12. Juli 2018, 19:00 Uhr

Jugend debattiert

»Es geht nicht ums Rechthaben«

Unter 200 000 Teilnehmern bei »Jugend debattiert« sind Felix Dölp und Jakob Wagner unter die besten 32 ihres Alters gekommen. Hier äußern sie sich und ihre Lehrer Michael Botor und Rolf Bernhardt.
12. Juli 2018, 19:00 Uhr
Karen_werner
Von Karen Werner
Respektvolles und differenziertes Argumentieren ist wichtig, um Interessen durchzusetzen, und letztlich für das Funktionieren der Demokratie, sagen die LLG-Schüler Felix Dölp (l.) und Jakob Wagner. (Foto: kw)

Jakob, Felix: Wie habt ihr das Finale von »Jugend debattiert« in Berlin erlebt? Wart ihr enttäuscht, als ihr die Endrunde der besten vier verpasst habt?

Felix Dölp: Nein. So waren die Tage dort weniger stressig. Für mich war das Finale eher eine Fortsetzung der Wettbewerbsrunden vorher. Man konnte sich wieder austauschen.

Jakob Wagner: Ich hätte nie erwartet, überhaupt so weit zu kommen. Am wichtigsten war mir, die Leute aus dem Landessieger-Seminar wiederzusehen und neue Teilnehmer kennenzulernen. Da kommt ein interessanter Menschenschlag zusammen: Alle sind politisch interessiert, keiner verbissen. Auch in der Freizeit kommt es zu Diskussionen.

Könnt ihr anderen Tipps geben, wie man Lampenfieber bekämpfen kann?

Wagner: Wir haben im Landessieger-Seminar einiges gelernt. Zum Beispiel: Wie stehe ich, wen gucke ich an, wann atme ich. Das Wichtigste war aber die Erfahrung aus den Runden vorher: Da bekam man Selbstvertrauen.

Dölp: Beim Landesfinale war es aufregend, vor mehreren Hundert Leuten im Sendesaal des Hessischen Rundfunks zu sprechen. Wenn man gut vorbereitet ist, kann man mit Ruhe auf die Bühne gehen. Natürlich hat es geholfen, dass wir im Seminar Hörbeispiele zu Stimmmelodie, Höhen und Tiefen, Sprechtempo oder Pausen analysiert hatten.

Wie habt ihr trainiert für das Finale?

Dölp: Das Debattieren habe ich nicht mehr speziell geübt. Es ging eher darum, Argumente zu finden zu den vorgegebenen Themen. Ich habe viel mit meiner Mutter geredet und in der Klasse Meinungen gesammelt.

Wagner: Ziel ist, den Kernkonflikt herauszustellen. Ich habe mit meinen Eltern und mit meinem Bruder diskutiert. Bei juristischen Fragen rufe ich gern meinen Großvater an.

Herr Botor, Herr Bernhardt: Merkt man bei diesem Wettbewerb, wie viel in der Familie der Schüler gesprochen wird und ob die Eltern Akademiker sind?

Dr. Michael Botor (nach einer Pause): Ein Vorwurf, der immer wieder erhoben wird: »Jugend debattiert« sei eine Eliteveranstaltung. Natürlich haben bei diesem Wettbewerb Schüler Vorteile, deren Eltern eine bestimmte Sprachkultur pflegen. Wir bieten aber in verschiedenen Bereichen Anreize für alle, die Lust haben sich weiterzuentwickeln.

Rolf Bernhardt: Es gibt jetzt aber Gruppen für Nichtgymnasiasten und Nichtmuttersprachler.

Was merkt ihr im Alltag von euren neuen Fähigkeiten?

Wagner: Ich hatte seitdem erst eine Präsentation an der Schule und habe automatisch mehr auf Wortwahl, Stand und Argumentation geachtet. Es könnte auch sein, dass sich das Schreiben von Klausuren verändert. Und natürlich profitiere ich von der Recherche zu zehn aktuellen politischen Themen. Ich habe Zeitungsartikel und Gesetzestexte gelesen, viel Fachwissen erlangt.

