21. Juni 2013, 18:33 Uhr

Feinste Schauspielkunst: »Wir lieben und wissen nichts«

Die Pointen sitzen Schlag auf Schlag in Moritz Rinkes Beziehungskomödie, die in der Regie von Oliver Reese als Gastspiel aus Frankfurt bei den Hessischen Theatertagen gezeigt wurde.
21. Juni 2013, 18:33 Uhr
Bleiben oder gehen? Zwei Paare tragen ihre Konflikte aus (v. l.): Roman (Oliver Kraushaar), Hannah (Claude De Demo), Sebastian (Marc Oliver Schulze) und Magdalena (Constanze Becker). (Foto: Birgit Hupfeld)

Moritz Rinke ist ein Meister der Kurzgeschichten: brillant sein Einstieg, der Text gespickt mit geschliffenen Pointen und ein Schluss, der auf den Punkt sitzt. Auch sein Theaterstück »Wir lieben und wissen nichts« beginnt furios: Sebastian, ein vergeistigter Kulturhistoriker, windet sich wie ein Aal, um nicht mit seiner Freundin Hannah nach Zürich ziehen zu müssen. »Ich lass mich nicht einfach umsiedeln«, quengelt er und hat dabei schlechte Karten, verdient Hannah doch die Brötchen für sie beide, indem sie gestressten Bankern das richtige Atmen beibringt. Aber nicht nur Hannah und Sebastian ringen um ihre Beziehung, auch Magdalena und Roman, das Paar, mit dem sie für zwei Monate die Wohnung tauschen wollen, haben erhebliche Probleme – mit sich selbst und mit ihrer Arbeit.

Zwei Akte lang zündet Rinke ein Feuerwerk der komischen Momente. Ein Bonmot reiht sich an das andere – und Regisseur Oliver Reese lässt sich mit seinem exquisiten Darstellerquartett vom Schauspiel Frankfurt die Chance nicht entgehen, daraus eine flott gestrickte Komödie zu machen, die dem berechtigten Wunsch der Zuschauer entspricht, im Theater auch einmal herzhaft lachen zu dürfen – wie es am Donnerstagabend im gut besuchten Stadttheater beim Gastspiel im Rahmen der 25. Hessischen Theatertage hörbar zu erleben war. Schlag auf Schlag hauen sich die Paare die Gemeinheiten um die Ohren – sehr zum Vergnügen des Publikums, das sich bei der ein oder anderen Szene zum Thema verpasster Kinderwunsch, nervende Schwiegermütter, globale Vernetzung und angesagte Wohlfühl-Methoden wiedererkannt haben dürfte.

Doch dann kippt das Stück, läppert vor sich hin, franst seltsam aus. Es scheint, als hätte Rinke sein Pulver verschossen. Und auch der Schluss – zwei Eisbären nähern sich mitleidig dem sichtlich angeschlagenen Sebastian – kann nicht wirklich befriedigen, lässt viele Fragen offen. »Als Moritz Rinke uns sein Drama zur Uraufführung anbot, dachte er, es sei fertig«, räumt Reese beim anschließenden Publikumsgespräch im Theaterzelt offen ein und berichtet, wie im Probenprozess noch Änderungen vorgenommen wurden. Die können das Ende – jeder geht stumm seiner eigenen Wege – nicht wirklich retten, die Wirkung verpufft ins Leere.

Ein großes Vergnügen aber ist es, diesen brillanten Schauspielern zuzuschauen. Cons-tanze Becker, sonst auf abendfüllende Tragödienrollen wie die Medea in Frankfurt spezialisiert, für die sie jüngst erst den begehrten Gertrud-Eysoldt-Ring erhielt, darf sich hier von ihrer komischen Seite zeigen. Unübertrefflich ihr retardierendes Moment, wenn sie als verunsicherte Magdalena nach einer Antwort ringt und hofft, dass sich ihre Zunge mit zunehmendem Prosecco-Genuss löst – und doch nur für weitere Verwirrung sorgt. Oliver Kraushaar – auf der Bühne und im wirklichen Leben Beckers Mann – entpuppt sich als Roman als abgedrifteter Technik-Freak, dem das Passwort für WLAN wichtiger ist als das Befinden seiner Partnerin, der sich beim Abschuss eines Satelliten schwärmerisch im All verliert, statt auf dem Boden der Tatsachen seine eigene Kündigung wahrzunehmen.

Die geistigen und körperlichen Windungen, die Marc Oliver Schulze als Sebastian vollzieht, sind schon eine Nummer für sich. Sein Redeschwall scheint unbegrenzt, in immer neuen Verschraubungen holt er zum Befreiungsschlag aus, fuchtelt sogar provozierend mit einer geladenen Pistole herum – und kann sich nicht wirklich aus der Umklammerung durch die widrigen Umstände lösen. Auch er ist in der Realität mit seiner Bühnenpartnerin Claude De Demo liiert, die ihre Hannah mit viel Elan ausstattet: Unnachgiebig drängt sie zum Aufbruch nach Zürich – und scheitert schließlich an ihren eigenen unerfüllten Wünschen.

Wie es denn sei, als Paar gemeinsam auf der Bühne zu stehen, will denn auch im Theaterzelt ein neugieriger Gast von den Schauspielern auf dem Podium wissen. Beherzt greift Oliver Kraushaar zum Mikrofon und antwortet ganz pragmatisch: »Man braucht halt dauernd einen Babysitter.«

Marion Schwarzmann

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