24. Oktober 2018, 14:00 Uhr

Direktkandidaten

Frank-Tilo Becher: Der Zusammenhalter

Die Überraschung war groß, als die SPD den evangelischen Dekan Frank-Tilo Becher als Direktkandidaten für die Landtagswahl vorstellte. Dabei hat er viel Erfahrung mit sozialpolitischen Themen.
24. Oktober 2018, 14:00 Uhr
Der Kirchenplatz in Gießen ist für Frank-Tilo Becher ein Ort der Begegnung und der Kommunikation. (Foto: ep)

Direktkandidaten Gießen I

Die Direktkandidaten für Gießen, Biebertal, Heuchelheim, Lollar, Staufenberg und Wettenberg im Porträt.

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H austürwahlkampf ist ein Spiel mit vielen Unbekannten. Die Tür kann zubleiben, sich ganz weit öffnen – oder plötzlich steht dort jemand, der seinen Unmut endlich rauslassen will. So einer Frau ist auch der SPD-Landtagskandidat Frank-Tilo Becher begegnet. »Ich bin enttäuscht von der Politik«, sagte sie ihm, »und gehe nicht mehr wählen.«

Becher hätte sich verabschieden und gehen können. Doch er blieb und antwortete: »Ich kann Sie verstehen, aber haben Sie nach der ersten enttäuschten Liebe auch aufgegeben?« Die Anekdote ist ein typischer Becher: Mit einer Sprache, die jeder versteht, und dem Willen, zuzuhören, will der 55-Jährige wieder Vertrauen schaffen. Es ist ein hehres Ziel in einer Zeit, in der von einer politischen Vertrauenskrise die Rede ist.

 

SPD-Mitglied seit 2017

Als die SPD in diesem Jahr den evangelischen Dekan als ihren Landtagskandidaten vorstellte, sprachen viele von einem Coup. Kaum jemand hatte ihn auf dem Zettel, die Nachfolge von Gerhard Merz als Direktkandidaten anzutreten. Ein neues Gesicht, ein respektierter Theologe mit einer klaren sozialen Handschrift. Auch für den Dekan kam die Anfrage überraschend. Einen Plan, in die Politik zu gehen, habe er nie gehabt, sagt er. 2017 wurde er SPD-Mitglied. Weil er spürte, »dass unsere demokratisch-freiheitliche Grundordnung nicht mehr sicher ist« und er helfen wollte, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.

Dabei liegt es gar nicht so fern, dass der dreifache Vater in die Politik gewechselt ist. Als Gemeindepfarrer in der Nordstadt und Dekan in Gießen war er an der Basis vor allem mit sozialpolitischen Themen befasst. Er war verantwortlich für 30 Kitas, kennt sich durch die Jugendwerkstatt mit Berufsintegration aus, hatte durch die Seelsorge Kontakt zur Uniklinik und weiß um die Herausforderungen von Integration und Inklusion. Er bringe deshalb, sagt er, einen frischen Blick in die Poltik – mit fachlicher sozialpolitischer Erfahrung.

Raus aus der Blase, rauf auf die Plätze

Frank-Tilo Becher

Dabei hat Becher auch kritische Stimmen von seiner Kandidatur in der eigenen Partei überzeugt. Warum ein Quereinsteiger? Warum ein Kirchenmann? Becher ging die Sache offensiv an, besuchte die Ortsvereine. »Mich freut es, dass ich mich auf eine ungeteilte Unterstützung in der SPD verlassen kann«, sagt er. Vor allem der Enthusiasmus der Helfer trage ihn durch den Wahlkampf. Positiv bewertete auch die Kirche seinen Einsatz. Der Dekanatsvorsitzende Gerhard Schulze-Velmede sagte, für Christen sei es selbstverständlich, sich in die gesellschaftliche und politische Diskussion einzubringen – auch in Form eines politischen Mandats.

Man könnte meinen, als Theologe wäre Becher hauptsächlich der Mann für den gesellschaftlichen Kitt. Dass der 55-Jährige mehr sein kann und will, macht er bei seinen Themen für den Wahlkreis deutlich: Bildung, Mobilität und bezahlbarer Wohnraum sind für ihn die zentralen Herausforderungen der Zukunft.

Kostenlose Kitaplätze, mehr Personal in den Einrichtungen, die zu Familienzentren werden sollen – und in diesem Zusammenhang eine Entlastung der Kommunen. Denn in deren Haushalt ist der Betrieb der Kitas oftmals der größte Kostenpunkt. Bechers Rechnung: Wenn die Städte und Gemeinden wieder handlungsfähig sind, können sie das Geld wieder verstärkt in ihre Infrastruktur stecken. Auch fordert er, dass niemand ein Drittel seines Gehaltes für die Miete zahlen sollte, weswegen der soziale Wohnungsbau gestärkt werden müsse.

 

Sprechstunden am Kirchenplatz

Beim Thema Mobilität setzt er auf einen Mix aus individuellem und öffentlichem Nahverkehr: Zentral sind für ihn der Bahnausbau auf der Main-Weser-Linie und im Lumdatal, eine bessere Taktung und zusätzliche Buslinienführungen, zum Beispiel von Lützellinden zum Bahnhof Großen-Linden. Außerdem wünscht sich der passionierte Radfahrer Radspuren – auch für Gießen.

Sollte Becher als Direktkandidat in den Landtag einziehen, würde er gerne auf dem Kirchenplatz Sprechstunden halten. Der Ort repräsentiert für ihn Gießen: ein Treffpunkt mit Gastronomie und dem Wochenmarkt in der Nähe, Ständen nicht nur während des Weihnachtsmarkt und Musik, unter anderem beim Stadtfest. »Raus aus der Blase, rauf auf die Plätze«, sagt Becher. Es brauche wieder mehr Orte, an denen Menschen egal welcher Überzeugung und Einstellung zusammen reden, diskutieren und feiern können.

Info

Drei Fragen an den Kandidaten

Warum sind Sie die beste Wahl für unseren Wahlkreis?
Frank-Tilo Becher: In einer politisch kritischen Zeit braucht es Politiker, die dabei helfen, die Gesellschaft zusammenzuhalten, die eine klare sozialpolitische Position haben, eine gute Gesprächsfähigkeit und die Erfahrung, Einzelinteressen zu einem neuen Konsens zu bringen.

Welches Anliegen wäre Ihnen als Abgeordneter am wichtigsten?
Becher: Eine Ausbildungsgarantie für alle unter 35 Jahre ist ein breites Feld: von der Kita über die Schule, die berufliche Ausbildung und die Uni bis hin zur Inklusion, Integration, Jugendhilfe und Chancengleichheit. Das sind entscheidende Aufgaben, um die Zukunft zu gestalten.

Über welche zwei Zahlen würden Sie sich am 28. Oktober bei der 18-Uhr-Prognose für Hessen am meisten freuen und warum?
Becher: Beantworten kann ich die Frage nur mit drei Zahlen: Erstens eine Prozentzahl, die die SPD in die Regierungsverantwortung bringt, zweitens eine Prozentzahl, die das Direktmandat für die SPD im heimischen Wahlkreis bedeutet und drittens eine AfD, die deutlich hinter den Prognosen zurückbleibt.

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