15. Juni 2018, 22:06 Uhr

Flüstergalerie im Kunstkiosk

Der Leitungswechsel beim Neuen Kunstverein macht sich bemerkbar, da immer wieder andere Mitglieder eine Ausstellung kuratieren. So wird die Vielfalt des Gezeigten noch erweitert. Dieses Mal hat Erhard Waschke das Duo Anja Harms und Eberhard Müller-Fries eingeladen, das eine Kunstnische bedient: die Buchkunst.
15. Juni 2018, 22:06 Uhr
Die Ausstellung im Neuen Kunstverein empfiehlt sich für haptische Menschen ebenso wie für Lyrik-Fans und Poeten. (Foto: dkl)

Buchkunst meint nicht einfach schön gestaltete Bücher, sondern Bücher, die zu Skulpturen werden und zugleich anschaubar sind. Die aktuelle Schau im Neuen Kunstverein ist tatsächlich eine Ausstellung, in der Anfassen erlaubt ist. Vorsichtig natürlich. Doch dafür sorgt schon die luftig-leichte Präsentation, wie die beiden in anderen Ausstellungen festgestellt haben. Da die Kunstbücher auf kleinen Ablageflächen liegen, die an Nylonfäden hängen, bewegen sie sich bei jedem Berühren. Automatisch hält man sie fest und blättert behutsam um.

Anja Harms und Eberhard Müller-Fries haben sich 2011 als Künstlerduo gefunden. Sie stellen seitdem gemeinsam aus. Ihre Ateliers sind in Oberursel. Sie arbeiten dort, wo die jeweiligen Maschinen und Handwerkszeuge stehen, die sie gerade brauchen. Sie entwickeln Arbeiten gemeinsam, schaffen aber jeder auch eigene Werke. Das sind bei Harms der Buch-Handdruck und Leporellos, bei Müller-Fries die eher skulpturalen Arbeiten mit Materialien wie Holz und Metall. Die Grundlage ist immer ein kleiner Text, der sie in irgendeiner Form anspricht. »Das ist eher ein Bauchgefühl«, erklärt Müller-Fries. Und wie es dann weitergeht im Gestaltungsprozess, wer welchen Anteil daran hat, das lässt sich im Nachhinein gar nicht mehr sagen.

Bislang haben sie eher große Räume bespielt mit ihren Installationen. Der kleine Kunstkiosk stellt eine Herausforderung dar. Doch sie sind begeistert. So vieles spielt mit im Außen und Innen, die umlaufenden Fenster, die eingebauten Wandnischen darunter, in denen sich die Leporellos passgenau präsentieren lassen. Aber der Raum ist tatsächlich voller als sonst, daher dürfen sich nicht allzu viele gleichzeitig darin aufhalten.

Im Zentrum steht eines der neueren Werke (Herbst 2017), das auch namensgebend für die Ausstellung in Gießen ist. In einem längeren Text von Ernst Jandl gibt es eine lustige Passage, die mit der Frage endet »Sind Sie die Flüstergalerie?«. Diese Flüstergalerie haben sie als eine Art filigranes Hochregal gestaltet, das in der Mitte des Kiosk-Kunstraums platziert ist. Auf neun Etagen gibt es verschiebbare Leporellos, die einzelne Worte oder Buchstaben aufweisen. Man kann sie suchen, auf beiden Seiten, und versuchen den Satz zu bilden. Erstmals in einer Ausstellung gezeigt wird die Buchskulptur zu einem Text von Günter Eich, der die Übersetzung eines chinesischen Textes ist. Auch die chinesischen Schriftzeichen der Textvorlage sind zu finden, als Blinddruck. Dazu gibt es die originelle Möglichkeit des Umblätterns an Stäbchen.

Neben der schönen Form, den unterschiedlichen Drucktechniken entfalten die ungewöhnlichen Papiere ihre eigene Wirkung. Leider gibt es immer weniger Firmen, die so etwas herstellen.

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