Dölp: Das Bewusstsein wird geschärft für Ausdruck, Gestik, Mimik. Damit kann man sich überall besser einsetzen. Auch später im Bewerbungsgespräch ist das wichtig.

Es ist bestimmt nicht immer einfach für eure Umgebung, wenn ihr sie in Grund und Boden debattiert.

Dölp: In Grund und Boden, das ist nicht der richtige Ausdruck. Nur weil man gut reden kann, greift man ja nicht andere an. Es geht nicht ums Übertrumpfen, sondern gerade darum, auch die Argumente des Gegenübers wertzuschätzen. Weiterdenken: Was steht dahinter? Welche Folgen hätte eine Maßnahme?

Wagner: Ich glaube, meine Gesprächspartner hatten Spaß an der Vorbereitung. Debattieren ist eine Art Teamsport. Das Ziel ist nicht, dass sich alle einigen oder dass man Falsch und Richtig festlegt.

Bernhardt: Das ist ganz wichtig in diesem Wettbewerb: Es geht nicht ums Rechthaben. Es gewinnt nicht der, der am Ende die meisten Publikumsstimmen hat.

Botor: Man will wegkommen von einer Stammtischdenke. Respekt vor dem anderen und Zuhören gehören unbedingt dazu.

Wagner: Es heißt, »Jugend debattiert« stärke die Demokratie. Das fand ich erst übertrieben. Aber es ist sinnvoll, zu überlegen: Was wäre die Argumentation eines Menschen, der grundsätzlich anderer Meinung ist als ich?

Müsst ihr euch manchmal zurückhalten? Zum Beispiel auf dem Schulhof?

Dölp: Im Unterricht nein. Aber manchmal passt es nicht, wenn man spaßeshalber anfangen möchte zu debattieren.

Welche Rolle spielt die Körpersprache? Nutzt ihr schauspielerische Mittel?

Wagner: Wenn man etwas zu sagen hat, ist es wichtig zu wissen, wie man es tut. Kommunikation ist nie nur verbal. Aber man darf nichts erzwingen. Gesten zum Beispiel wirken sonst leicht künstlich.

Wie aggressiv darf eine Diskussion sein?

Dölp: Eine Debatte, wie wir sie im Wettbewerb führen, hat strenge Regeln. Zum Beispiel darf man einander nicht ins Wort fallen. Bei einer Diskussion kann das mal vorkommen. Sie sollte immer konstruktiv bleiben.

Wagner: Wenn man laut oder ausfallend wird, schwindet die Überzeugungskraft eher.

Wie wichtig ist euch eine vernünftige Streitkultur – im Internet, in der Politik?

Dölp: In der Politik muss man sich meistens auf Kompromisse einigen. Da wäre es eigentlich die Hauptsache, dass eine Auseinandersetzung sachlich und konstruktiv ausgetragen wird.

Wagner: Man braucht nicht so strenge Regeln wie bei »Jugend debattiert«, aber Respekt vor dem Gegenüber und das Achten der Wahrheit sollte selbstverständlich sein. Manche Politiker sagen allerdings bestimmte Sachen nur, um zu provozieren ...

Dölp: ... oder um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Wagner: Ja, und das finde ich gefährlich.

Es heißt oft, Mädchen seien kommunikativer als Jungen. Wie sind eure Erfahrungen?

Dölp: Ich sage es mal so: Quantität ist nicht gleich Qualität. Beim Bundesfinale war das Verhältnis ziemlich genau 50 zu 50.

Wagner: Ich sehe keinen Geschlechtervorteil oder -nachteil. Weit kommt, wer strukturiert denken und argumentieren kann.

Bernhardt: In den ersten Runden haben Mädchen gelegentlich einen Startvorteil. Sie sind eher gewöhnt ans Zuhören. Jungen treten, bevor die Regeln eingeübt sind, eher mal groß auf.

Was ist einfacher: Die eigene Meinung vertreten, die einem am Herzen liegt, oder beide Seiten nüchtern abwägen?

Dölp: Wenn man stark persönlich betroffen ist, hilft es manchmal, die Gegenmeinung zu vertreten. Man kann sie objektiver vortragen.

