22. Februar 2015, 21:23 Uhr

»Foyer um fünf« spürt dem Dichter Pessoa nach

Fragmente aus der Truhe: Das »Foyer um fünf« beschäftigt sich im Stadttheater mit Lyrik und Prosa des portugiesischen Dichters Fernando Pessoa.
22. Februar 2015, 21:23 Uhr
Christian Lugerth (l.) und Harald Schneider erwecken beim »Foyer um fünf« die Sprache des Dichters Pessoa zu neuem Leben. (Foto: juw)

Als der portugiesische Dichter Fernando Pessoa 1935 in Lissabon mit 47 Jahren starb, hatte er kaum etwas veröffentlicht. Erst die Entdeckung seines literarischen Nachlasses katapultierte ihn posthum in den Reigen der Weltliteratur: Fast 35 000 fragmentarische Manuskriptseiten hatte Pessoa in einer großen Truhe hinterlassen, die bis heute seinen Ruf als einen der bedeutendsten Lyriker in portugiesischer Sprache begründen.

Am Stadttheater hat man sich mit diesem so rätselhaften wie faszinierenden Dichter intensiver beschäftigt, und zwar im Rahmen der Produktion »Erklärt Pereira«, mit der die taT-Studiobühne ihre Eröffnung gefeiert hatte.

Durch die vielen im Stück enthaltenen Anklänge an Pessoa waren Regisseur Christian Lugerth und Hauptdarsteller Harald Schneider neugierig geworden. Beim »Foyer um fünf« teilten die beiden in einem lyrischen Zwiegespräch nun ihre Lesefrüchte mit einem interessierten Publikum, wobei die nicht immer leichte Kost des portugiesischen Dichters von der Rezitationskunst der beiden Theaterleute profitierte.

Mit mehreren Gedichten spürten Lugerth und Schneider vor allem dem melancholischen Selbstzweifler Pessoa (»Ich beneide alle Leute darum, nicht ich zu sein«) nach, dessen Porträt mit dem schwarzen Schnurrbart im schmalen Gesicht die Zuhörer während der Lesung nicht aus den Augen ließ.

Die Veranstaltung vermittelte einen guten Eindruck von der Lyrik Pessoas, die sich zumeist aus assoziativen Gedankenketten zusammensetzt, deren Verse immer wieder ins Aphoristische spielen: »Ich selbst bin das Silbenrätsel, das niemand lösen kann an geselligen Abenden in der Provinz.«

Wehmütiger Philosoph

Hinter den Zeilen schien dabei die rätselhafte Natur des Dichters sichtbar zu werden, der eine Freundschaft mit Aleister Crowley unterhielt und sich zum Schreiben verschiedene Identitäten mit einem jeweils eigenen Stil zulegte.

Zu den Fragmenten aus der Truhe des Dichters gehört auch das berühmte »Buch der Unruhe«. Auch in diesen gelesenen Passagen standen keine Handlungsansätze, sondern existenzialistische Beobachtungsfetzen im Vordergrund, die mit dem fragmentarischen Charakter des Werkes korrespondieren.

Bis heute gibt es keinen Konsens über die richtige Reihenfolge der Manuskripte. Vielleicht liegt darin jedoch auch der Erfolg des Prosa-Werkes, das erst 1982 veröffentlicht wurde und zum Kultbuch avancierte, weil es mit seiner resignativen Schwermut einen Nerv getroffen hatte.

Mit ihrer nachdrücklichen Rezitation gelang es Regisseur und Darsteller, die Faszination Pessoas fühlbar zu machen und Interesse zu wecken: für den wehmütigen Philosophen aus Portugal sowie für kommende »Erklärt Pereira«-Aufführungen.

Julian Wessel

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