07. Februar 2019, 22:11 Uhr

Es rumort weiter

07. Februar 2019, 22:11 Uhr
Der Allendorfer Bolzplatz soll im Zuge des Baus von fünf barrierefreien Gebäuden Richtung Untergasse verlegt werden. (Foto: khn)

Ein gespaltenes Dorf ist Allendorf nicht – auch wenn in den vergangenen Monaten immer wieder die Rede davon war. Der Bau von 42 Wohnungen zwischen den Straßen Im Kleefeld und Hüttenbergstraße hatte einige Gemüter erhitzt; bis heute stehen sich Befürworter und Gegner des Projekts unversöhnlich gegenüber. Den übrigen Allendorfern jedoch scheinen die fünf geplanten Gebäude nicht den Schlaf zu rauben. Deswegen ist die Nachricht, dass die Firma Revikon den Bauantrag mittlerweile bei der Stadt eingereicht hat, nur Wenigen ein Gespräch über den Gartenzaun wert – höchstens ein Schulterzucken.

2016 war im Ortsbeirat eine Initiative gestartet worden, seniorengerechte, barrierefreie Wohnungen im Gießener Stadtteil zu ermöglichen. Nachdem mehrere Standorte verworfen wurden, schlug die Stadt die Fläche zwischen Krautgärten und Im Kleefeld vor. Der Grund: Sie gehört der Stadt, und diese kann im Kaufvertrag die Nutzungsziele festlegen. Die Fläche liegt mitten im Ort nahe zweier Bushaltestellen. Magistrat, Ortsbeirat und Stadtverordnetenversammlung stimmten dem Verkauf mehrheitlich zu.

Die Firma Revikon hat den Bauantrag eingereicht. Die Genehmigung, heißt es aus dem Rathaus, sei auf einem guten Weg. Ist die erteilt, können die Arbeiten beginnen. Geplant sind fünf Gebäude, davon eines mit zwölf Wohneinheiten für den Sozialen Wohnungsbau. Hinzukommen drei barrierefreie Häuser mit jeweils zehn Eigentumswohnungen sowie ein Gemeinschaftshaus für die Bewohner – und 60 Stellplätze. Der Spiel- und Bolzplatz soll von seiner derzeitigen Position Richtung Untergasse verschoben werden. Erschlossen werden soll das Gebiet über die Straße Aubach.

Im August 2018 meldete sich eine Initiative zu Wort, die Kritik seitdem an dem Standort übt – nicht an dem Projekt »Barrierefreies Wohnen«, wie die Gruppe auf Nachfrage mitteilt. Wollten die Beteiligten im Sommer vergangenen Jahres nicht, dass ihre Namen in der Zeitung genannt werden, stehen diese mittlerweile auf der Internetseite der Gruppe. Es handelt sich meist um direkte oder unmittelbare Anwohner des Areals. Ihr Hauptkritikpunkt: der Hochwasserschutz. Die Anwohner sorgen sich vor allem darum, dass durch den Bau der Gebäude wichtige Versickerungsflächen bei Hochwasser oder Starkregen wegfallen würden. Denn das geplante Baugebiet liegt im Überschwemmungsgebiet für den Kleebach.

Schärfe in sozialen Medien

Dem widersprechen die Allendorfer SPD, Freien Wähler und Grünen: Der Hochwasserschutz sei weiterhin gewährleistet. Auf dem Gelände selbst müsse Revikon für Retentionsraum sorgen, die Häuser würden ohne Keller gebaut. Wie Stadträtin Gerda Weigel-Greilich in einer Parlamentssitzung zu diesem Thema sagte, habe sich der Bauherr mit der zuständigen Unteren Wasserbehörde im Vorfeld abgestimmt. Pikant für die Allendorfer SPD, FW und Grünen: Einige der Beschwerdeführer hätten dort selbst gebaut oder angebaut. Zu einer Zeit, als der Hochwasserdamm noch nicht errichtet war – und damit die Hochwassergefahr größer.

Nachgefragt bei der Unteren Wasserbehörde, die beim Landkreis Gießen angesiedelt ist: Damit ein solches Bauvorhaben in einem solchen Gebiet zugelassen werden kann, müsse die Überflutungsfläche zeitgleich und adäquat ausgeglichen werden, teilt Kreissprecher Dirk Wingender mit. »Das bedeutet konkret, dass an anderer Stelle eine Senke oder ähnliches gebaut werden muss, die das Wasser aufnimmt, das wegen der Gebäude verdrängt wird.« Die Behörde geht davon aus, dass Revikon im Rahmen des Baugenehmigungsverfahren einen entsprechenden Nachweis erbringen werde. »Damit«, sagt Wingender, »wäre das Vorhaben genehmigungsfähig«.

So weit, so normal. Allendorf ist nicht der erste Ort auf der Erde, an dem sich Bewohner gegen ein Bauprojekt zusammentun, Argumente und Unterschriften sammeln. Was die Situation im Gießener Stadtteil anders macht, ist die Schärfe, die überwiegend über eine geschlossene Gruppe auf Facebook in die Diskussion getragen wurde. Ortsvorsteher Thomas Euler konnte dort unter anderem lesen, dass er ja zufällig mit dem Bauträger befreundet sei. Motto: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Ein anderer Nutzer schrieb, warum Euler so ein Interesse am Gelingen des Projektes habe: »Wirtschaftliche Interessen, Interesse zum Wohle älterer Mitbürger, der Allendorfer Allgemeinheit?«

Der Ortsvorsteher, der zuvor auf viele Kommentare geantwortet und einige Argumente wie das zum vermeintlichen Wegfall des Spiel- und Bolzplatzes als »Falschinformationen und Unwahrheiten« bezeichnet hatte, reagierte betroffen. Er hält sich offen, nach dem Ende seiner Amtszeit 2021 erneut als Ortsvorsteher zu kandidieren: »Ich bin ehrenamtlich in meiner Freizeit tätig. Da muss ich mir keine ehrabschneidende Unterstellungen gefallen lassen.« Die Initiative Allendorf betont auf ihrer Homepage, sich an der Diskussion in sozialen Netzwerken nicht beteiligt zu haben.

Die Befürworter sind – natürlich – weiterhin von der Richtigkeit des Projektes überzeugt. »Die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er Jahre werden auch immer älter und gehen demnächst in den Ruhestand«, sagen sie. Barrierefreier Wohnraum aber fehle im Dorf. »Mit dem Projekt werden wir dem gerecht.« Die Gegner des Baugebiets hingegen kämpfen – natürlich – weiter. Auf ihrer Internetseite schreiben sie, dass sie bereits rechtliche Schritte prüfen.

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