23. Januar 2019, 14:13 Uhr

Uni Gießen

Fachbereich Medizin: Prüfungsergebnisse deutlich unter Bundesdurchschnitt - Uni Gießen reagiert

Der Fachbereich Medizin der Uni Gießen heuert einen externen Dienstleister an, der Studenten fit für Prüfungen machen soll. Zuletzt war jeder fünfte durchgefallen, deutlich mehr als im Bundesdurchschnitt.
23. Januar 2019, 14:13 Uhr
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Von Jutta Rippegather
Das Lehrzentrum der Medizin sitzt in der Klinikstraße. (Foto: Schepp)

Wegen schlechter Leistungen seiner Studenten hat der Fachbereich Medizin der Universität Gießen einen externen Dienstleister engagiert. Die Firma Medi-Learn soll sie künftig fit für die Prüfungen machen. Begonnen hat der erste Kurs am vergangenen Freitag. Seit der Privatisierung der Uniklinik Gießen-Marburg (Lesen Sie auch: Stadt Gießen und Uni-Klinikum einigen sich auf Neubau-Pläne) hatten Studenten und Ärzte immer wieder geklagt, dass Zeit für Forschung und Lehre fehle.

Dieser Zeitung liegt ein internes Protokoll der Fachbereichssitzung vom Oktober vor. Die Prüfungsergebnisse, heißt es dort, lägen »in der Regel in den letzten Jahren unterhalb des bundesweiten Durchschnitts«. Der Dekan habe eine Reihe von Ideen vorgestellt, wie dies zu verbessern sei.



Als »Sofortmaßnahme« habe er die Nutzung des Prüfungsvorbereitungssystems Medi-Learn vorgeschlagen. Mittelfristig solle ein Leitbild »Lehre und Lernen« entwickelt werden. Für den Wissenschaftsbetrieb ungewöhnlich flott wurde die Anregung umgesetzt: Laut Bringfried Müller, Mitgeschäftsführer der Firma Medi-Learn, startete am Freitag der erste Kurs in Gießen.

 

Schon an anderen Hochschulen tätig

Die Universität ist nicht die erste deutsche Hochschule, die das Know-how des Marburger Dienstleisters nutzt. Auch die medizinischen Fakultäten in Tübingen, Ulm, Mainz und Essen haben die Firma engagiert. Zudem gibt es Studenten, die auf eigene Kosten die Repetitorien besuchen. Zwischen 1600 und 2400 Euro blättern sie nach Angaben Müllers dafür hin. Die Kurse an den Universitäten sind günstiger: 150 bis 200 Euro zahlten die Studenten für die 30 Unterrichtsstunden, den Rest finanzieren die Hochschulen. Anders Gießen: »Das Angebot wird aus Mitteln des Fachbereichs Medizin finanziert«, teilte die Universität mit. Sie wolle ihren Studierenden die Repetitorien anbieten, »um sie bestmöglich bei ihrer Examensvorbereitung zu unterstützen«. Dabei werde der Lernstoff wiederholt, »Fähigkeiten einer guten Lern- und Eigenorganisation« würden unterstützt.

 

Frühere Warnungen

Medi-Learn vermittele Fakten, nehme die Angst vor Prüfungen und helfe beim Prioritätensetzen, sagt Müller. Das sei der Unterschied zu den »Metazielen« der Universitäten: wissenschaftlich denken lernen, kritischer Arzt werden – das seien deren Schwerpunkte.