Wagner: Selbst wenn man auf ein Thema gut vorbereitet ist: Der Ausdruck ist überzeugender, wenn man die eigene Meinung vertritt. Aristoteles nennt das Ethos, die Einheit von Sprecher und Gesagtem.

Bei »Jugend debattiert« müsst ihr eine Seite vertreten, die zugelost wurde. Ihr lernt, eine Meinung zu »verkaufen«, egal ob ihr sie teilt. Ist das fragwürdig?

Wager: Ich finde gerade das super. Es ist wichtig, sich in den Gegner hineinzuversetzen. Der bloße Gedanke, dass er vielleicht recht haben könnte, ist eine Basis für Toleranz.

Dölp: Ich würde mich distanzieren vom Begriff »verkaufen«. Es geht nicht darum, Leute zu manipulieren. Das ist nicht das Ziel des Debattierens, von dem wir hier sprechen.

Ihr seid beide vielfältig begabt und nun auch bei einem Wettbewerb erfolgreich. Erlebt ihr bei Gleichaltrigen Anerkennung – oder auch Streber-Sprüche?

Wagner: Nur Anerkennung. Die meisten Mitschüler finden es richtig cool und haben sich meine Debatten im Internet angeguckt.

Dölp: Man erntet Respekt dafür, dass man vor so vielen Leuten sprechen kann. In meiner Jahrgangsstufe bekommt man aber schon manchmal einen gewissen Stempel.

Wagner: Ich war beeindruckt davon, wie viele Lehrer uns gratuliert haben.

Das ist auch nicht selbstverständlich, dass Lehrer es ertragen, dass ihre Schüler manches besser können als sie selbst.

Wagner: An unserer Schule wird Engagement und Wissen hoch geschätzt.

Botor: Ein Lehrer, der damit nicht umgehen kann, wäre hier falsch. Unsere Schulleiterin unterstützt begabte Schüler und ist mitgefahren nach Berlin, das war ein schönes Zeichen der Anerkennung.

Wie habt ihr euch in Berlin gefühlt – eher unter euresgleichen als sonst?

Wagner: Es war Inspiration pur. Ich habe so viele clevere Leute getroffen. Sie sind in vielen Bereichen begabt und interessiert.

Dölp: Es ist schön, wenn man Leute trifft, die einem selbst ähnlich sind. Alle sind interessiert, das ist ein großer gemeinsamer Nenner. Trotzdem gibt es Unterschiede.

Wollt ihr Politiker werden?

Wagner: Es wäre möglich, dass ich mich politisch engagiere.

Dölp: Ich bin politischen Debatten nicht abgeneigt, aber auch nicht übermäßig interessiert an Politik.

Zusatzinfo

Vielseitig begabt

Felix Dölp (15) sieht Sprache nicht unbedingt als seine einzige Stärke an. »Mir liegt vor allem das Technische, Mathematische, Logische«, sagt der Neuntklässler vom Landgraf-Ludwigs-Gymnasium – »wobei ich mich gut ausdrücken kann«. Der Gießener ist Einzelkind. Er rudert und spielt Baritonhorn im Schulorchester. Beim Bundesfinale in Berlin wurde er – nach dem Landessieg in der Mittelstufe – Zehnter. Gerne würde er in einem Alumni-Programm sein Wissen an andere weitergeben. Jakob Wagner (17) hatte in Hessen den zweiten Platz der Oberstufenschüler belegt. Er bezeichnet Geschichte, Fremdsprachen und Sport als Lieblingsfächer. Er ist in Stufe 11 und wird nach G8 nächstes Jahr sein Abitur am LLG ablegen. Der Radsport- und Fußballfan (»aktiv und passiv«) hat mit Freunden ein Schülerunternehmen gegründet, das mit Erfolg Schulpullis vertreibt. Jakob hat einen Bruder und lebt in Heuchelheim. Am Wettbewerb »Jugend debattiert« nimmt das LLG seit 2004 teil. Die Initiative des Bundespräsidenten wird von mehreren Stiftungen unterstützt.



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