02. Februar 2018, 21:29 Uhr

Falsche Wohnung überfallen

Die Einbrecher kletterten durch ein offenes Fenster in die Wohnung und verlangten Geld von der 71-jährigen Bewohnerin. Dass bei der Gießenerin nichts zu holen war, machte die Männer stutzig, die eigentlich bei einem Drogendealer Schulden eintreiben wollten. Erst zu spät dämmerte den Tätern, dass sie die falsche Wohnung erwischt hatten.
02. Februar 2018, 21:29 Uhr
Ein gekipptes Fenster ist für Einbrecher wie ein offenes Fenster. (Symbolfoto: dpa)

Es war an einem lauen Abend im Juni. Birgit Lenz (*) plaudert auf dem Hof lange mit einer Nachbarin, ehe sie gegen 23 Uhr ihre Erdgeschosswohnung in einem großen Wohnblock in der Gießener Innenstadt ansteuert. Damit es im Schlafzimmer etwas kühler wird, öffnet sie das Fenster und stellt ein Buch in den geöffneten Spalt. Dann setzt sie sich nebenan ins Wohnzimmer, Schlafzimmertür und Fenster in Blickrichtung. Beide Räume sind nicht beleuchtet, nur im Flur brennt Licht.

Plötzlich hört die Rentnerin, wie im Schlafzimmer Blumentöpfe von der Fensterbank zu Boden poltern. Nach dem ersten Schreck kommt sie zur Erkenntnis, dass es nicht der Wind gewesen sein kann, der das Fenster aufgedrückt hat. Sie steht auf und sieht sich zwei maskierten Männern gegenüber. Der Größere schiebt sie auf die Couch, drückt ihr ein Kissen auf das Gesicht und droht ihr, als sie um Hilfe rufen will: »Wenn du jetzt nicht ruhig bist, passiert etwas.« »Danach habe ich gewusst: ›Jetzt wird es ernst‹ und habe Todesangst bekommen«, erinnert sich Lenz an diese Sekunden. »Bitte lassen Sie mich leben. Was wollen Sie von mir?«, wimmert sie.

Beamte hegen Verdacht

Der Haupttäter fragt nach »dem Geld«. Er wiederholt sich mehrfach, nachdem die Überfallene ihm versichert, sie habe kein Geld in der Wohnung. Mehrere Male fragt der Eindringling dann auch drohend nach »deinem Sohn«. Doch auch damit kann die Bedrohte nicht dienen. Währenddessen stellt der Mittäter fest, dass es in dieser kleinen Wohnung tatsächlich kein Zimmer für einen Sohn gibt. Da dämmert den beiden offenbar, dass sie eine falsche Wohnung erwischt haben. Sie flüchten durch die von ihrem Opfer geöffnete Tür und machen ihrer Enttäuschung Luft, indem sie im Treppenhaus wütend an die Wand hämmern.

Den Ermittlern wird anhand der übermittelten Äußerungen des Haupttäters schnell klar, dass die Einbrecher gezielt in eine Wohnung eingedrungen waren, um dort Geld von einem Hausbewohner abzupressen. Auch die Vermutung, dass sie die falsche Wohnung erwischt haben, lässt sich schnell belegen. Schon vorher hatten Beamte den Verdacht gehegt, dass in diesem Wohnblock ein Drogendealer lebt. Jetzt waren sie sicher, dass der junge Mann Schulden bei seinen Lieferanten hatte.

Für die 71-Jährige ist das ein schwacher Trost. »Ich habe beruflich und privat schon viele schwierige Situationen gemeistert, aber das war etwas ganz Neues. Ich war plötzlich vollkommen hilflos«, erinnert sich die Überfallene später an die dramatischen Minuten. Den Rest der Nacht verbrachte sie damals bei einem befreundeten Ehepaar im Eichgärtenviertel. Und auch in den Tagen danach war sie noch traumatisiert. »Tagsüber konnte ich in meine Wohnung, aber darin schlafen war mir nicht möglich«, schildert sie die Folgen der Tat. Eine Woche lang übernachtete sie deshalb jeweils bei einer Nachbarin.

Durch die Vermittlung der Kriminalitätsopfer-Hilfsorganisation Weißer Ring begann die Seniorin eine Gesprächstherapie, die inzwischen dazu geführt hat, dass sie ihre Angstzustände weitgehend überwunden hat. Auch auf Anraten der Kripo drängt sie nun beim Hauseigentümer darauf, dass einbruchhemmende Rollläden vor die Fenster ihrer Wohnung kommen, in der sie seit 36 Jahren lebt.

Besonders belastend war die Situation für die Rentnerin auch dadurch, dass sie dem Drogendealer im Haus, den sie schon seit Kindesbeinen kennt, immer wieder im Treppenhaus begegnet war. Der Nachbar durfte natürlich nicht erfahren, dass die Kriminalpolizei ihn nun im Visier hat und es seine »Geschäftspartner« auf ihn abgesehen hatten.

(*) Name von der Redaktion geändert

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