Die schlechten Prüfungsergebnisse wecken Erinnerungen an einen Brief, den der Asta Marburg vor drei Jahren zum zehnten Jahrestag der Privatisierung veröffentlicht hatte. Die Übernahme der beiden Unikliniken durch die Aktiengesellschaft Rhön zeige nicht nur in der medizinischen Versorgung, sondern auch in Forschung und Lehre verheerende Folgen, schrieben die Studierendenvertreter: »Leidtragende sind neben Patienten und Beschäftigten obendrein Studierende an den medizinischen Fakultäten, denen ihr Recht auf eine gute und unabhängige Ausbildung verwehrt wird.«

Vier Jahre zuvor hatte die Konferenz der Universitäts-Klinikdirektoren von Gießen und Marburg »22 Thesen zur Krise des Universitätsklinikums« veröffentlicht. Schon damals warnten sie: »Durch die in den letzten sechs Jahren praktizierte Arbeitsverdichtung im ärztlich-wissenschaftlichen Bereich ist ein Miteinander von universitärer Krankenversorgung sowie Lehre und Forschung entsprechend der tatsächlichen Mittelzuweisungen und im Sinne des Kooperationsvertrages bereits jetzt sehr stark gefährdet.«

Gleichwohl ist eine externe Überprüfung der Folgen der Privatisierung für Forschung und Lehre bis heute unterblieben. Der Wissenschaftsrat war zuletzt 2009 an der Uniklinik Gießen-Marburg. Zu früh, um sich ein realistisches Bild machen zu können. Der Rat empfahl denn auch, in fünf Jahren erneut zu kontrollieren, also 2014. Dies ist nicht geschehen.

 

Neue Wissenschaftsministerin

Mit der CDU leitete immer jene Partei das Wissenschaftsministerium, die den Verkauf der fusionierten Unikliniken an die Rhön-Aktiengesellschaft zu verantworten hat. Das ändert sich nun. Die neue Wissenschaftsministern Angela Dorn (Grüne) hat als Marburgerin in der Vergangenheit die Entwicklung immer wieder kritisch begleitet. Im April 2010 etwa hatte Dorn der Landesregierung »Versäumnisse bei der Privatisierung« vorgeworfen. In dem Vertrag fehlten Kriterien, nach denen die Qualität der Patientenversorgung, aber auch die von Forschung und Lehre festgestellt werden könne. »Es wäre dringend angesagt gewesen, die Entwicklung des mittelhessischen Universitätsklinikums etwa mit dem in Frankfurt vergleichen zu können.« Eine Forderung, die sie als zuständige Ministerin nun erfüllen könnte.

Die Ergebnisse der schriftlichen Staatsprüfungen vom letzten Herbst hat das Institut für Medizinische und Pharmazeutische Prüfungsfragen veröffentlicht. In Gießen fielen demnach knapp 21 Prozent der insgesamt 180 Teilnehmer durch. In Marburg waren es knapp 13 Prozent, in Frankfurt 8 Prozent. Die Zahl der Prüflinge lag dort jeweils bei rund 345. Bundesweit lag der Durchschnitt der »Misserfolge« bei 9,3 Prozent.

Zusatzinfo

Studiendekan weist Verdacht zurück

Mit der Privatisierung habe der bescheidene Prüfungserfolg des Gießener Medizinnachwuchses nichts zu tun, meint Studiendekan Prof. Dieter Körholz. Kostendruck und Zeitmangel gebe es auch an staatlichen Universitätskliniken. Im GAZ-Gespräch unterstreicht der Kinderarzt, dass Gießen einer von bundesweit drei Medizin-Standorten mit Exzellenz-Cluster ist. »Natürlich wollen wir uns verbessern.« Doch in seinen Augen sage das Abschneiden bei Multiple-Choice-Tests nicht viel über die Qualität der Lehre aus. »Wer die Fragen richtig ankreuzt, wird deshalb nicht ein Arzt, der mit Patienten richtig umgehen kann.« Für die ersten Examina sei dieses objektive Verfahren »das beste, das wir haben«. Medi-Learn bereite darauf mit einem speziellen Training vor. Dass die Universität die Kosten für die Kurse übernimmt, sei für ihn »eine Frage der sozialen Chancengleichheit«, betont Körholz. Die wirklich bedeutsamen ärztlichen Fähigkeiten würden vor allem bewertet beim mündlichen Dritten Staatsexamen nach dem Praktischen Jahr. (kw)



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