodoxen Gemeinden war mir immer sehr wichtig. Ich bin davon überzeugt, dass den christlichen Kirchen eine besondere Verantwortung in der Gestaltung des religiösen Miteinanders zukommt.

Sie haben auch immer klar Stellung bezogen zu politischen Themen: Rechtspopulismus, Ladenöffnungszeiten am Sonntag, Flüchtlingspolitik sind Stichwörter.

Becher: Ich habe mich nie als Politpfarrer gesehen. Aber ich finde, man kann das gar nicht trennen. Christliche Werte wie Nächstenliebe oder Gerechtigkeit müssen sich in einer Gesellschaft wiederfinden. Religion ist mehr als Privatsache. Eine gute christliche Kirche sollte auch als Störerin auffallen. Die Debatte um die Sonntagsöffnung ist ein Beispiel: Das Primat der Ökonomisierung braucht Widerspruch, sonst verarmen wir.

Sie sehen sich selbst als Ermöglicher. Was meinen Sie damit?

Becher: Ich bin ein »Feuer- und Flamme-Typ«. Auch als Vorgesetzer. Ich habe mich immer darum bemüht, die Kollegen mit ihren innovativen Ideen zu unterstützen und daraus eine gemeinsame Richtung zu entwickeln.

Voraussetzung dafür ist sicherlich ein ständiger Austausch.

Becher: Kommunikation ist das A und O. Hier sehe ich große Defizite – auch in der Politik. Es gibt viel zu w enig empathische Zuhörer. Ich muss meinem Gegenüber signalisieren können: ›Ich habe verstanden‹. Das heißt ja nicht gleichzeitig, dass ich mit ihm übereinstimme.

Herr Becher, was werden Sie künftig vermissen?

Becher: Da gibt es sicher viel - allen voran die Menschen, mit denen ich so viel gestalten durfte. Eine meiner liebsten Aufgaben im Pfarrberuf war der Gottesdienst. Ich halte sehr gerne Predigten – künftig werden es Reden im Landtag sein. Das scheinen mir schöne Aussichten zu sein.

Zusatzinfo

Zur Person

Frank-Tilo Becher ist am 7. Februar 1963 in Frankfurt geboren. Er studierte evangelische Theologie. Nach dem Abschluss war er Vikar in Wiesbaden. Für ein Jahr wechselte er nach New York zum Lutherischen Weltbund. Von 1994 bis 2002 war er Pfarrer in der Paulusgemeinde, seit 2002 Dekan. Bei der Landtagswahl in Hessen 2018 erhielt er ein Mandat im Hessischen Landtag. Becher ist verheiratet und hat drei Kinder.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Becher
  • Christentum
  • Evangelische Kirche
  • Evangelische Kirche in Hessen und Nassau
  • Gießen
  • Gottesdienste
  • Hessischer Landtag
  • Kirchen und Hauptorganisationen einzelner Religionen
  • Pfarrer und Pastoren
  • Sitzungen
  • Gießen
  • Christine Steines
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 24 - 4: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.