10. Mai 2017, 11:29 Uhr

NS-Tötungsprogramm

Forschung in NS-Zeit: Uni Gießen entzieht Ehrendoktorwürde

Der Fachbereich Medizin der Universität Gießen hat dem NS-belasteten Julius Hallervorden posthum die Ehrendoktorwürde entzogen. Die Hochschule distanziert sich zudem von einem weiteren Forscher.
10. Mai 2017, 11:29 Uhr
Avatar_neutral
Aus der Redaktion
Julius Hallervorden hat die »Euthanasie«-Tötungen der Nationalsozialisten unterstützt. (Foto: pm)

Im Zuge der Aufarbeitung der Nachkriegsgeschichte der Gießener Klinik für Neurologie hat der Fachbereich Medizin der Justus-Liebig-Universität dem belasteten Hirnforscher Prof. Julius Hallervorden posthum die Ehrendoktorwürde entzogen. Mit seiner Entscheidung folgte de Fachbereich dem Votum des Promotionsausschusses. Hallervorden war wie Prof. Hugo Spatz, der ebenfalls am Gießener Max-Planck-Institut für Hirnforschung tätig war, in das »Euthanasie«-Programm der Nationalsozialisten eingebunden. Hallervorden wurde 1962 mit der Ehrendoktorwürde des Fachbereichs ausgezeichnet, Spatz bekam 1969 die Ehrensenatorenwürde der Universität. Auch der Entzug der Ehrensenatorenwürde von Spatz durch den Senat der JLU wird in Kürze eingeleitet – zunächst wird sich die Senatskommission Ehrungen damit befassen.

»Das Dekanat des Fachbereichs Medizin hat kein Verständnis dafür, dass die schon damals weitgehend bekannte Vergangenheit der beiden Hirnforscher im Gießen der Nachkriegszeit offenbar keine Rolle spielte«, betonte Prof. Wolfgang Weidner, Dekan des Fachbereichs Medizin. Präsident Prof. Joybrato Mukherjee fügte hinzu: »Die JLU bekennt sich zu ihrer Verantwortung für die eigene Geschichte und wird auch in Zukunft zur Aufklärung der dunkleren Kapitel ihrer Vergangenheit beitragen.«

Hallervorden und Spatz nutzten während des Zweiten Weltkriegs am Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung in Berlin das »Euthanasie«-Programm, um bei der Obduktion der Opfer Gehirne zu entnehmen und damit eigene Forschungen weiterführen zu können. Ihre Sammlung mit mindestens ca. 700 Hirnschnitten von »Euthanasie«-Opfern brachten sie nach dem Umzug und der Umbenennung des Instituts mit nach Gießen, wo sie enge Beziehungen zur Universität und zum Fachbereich knüpften. Dass diese Beziehungen auch weiterhin Bestand hatten, obwohl das Max-Planck-Institut 1962 nach Frankfurt verlegt wurde, belegen die beiden Ehrungen. Der Entzug der Ehrungen sei überfällig, hieß es übereinstimmend von Präsidium und Dekanat.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos