20. April 2011, 17:05 Uhr

Europäische Symbiose aus Musik und Medizin

Am Sonntag, 7. August, werden um 20 Uhr bis zu 140 Medizinstudenten aus ganz Europa im Stadttheater die zehnte Sinfonie Gustav Mahlers und das Deutsche Requiem von Johannes Brahms darbieten.
20. April 2011, 17:05 Uhr
Freuen sich schon auf das Konzert im Stadttheater: Johanna Dießel links) und Hannah Kreutzer. (Foto: sha)

»Man hat sowohl das Studienfach als auch das Hobby mit allen gemeinsam«, bringt es Johanna Dießel, Medizinstudentin an der Justus-Liebig-Universität, auf den Punkt. Gemeinsam mit Hannah Kreutzer, Studentin der Tiermedizin an der Gießener Alma Mater, erläutert sie im Gespräch mit der AZ, warum sie mit dem Verein »European Medical Students» Orchestra and Choir« (EMSOC) dessen jährliches Konzert in diesem Sommer am Stadttheater präsentieren wird.

Musik hat im Leben der beiden Studentinnen schon immer eine große Rolle gespielt: Die 25-jährige Dießel hat bereits mit sieben Jahren das Geigespielen erlernt, mit 15 kam die Bratsche hinzu. Aus Osnabrück stammend war sie von 2002 bis 2004 mit diesem Instrument beim Landesjugendorchester von Niedersachsen dabei. Die 21-jährige Kreutzer spielt seit ihrem 13. Lebensjahr Cello. Bevor sie zum Studium nach Gießen kam, war sie beim Jugendsinfonieorchester Gummersbach aktiv. Ihrer Leidenschaft für die Musik sind beide auch parallel zum Studium treu geblieben und spielen im Universitätsorchester mit - Dießel Bratsche und Kreutzer Cello. Während des Semesters absolvieren sie jeden Mittwochabend dreistündige Proben, vor den Semesterabschlusskonzerten gibt es noch ein zusätzliches Probewochenende. Die beiden betrachten die Musik als Ausgleich. »Andere machen Sport, ich mache Musik«, begründet Dießel ihr Engagement und Kreutzer fügt hinzu, dass sie in den Semesterferien, nach dem Abschlusskonzert »den Trubel und die Gesellschaft der ganzen Leute« vermisse.

Vor diesem Hintergrund überrascht auch nicht, dass beide zusammen mit vier anderen Gießener Studenten und einem Arzt aus Frankfurt das Jahreskonzert von EMSOC in Gießen organisieren. Kennengelernt haben Dießel und Kreutzer diesen europäischen Verein über Kommilitonen des Universitätsorchesters. Anliegen von EMSOC ist es, jedes Jahr Studenten aus ganz Europa zusammenzubringen und über die gemeinsamen Konzertproben einen kulturellen Austausch zwischen den einzelnen Nationen herzustellen. Dabei finden die Konzerte, die nach nur zehn Tagen gemeinsamer Proben in dem jeweiligen Gastland gezeigt werden, jedes Jahr in einem anderen Land statt. Das ergebe sich ganz spontan, erklärt die 25-jährige Dießel, und sei abhängig davon, wie viele Studenten aus einer Stadt an dem jeweils vergangenen Konzertprojekt teilgenommen haben. Sie selbst sei bereits zweimal dabei gewesen - 2009 im slowenischen Laibach und 2010 im britischen Manchester - und habe sechs Mitstreiter aus Gießen gefunden, die in diesem Jahr das EMSOC-Konzert zum ersten Mal hier organisieren.

Ursprünglich ist der Verein aus zwei Gruppierungen - dem 1993 in Würzburg gegründeten »European Medical Students Orchestra (EMSO) und dem 1996 in London gegründeten »European Medical Students Choir« (EMSC) - entstanden. 2009 haben sich beide Vereine zum EMSOC zusammengeschlossen. Der Erlös aus den Spenden, die bei den gratis dargebotenen Konzerten eingenommen werden, kommt einer wohltätigen medizinischen Organisation zugute. In diesem Jahr wollen die Studenten mit ihrem Konzert das Kinderhospiz Mitteldeutschland unterstützen. Mit den Geldern sollen Instrumente für einen Musiktherapieraum gekauft werden. Die angehende Humanmedizinerin freute sich, dass mit dieser Idee ein medizinischer und ein musikalischer Zweck gleichzeitig unterstützt werden könnten.

Dass die EMSOC-Projekte sich aber nicht nur an Medizinstudenten richten, sondern Studenten aller Fachrichtungen offenstehen, erwies sich für Hannah Kreutzer als persönlicher Glücksfall: Ihr Freund habe ursprünglich in Heilbronn Bauingenieurwesen studiert und von dieser Hochschule aus an dem EMSOC-Konzert 2009 in Laibach teilgenommen, erzählt die 21-Jährige. Dort habe er sich so gut mit den Teilnehmern aus Gießen verstanden, dass er entschieden habe, nach dem Bachelor-Abschluss das Masterstudium an der Lahn fortzusetzen. So habe sie ihn schließlich beim Universitätsorchester der JLU kennengelernt.

Bisher hätten sich für das Konzert in Gießen rund 90 Studenten aus Deutschland und anderen europäischen Ländern angemeldet, berichtet Dießel. Allerdings haben sie und die anderen Organisatoren sich zum Ziel gesetzt, bis zu 140 Studenten für ihr Projekt zu gewinnen. Deshalb hätten sie nicht nur in Kooperation mit dem Erasmusbüro der JLU deren europäische Partneruniversitäten kontaktiert, sondern auch noch 82 weitere auf dem ganzen Kontinent. Bis zum 1. Mai können sich noch interessierte Studenten melden unter johanna.diessel@emsocinfo.org.

Da die Teilnehmer alle erst am 29. Juli nach Gießen reisen werden, müssen sie die Noten für das Konzert bereits vorher einüben. Die Unterlagen werden allen noch im Mai zugeschickt. Trotzdem ist es dann bei der gemeinsamen Vorbereitung in Gießen notwendig, täglich noch zwischen acht und neun Stunden zu üben. Das sei anstrengend, aber dennoch würden bei den EMSOC-Projekten alle pünktlich zu den Proben erscheinen, berichtet Dießel stolz. Weil die Studenten aber auf eigene Kosten anreisten und auch die Kosten des Aufenthalts - in Gießen seien es 295 Euro unter anderem für die Übernachtung in der Jugendherberge und den täglichen Bustransfer zur Probe in der Alten Uni-Bibliothek - selbst finanzierten, habe jeder den Anspruch und den Ehrgeiz, das Konzert zu einem Erfolg werden zu lassen.

Eine Auszeit vom einwöchigen Probenmarathon vor dem Konzert ist ein Tagesausflug nach Köln. Einer der sieben Organisatoren des in Gießen stattfindenden EMSOC-Projektes stammt aus der rheinischen Metropole und wird seine Heimatstadt im Rahmen einer Führung vorstellen.

Neben dem offiziellen Auftritt in Gießen am 7. August findet tags zuvor ein weiteres Konzert der internationalen Gruppe in der Heiliggeistkirche zu Frankfurt statt. »Wenn man ein Konzert schon einmal eingeübt hat, kann man es ruhig zweimal aufführen«, sind sich Dießel und Kreutzer einig. Schließlich kämen die Teilnehmer von weit her und auch das Spendenaufkommen könne so sicher gesteigert werden. Weitere Informationen unter www.emsocinfo.org.

Steffen Hanak



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