03. Oktober 2017, 15:25 Uhr

Erzählen als Charaktereigenschaft

03. Oktober 2017, 15:25 Uhr
Kirsten Fuchs signiert ihre Bücher. (Foto: sis)

Gießen (sis). »Das Leben ist ein Schalk. Es hätte mich mit allem, was ich bin, in den Körper einer Kassiererin hineinschicksalen können.« Hat es aber nicht. Kirsten Fuchs ist nach einer Lehre zur Tischlerin mit Schreibfaible über Umwege dazugekommen, 2003 den »Open Mike«, einen Wettbewerb für »Junge Literatur«, zu gewinnen. Seitdem erscheinen fast im Jahresrhythmus Romane von ihr, seit 2015 auch Kinder- und Jugendbücher. Mit »Der Miesepups« war Fuchs nachmittags in der Stadtbibliothek zu Gast, abends las sie für die Erwachsenen im Ulenspiegel aus ihren Textsammlungen »Eine Frau spürt so was« und »Kaum macht man mal was falsch, ist das auch wieder nicht richtig« – teils derbe, immer aber sehr trocken humoristische Kurztexte. Und die trafen auf sehr hohen Zuspruch.

Organisiert vom Literarischen Zentrum bot Fuchs einen selbstironischen Einblick in ihr Privatleben als bald zweifache Mutter, Kolumnistin, Autorin diverser Theaterstücke und Brüder-Grimm-Preisträgerin. Geschichtenerzählerin beispielsweise sei kein Beruf, sondern ihr Charakter, meint die Autorin im ersten Text »Interessant einkaufen«. Es stecke schon sehr viel von ihr selbst in den Arbeiten, deshalb fällt es dem Zuhörer manchmal schwer, zu differenzieren, was die Ich-Erzählerin vermittelt und was die Person Kirsten Fuchs tatsächlich anbelangt. »Egal, ob die Geschichten stimmen oder nicht. Sie stimmen trotzdem«, soll mal eine Rezensentin geschrieben haben. Und so scheint es tatsächlich zu sein. Oder auch nicht.

Es ist ein äußerst unterhaltsamer Abend. Fuchs versteht es, die absurden Details des Alltags in die dollsten Geschichten zu verpacken und sagt selbst während der Lesepausen: »Wenn bei mir mal etwas nicht klappt, ist das gleich ein gefundenes Fressen für eine Geschichte.« Egal, ob der Elternabend in einer Kreuzberger Kita, Stillen, Humoranalyse von typischen Eltern-Kind-Spielen wie »Kuckuck, ja wo ist denn die Mama?«, Schwangerschaft oder Liebe im hohen Alter. Fuchs hat zu allem etwas zu sagen. Zu allem zumindest, das ihren Lebensweg kreuzt. Politisch wird es in ihren Lesebühnentexten an diesem Abend nicht. Ernste Themen werden in den Auftragsarbeiten des Berliner GRIPS-Theaters angeschlagen. Denn da geht es darum, dass die Lehrer von heute einen triftigen Grund bräuchten, mit Schülern ein Theater zu besuchen. »Einfach zum unterhalten gehen die da nicht hin.« Über die eigene Rolle in einer sozialen Gruppe beispielsweise wie bei »Mädchenmeute«, welche 2016 den Deutschen Jugendliteraturpreis gewann. Oder über Rechtspopulismus wie in »Heimatkleid«, welches erst im September Premiere in Berlin feierte. Fuchs ist eine unbarmherzig ehrliche, authentische, überraschende Person.

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