07. Februar 2014, 20:48 Uhr

Ex-Stasi-Häftling diskutierte mit Schülern

Gießen (ck). Der Ex-Stasi-Häftling Utz Rachowski berichtete am Freitag am Landgraf-Ludwigs-Gymnasium aus seinem Leben in der DDR
07. Februar 2014, 20:48 Uhr
Utz Rachowski beim seinem Vortrag am Landgraf-Ludwigs-Gymnasium. Rechts vorne Jutta Fleck, die »Frau vom Checkpoint Charlie«. (Foto: Schepp)

»Eigentlich hatten wir nur jemanden gesucht, dem wir von unseren Problemen erzählen konnten. Und da schien uns der nette Pfarrer bestens geeignet. Doch wie hätten wir ahnen können, dass der Hausmeister in der Nähe für die Stasi arbeitete und alles sofort weitergab? Am nächsten Tag wurden wir verhaftet und einzeln verhört.« Das war der erste Kontakt, den der damals 16-jährige Utz Rachowski zur Staatssicherheit hatte. Es sollte nicht der letzte bleiben. Am Freitag berichtete der heute 60 Jahre alte bekannte Schriftsteller am Landgraf-Ludwigs-Gymnasium vor zwei zehnten Klassen von seinem Leben in der DDR, von der Zeit an der Grundschule bis zum Freikauf aus 14 Monate währender Stasi-Haft.

Die beiden Klassen hatten sich zuvor mit ihren Lehrern Elisa Gerth und Alexander Hirn im Deutschunterricht mit der »Politisch-historischen Aufarbeitung der SED-Diktatur« beschäftigt. Ein Thema, dem bei der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung ein Schwerpunktprojekt gewidmet ist. Dessen Leiterin, Jutta Fleck, die als »Frau vom Checkpoint Charlie« Berühmtheit erlangte, war gestern ebenfalls an das LLG gekommen und machte – nach der Begrüßung durch Schulleiterin Antje Mühlhans – die zwei Klassen anhand eines Filmes mit den Grundlagen vertraut.

Nach 14 Monaten Haft freigekauft

Seine Probleme begannen 1968, wie Rachowski den gebannt lauschenden Schülerinnen und Schülern erläuterte, nach dem Wechsel auf die Oberschule nach Reichenbach. Mit einem neuen Schulleiter habe dort militärischer Drill Einzug gehalten. Die anderen Schüler trugen die blauen FDJ-Hemden, der Schulstoff beschränkte sich auf ausgewählte Themen wie die Geschichte der Arbeiterbewegung. Er dagegen habe sich mehr für Philosophie und Literatur interessiert. Aus dieser Neigung entstand die Gründung eines Philosophieclubs, was der Staatsmacht ein Dorn im Auge war. Schließlich wurde er 1971 von jeglichen Oberschulen und der FDJ ausgeschlossen, bekam auf Umwegen eine Lehrstelle zum Elektriker, ging anschließend eineinhalb Jahre zur Armee. Ein glänzendes Zeugnis verschaffte ihm die Möglichkeit, doch noch sein Abitur nachzuholen. Er studierte zwei Semester Medizin (»Das war unverfänglich, weil völlig unpolitisch.«), der Wechsel zum Fach Germanistik scheiterte jedoch, da ihn die Stasi die ganzen Jahre über nicht aus den Augen gelassen hatte. Schließlich arbeitete er als Heizer in einem Leipziger Chemiewerk, was für ihn den Vorteil hatte, genügend Zeit fürs Schreiben zu haben.

Nach seinem ersten Auftritt als Schriftsteller in Leipzig 1979 nahm ihn die Stasi am darauf folgenden Tag fest. Nach sechs Monaten Untersuchungshaft (zum Teil in Einzelhaft) wurde er wegen sechs Gedichten zu 27 Monaten Gefängnis verurteilt und – nach Intervention durch Amnesty International – nach acht Monaten (»Eine Zeit, in der ich den Himmel niemals direkt sah.«) von der Bundesrepublik freigekauft. Abgeholt im Cottbuser Zuchthaus und in den Westen gefahren wurde er – wie sich Rachowski erinnert – in einem Mercedes-Bus mit Gießener Kennzeichen.

Ob er denn froh über die Ausreise gewesen sei? Anfangs nicht, denn eigentlich wollte er die DDR nicht verlassen. Er wollte in dem Land noch etwas bewirken. Später sei ihm dann klar geworden, dass eine Reform des Sozialismus nicht möglich gewesen sei.

Heute ist Rachowski neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller im Auftrag des Sächsischen Landesbeauftragten für Stasi-Unterlagen unterwegs, um Opfer der DDR-Diktatur bei ihrer Rehabilitierung rechtlich zu beraten.

Dass die LLG-Schüler sich gut auf den Besuch vorbereitet hatten, zeigten sie zum Abschluss mit zahlreichen Fragen, die sie ihrem Gast stellten.

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