Stadt Gießen

Fragwürdige Konstellation

Kann ein Gesellschafter mit Stimmrecht in der Gesellschafterversammlung gleichzeitig eine intensive Geschäftsbeziehung zu der Gesellschaft pflegen? Diese im wahrsten Sinne des Wortes fragwürdige Konstellation gibt es bei der Gießen Marketing GmbH schon länger, aber am Montagabend äußerte sich der hauptamtliche Magistrat einmal mehr nicht dazu.
12. Dezember 2018, 21:47 Uhr
Burkhard Möller

Kann ein Gesellschafter mit Stimmrecht in der Gesellschafterversammlung gleichzeitig eine intensive Geschäftsbeziehung zu der Gesellschaft pflegen? Diese im wahrsten Sinne des Wortes fragwürdige Konstellation gibt es bei der Gießen Marketing GmbH schon länger, aber am Montagabend äußerte sich der hauptamtliche Magistrat einmal mehr nicht dazu.

Im Rahmen der Bürgerfragestunde hatte der Gießener Schausteller Patrick Walldorf fristgerecht zwei Fragen eingereicht; die eine betrifft die Zusammensetzung von Gremien der Marketing GmbH, die andere die Nutzung des städtischen Schausteller-Parkplatzes am Leihgesterner Weg. So will P. Walldorf wissen, ob es »zulässig und gerecht« sei, dass sein Cousin Andreas Walldorf in mehrfacher Funktion der Gesellschafterversammlung des Stadtmarketings sowie des Beirats der GmbH angehöre und gleichzeitig ein großer Auftragnehmer der Gesellschaft sei, an der die Stadt die Mehrheit hält.

Dass der Magistrat Bürgerfragen einfach nicht beantwortet, ist ungewöhnlich. Was die Frage zur Zusammensetzung der Stadtmarketing-Gremien betrifft, ist das Schweigen der Stadtregierung zudem bemerkenswert, weil der Magistrat in der gleichen Sitzung den städtischen Beteiligungsbericht 2017 vorlegte, in dem auf Seite 42 die von P. Walldorf kritisch hinterfragte »Besetzung der Organe« der Gießen Marketing GmbH aufgeführt ist. Danach gehört Andreas Walldorf als Vorsitzender des früheren Business Improvement Districts (BID) und jetzigen Katharinenviertel-Vereins der Gesellschafterversammlung an, er ist zudem stellvertretender Vorsitzender des Gesellschafters Gießen aktiv und sitzt als Vertreter der Schausteller-Branche im Beirat der GmbH.

Unter der Annahme, dass der Magistrat in einem Unternehmen mit städtischer Mehrheitsbeteiligung eigentlich keine Strukturen dulden kann, die im Widerspruch zu den Grundsätzen einer guten Unternehmensführung stehen, hätte man eigentlich eine klare Antwort auf P. Walldorfs Frage erwarten können. Nämlich die, dass diese Gremienbesetzung längst geprüft wurde und nicht anstößig ist. Die für die städtischen Beteiligungen zuständige SPD-Oberbürgermeisterin und der fürs Stadtmarketing zuständige CDU-Bürgermeister zogen es vor zu schweigen; der Magistrat muss die Fragen nun binnen zwei Wochen schriftlich beantworten. Zudem werden die Fragen wieder auf der Tagesordnung der nächsten Sitzung des Hauptausschusses im Februar stehen.

Patrick und Andreas Walldorf waren früher Geschäftsführer der insolventen A. und P. Walldorf GmbH und sind mittlerweile heilos zerstritten. P. Walldorf unterstellt A. Walldorf, dass der seine zahlreichen Ämter in Vereinen, Wirtschaft und Politik, darunter auch sein SPD-Stadtverordnetenmandat, nutzt, um daraus Vorteile für seine wirtschaftliche Betätigung als Schausteller zu ziehen.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Fragwuerdige-Konstellation;art71,528507

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