11. März 2017, 07:06 Uhr

Mobil in Gießen

Fahrräder auf Zeit

Der ADFC findet den Schritt »überfällig«. Radmuffel müssten dagegen erst davon überzeugt werden: Bekommt Gießen bald ein Leihfahrrad-System?
11. März 2017, 07:06 Uhr
Karen_werner
Von Karen Werner
Man muss sie nicht im Zug mitnehmen oder putzen: Viele Vorteile bieten Leihräder, die es mittlerweile in über 100 Städten in Deutschland gibt, etwa von »Call a bike«. (Foto: dpa)

Marburg hat es, das beschauliche Warnemünde hat es, in Gießen träumen umweltbewusste Verkehrsexperten seit Jahren vergeblich davon: Ein Leihfahrrad-System. Nun nehmen die Koalitionsfraktionen einen Anlauf. Der Magistrat solle ein Konzept entwickeln, fordert ein Antrag von SPD, CDU und Grünen, der ab nächster Woche in den Gremien des Stadtparlaments beraten wird. »Sinnvoll und überfällig« wäre eine Umsetzung, meint der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) Gießen. Was sie kosten würde, ist unklar. Vermutlich müsste die Stadt einen finanziellen Beitrag leisten.

Laut Antrag soll die Stadt das Konzept eng mit Stadtwerken und Hochschulen abstimmen. Der Auftrag solle an einen »erfahrenen Anbieter« gehen. Die Koalitionäre hoffen auf Fördermöglichkeiten und Zusammenarbeit mit Nachbarkommunen. Zu prüfen sei, ob auch Lastenräder angeboten werden können.

Angebot in Nahverkehr integrieren

Oberstes Ziel ist eine Entlastung der weiter wachsenden Stadt vom motorisierten Verkehr und damit auch sauberere Luft. Nicht nur Autofahrer, auch Busnutzer könnten auf Leihräder umsteigen, so die Hoffnung. Gerade in den Spitzenzeiten könnten Schüler und Studenten auf Dauer die schnellen und umweltfreundlichen Verkehrsmittel den überfüllten Bussen vorziehen, heißt es in der Begründung des Antrags. Daher solle das Angebot in den Nahverkehr integriert werden. Außerdem stelle ein Fahrradverleihsystem einen positiven Standortfaktor – sowohl für Studierende als auch für Touristen. Mit dem Antrag nehmen die Regierungsparteien ein Ziel auf, das sie bereits in ihrer Koalitionsvereinbarung formuliert hatten.

Vor acht Jahren hatte sich die Stadt vergeblich an einem Wettbewerb des Bundesverkehrsministeriums beteiligt mit dem Ziel, eine Förderung für ein solches System zu erhalten. Fachleute erklären, höchstens in Städten mit mindestens 100 000 Einwohnern lohne es sich für die großen Anbieter, Leihräder ausschließlich über Nutzergebühren zu finanzieren. In kleineren Kommunen müssen sich Stadt, Hochschulen oder Firmen beteiligen – und vielerorts geschieht das längst. »Call a bike«, eine Tochter der Deutschen Bahn, ist mittlerweile in 48 Städten vertreten. In 45 Kommunen gibt es Leihräder des zweiten großen Unternehmens »Nextbike«.

Ein Ziel: Weniger volle Busse

Rad-Muffel könnten im wahrsten Sinne des Wortes erfahren, wie schnell sie in der Stadt auf diese Weise unterwegs sind, erläutert auf GAZ-Anfrage Jan Fleischhauer vom Gießener ADFC. Manche könnte das anregen, das eigene Rad regelmäßig zu nutzen oder sich eines zu kaufen. Gerade für Pendler seien Leihräder eine gute Ergänzung zu Bus und Bahn. Möglicherweise könnte man Stationen am Stadtrand einrichten. Schließlich müsse die Stadt den Autoverkehr reduzieren, um die Stickoxidgrenzwerte einzuhalten. Wie berichtet, soll im nächsten Jahr eine Umweltzone mit weitgehendem Diesel-Verbot eingeführt werden.

Nach Fleischhauers Informationen hätte sich der Allgemeine Studierendenausschuss der Justus-Liebig-Universität gern beteiligt am Leihrad-System, das die Kommilitonen in Marburg, Darmstadt und Wiesbaden vor drei Jahren eingeführt haben. Das sei daran gescheitert, dass die Stadt sich nicht habe an den Kosten beteiligen wollen. Denkbar wäre in seinen Augen die Beteiligung von Unternehmen wie dem Rhön-Klinikum oder auch der Wohnbau.

Aber wo sollen all die Räder eigentlich stehen? »Wir haben schon jetzt Probleme, in der Innenstadt Flächen für Fahrradständer zu finden«, sagt Ralf Pausch, Verkehrskoordinator bei der Stadt. Leihrad-Stationen bräuchten eigene Plätze, manchmal für Dutzende von Rädern an einer Stelle. Sie zu schaffen, werde eine Herausforderung.



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