17. Oktober 2018, 18:03 Uhr

Fotoprojekt

Es geht um das Vermissen

Fotografin Anja Schaal hat im Rahmen von Stadt[Labor]Gießen ein Fotoprojekt gestartet, in dem Bürger zeigen, was sie an der Stadt vermissen würden.
17. Oktober 2018, 18:03 Uhr
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Von Karola Schepp

Alles begann in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in der Rödgener Straße. Dort lernte die Gießener Fotografin Anja Schaal eine Familie aus Syrien kennen und erfuhr in den gemeinsamen Gesprächen von all den Dingen, Gerüchen, Blickwinkeln, die die Flüchtlinge aus ihrer Heimat vermissen. Als dann auch Schaals eigene Familie durch ein Jobangebot vor die Wahl gestellt wurde, von Gießen wegzuziehen, war das Thema gesetzt. »Was würde mir an Gießen fehlen, wenn ich hier wegziehen müsste?«, fragte sich Schaal und hat daraus ein Fotoprojekt entwickelt. Auf Anregung von Stadtarchivar Dr. Ludwig Brake wurde Anfang September im Rahmen des Stadt[Labor]Gießen, das sich um eine Neukonzeptionierung des Oberhessischen Museums bemüht, ein Fotoworkshop angeboten. Am Donnerstag, 25. Oktober, sind dessen Ergebnisse im ZiBB ausgestellt. Heute Abend berichtet der Hessische Rundfunk über Schaal und ihr Projekt.

Gemeinsam mit sieben Teilnehmerinnen – die beiden Jüngsten im Alter von 16, die älteste Teilnehmerin war 69 – machte sich Schaal in Gießen auf die Suche nach den Orten, die den Teilnehmern besonders wichtig erschienen. Ganz persönliche Bilder und Geschichten kamen dabei heraus. Die 43 Motive werden in der Ausstellung im ZiBB an einem Tag zu sehen sein. Auch für 2019 ist eine Ausstellung geplant.

Unter der Moderation von Anja Schaal kreisten die sieben Teilnehmerinnen des Workshops zunächst thematisch ein, was es in Gießen zu vermissen gäbe, müsste man es plötzlich verlassen. »Es ging mir dabei nicht um eine Marketing-Werbeaktion für Gießen«, betont Schaal. Ihr war es wichtiger, dass die Teilnehmer deutlich machen konnten, was sie persönlich bei einem plötzlichen Wegzug an der Stadt vermissen würden. Sie hat sich schließlich bereits in ihrer Abschlussarbeit zum Studium der Erziehungswissenschaften und Kunstpädagogik mit der »Fotografie als Methode empirischer Sozialforschung« beschäftigt.

Es wurde klar, dass die kulturelle Identität der Teilnehmer bei der Auswahl der Motive eine Rolle spielte. Aber auch das Alter, die Religions- und Vereinszugehörigkeit hatten Einfluss. »So haben die 16-Jährigen das Kinopolis fotografiert, Ältere aber das Kinocenter«, macht Schaal Unterschiede deutlich. Aber beim Geschlecht, der Rolle in der Familie oder der Wahl von Hobbies zeichneten sich deutlich auch Gemeinsamkeiten ab.

Bevor die Teilnehmer loslegten, gab es eine Einweisung in die Kameratechnik, die beste fotografische Umsetzung der individuellen Motive und eine Einführung in das Fotorecht. Gemeinsam begab sich die Gruppe auf einen Fotorundgang durch die Stadt, bei dem die Herangehensweise an verschiedene Motive besprochen wurde. Als die Teilnehmerinnen am Ende der Woche gemeinsam die Ergebnisse sichteten, gab es immer wieder die Frage: »Wo ist das denn?«. Es wurde offensichtlich, dass ganz unterschiedliche Ecken unserer Stadt zur alltäglichen Lebenswelt Einzelner zählen. Eine Werkschau von acht Gießenerinnen zeigt deshalb noch kein umfassendes Gesamtbild einer Stadt, es regt aber eventuell den einen oder die andere zum Weiterdenken an.

Beitrag im HR

Ausstellung im ZiBB?>

¬Wer sich inspirieren lassen möchte, darüber nachzudenken, was er/sie an Gießen vermissen würde, ist eingeladen, am Donnerstag, 25. Oktober, von 17 bis 22 Uhr im ZiBB (Hannah-Arendt-Straße 8) die persönlichen Sichtweisen von acht Frauen auf ihre Stadt zu betrachten. Einen ersten Eindruck vermittelt das Hessische Fernsehen heute Abend in seinem Magazin »Hauptsache Kultur«. Es läuft am Donnerstag, 18. Oktober, um 22.45 Uhr im HR-Fernsehen.



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