06. September 2012, 22:33 Uhr

Fachtagung: Familienzentren »sinnvoll und notwendig«

Gießen (kw). Aus Kindergärten werden nach und nach Familienzentren: Dieser Weg sei »sinnvoll und notwendig«.
06. September 2012, 22:33 Uhr
Ines Müller (Jugendamt der Stadt Gießen) sowie die Wissenschaftlerinnen Prof. Uta Meier-Gräwe und Eva Regensburg (v. l.) erläuterten, wie die Kita-Weiterentwicklung funktionieren kann. (Foto: Schepp)

Aber brauchen wirklich alle Stadtteile solche niedrigschwelligen Anlaufstellen, wie es die Stadt Gießen als Pionierin versucht – oder sollte man sich auf Viertel mit besonders vielen sozial benachteiligten Bewohnern konzentrieren? Wie kann man eine solche Weiterentwicklung anstoßen, welche Zusatz-Unterstützung benötigen die Kindertagesstätten? Antworten gab es am Donnerstag im Uni-Hauptgebäude. Rund 260 Fachleute aus ganz Hessen tauschten sich aus beim Kongress »Kommunale Implementierung von Familienzentren 2012«.

Eingeladen hatten die Stadt Gießen, die Justus-Liebig-Universität und das hessische Sozialministerium. Dessen Staatssekretärin Petra Müller-Klepper hob hervor, Hessen stehe bei der Familienzentrums-Idee mit an der Spitze in Deutschland. Das Konzept sei eine Antwort auf die veränderte und vielfältige Lebenssituation von Eltern und Kindern. Das Land habe zur Unterstützung ein Förderprogramm mit einem jährlichen Volumen von 1,3 Millionen Euro aufgelegt, das auf große Resonanz stoße. Inzwischen würden damit hessenweit 98 Familienzentren gefördert. Die wohnortnahen und unkomplizierten Unterstützungsangebote für alle Generationen sollten vor allem die Chancen sozial benachteiligter Kinder verbessern, betonte Müller-Klepper.

In Gießen haben derzeit 16 Kindertagesstätten einen Vertrag als Familienzentrum, sagte Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich. Fünf sollen im nächsten Jahr hinzukommen. Sie alle erhalten eine Viertelstelle Leitungsfreistellung und Sachmittel in Höhe von bis zu 12 000 Euro im Jahr – »unbefristet«, betonte die Jugenddezernentin. Bei der Gründung des Bündnisses für Familie vor sieben Jahren »hätte keiner für möglich gehalten, was wir bis heute geschafft haben«, meinte die Grünen-Politikerin.

Im Zentrum der Tagung stand die Vorstellung einer vergleichenden Studie, die das Sozialministerium finanziert hat. Prof. Uta Meier-Gräwe und ihre Mitarbeiterinnen Eva Regensburg und Anna Fleth (Letztere konnte am Donnerstag wegen Krankheit nicht dabei sein) vom JLU-Institut für Wirtschaftslehre des Haushalts und Verbrauchsforschung haben erfasst, wie es in den vergangenen zwei Jahren in Gießen und in Frankfurt-Fechenheim voranging. In Gießen sollen alle Kitas zu Treffpunkten und Beratungsstandorten werden, Frankfurt setzte zunächst auf acht »Leuchtturm«-Vorhaben in Problemvierteln. Beides gehe in die richtige Richtung, so die Forscherinnen, jedes Modell habe seine Stärken.

Was besser ist – das wollten sie nicht entscheiden. Einerseits empfehlen sie »eine Vielzahl niedriger Anlaufstellen«. Andererseits betonen sie, keineswegs bedeute eine flächendeckende Förderung bessere Chancen für Benachteiligte. Deshalb müsse man überprüfen, ob man die Ressourcen gezielt an Kitas mit besonderen Problemlagen verteilt.

Denn kostenlos ist eine solche Angebotserweiterung nicht zu haben: Das habe sich in beiden Städten gezeigt, so die Wissenschaftlerinnen. Fortbildungen und Begleitung für das gesamte Personal, mehr Zeit und Räume seien unerlässlich. Damit alle sozialen Akteure im Stadtteil zusammenwachsen, sei ein verbindliches Rahmenkonzept notwendig.

Meier-Gräwe hob als wichtigsten Faktor für ein Familienzentrum die »Haltung« der Erzieherinnen und Erzieher hervor. Sie müssten Eltern als »Experten« für ihre Kinder wertschätzen und die Berufstätigkeit von Müttern als deren Recht ernstnehmen.

Eine gute Voraussetzung für die Entwicklung in Gießen sei, »dass alle dabei sind«, erläuterte Ines Müller, Koordinatorin für Familienzentren im städtischen Jugendamt. Die Kita-Träger, die Verwaltung und die Politik befürworteten, dass die Kindergärten nun allen Stadtteilbewohnern offen stehen sollen für Begegnung, Bildung oder Beratung.

Am Nachmittag tauschten sich die Teilnehmer an »Kommunikations-Inseln« aus über Themen wie »Familienzentren als Standortfaktor«, »Edel- und Stolpersteine der Elternarbeit« oder »lebendige Bildungspartnerschaften«. Die Tagung wurde moderiert von Eva Deppe, für Auflockerung sorgte das Improvisationstheater »Fast Forward Theatre« aus Marburg.



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