Stadt Gießen

Erstes Wiedersehen seit einigen Jahrzehnten

Gießen (sel). Im »Alten Eishaus« kam es soeben zu einem für die meisten der Beteiligten nahezu historischen Wiedersehen. Beim ersten »Admira-Treffen« dieser Größenordnung erschienen fast 40 ehemalige Auszubildende und Mitarbeiter des einstigen Gießener Textilienherstellers Admira-Mänteln, um sich teils nach Jahrzehnten wiederzusehen,
12. September 2012, 20:13 Uhr
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Die Teilnehmerinnen am ersten »Admira-Treffen« nach rund einem halben Jahrhundert im »Alten Eishaus« am Wißmarer Weg. (Foto: sel)

Erinnerungen auszutauschen und sich gegenseitig über das Ergehen und Erleben in Kenntnis zu setzen. Denn die Gießener Firma, in der sie lernten und arbeiteten, gibt es seit mehr als 35 Jahren nicht mehr. Es ist das mit viel Mühe, Kleinarbeit und Beharrlichkeit verbundene Verdienst von Isolde Eckhardt aus Dorlar, die ehemaligen Mitlehrlinge und Arbeitskollegen ausfindig gemacht und zum Wiedersehen im »Alten Eishaus« eingeladen und motiviert zu haben. Eine »Ehemalige« hat es bis nach Australien verschlagen. Sie fehlte beim Treffen der einstigen Kolleginnen, war aber vor einigen Monaten erstmals seit 30 Jahren in der alten Heimat Gießen und ließ die besten Grüße ausrichten.

Vor einem halben Jahrhundert war das Schiffenberger Tal im Bereich der Rathenaustraße noch überwiegend von Äckern und Wiesen geprägt. Die Zahl der Unternehmen, die sich dort niedergelassen hatten, war – im Gegensatz zu heute – überschaubar. An der Rathenaustraße befand sich – schräg gegenüber von Kessler & Luch – das seinerzeit neue Gebäude, in dem die Damenmäntelfabrik Kronen-Mäntel AG ihre Textilien herstellte. Das Unternehmen wechselte schon Mitte der 1960er Jahre nach der Übernahme durch eine holländische Firma den Namen und nannte sich dann Admira-Mäntel. 1973 schon wurde die Belegschaft aus wirtschaftlichen Gründen verkleinert und die Firma zog aus der Rathenaustraße an den neuen Standort »Zu den Mühlen«. Aber auch das war nur von kurzer Dauer. Und noch kürzer war die Zeit am dann dritten Standort im Gewerbegebiet Gießen West, ehe die Firma Mitte der 1970er Jahre aufgelöst wurde.

Auch dieses eher traurige Schicksal gehörte zu den Gesprächsthemen beim Ehemaligentreffen, aber mehr am Rande, liegt das Geschehen nun doch schon etliche Jahrzehnte zurück. »In den Köpfen« der einstigen Lehrlinge und Beschäftigten aber ist Admira als persönliches Stück Lebensgeschichte noch immer präsent. Zumal bei dem Treffen der ehemaligen Schneiderinnen und Näherinnen mit Marga Groß, Mia Ferber, Johann Jung und Lothar Schwenk Mitglieder der einstigen Geschäfts- und Produktionsleitung anwesend waren.

Nicht mehr dabei ist die vor einigen Jahren verstorbene Olga Kiefer, die einstige und unvergessene Lehrmeisterin und Ausbilderin aller anwesenden Damen. Alle von ihr in einem guten Jahrzehnt ausgebildeten Lehrlinge – das Lehrlingsgehalt lag damals unter 100 Mark im Monat – wurden seinerzeit von der Firma übernommen und arbeiteten dort bis zur deren Schließung.

Der »Webpelz« war in den 60er Jahren in Mode, erinnert sich Isolde Eckhardt, die Oberseite aus Flausch, die Rückseite aus Schaumstoff. Aus Resten und Abfällen der Jackenproduktion entstanden zudem kleine Häschen, Mützen oder Hausschuhe. Diese kleinen Nebenprodukte wurden während der Lehr- und Arbeitszeit gefertigt und dann zum Weihnachtsfest an Kinderheime verschenkt; »gute Taten«, an die man sich bis heute gerne im ehemaligen Kolleginnenkreis erinnert. Aber auch daran, dass die Knopfannähmschinen dann und wann defekt waren. Das führte zu einer starken Inanspruchnahme vor allem der Lehrlinge, die »stangenweise« Knöpfe per Hand annähen mussten.

Die Scheiderlehrlinge führten ihre Berichtshefte relativ akribisch und vorschriftsmäßig, mussten sie doch von den Eltern unterschrieben und jeden Wochenanfang zur Kontrolle abgegeben werden, erinnert sich Isolde Echardt. »Wer wollte schon unnötigen Ärger haben, wenn er den durch ordentlich geführte Hefte vermeiden konnte?« Die Berufsschule befand sich in der Georg-Schlosser-Straße, dort wo heute die Galerie Neustädter Tor steht. »Schule schwänzen gab es bei uns nicht«, erinnert sich der ehemalige Schneiderlehrling Isolde. Endete die Schule vor zwölf Uhr mittags, hieß es wieder pünktlich im Betrieb in der Rathenaustraße zu sein. Zu Fuß natürlich. Und im Betrieb war das Arbeiten mit Fingerhut obligatorisch, widrigenfalls setzte es auch schon mal eine Strafarbeit. Wenn abends länger gearbeitet werden musste – und das kam immer wieder vor, wenn Aufträge abzuarbeiten und Lieferfristen einzuhalten waren –, bestand die Überstundenvergütung aus einem Stück Stoff.

Der Admira-Lehrjahrgang 1966 trifft sich seit 2007 regelmäßig am ersten Wochenende nach Ostern. Erstmals 2008 kam der Lehrjahrgang 1964 zusammen. Und nun im »Alten Eishaus« alle Ausbildungsgruppen einstmals junger Frauen, die in den 1960er Jahren bei der Kronen-Mäntel respektive Admira-Mäntel AG in Gießen gelernt und dann gearbeitet haben. Eine von ihnen ist auch Erika Nebeling geborene Schmidt aus Atzbach, die sich als Mundartschreiberin, -poetin und -erzählerin in der heimischen Region einen Namen gemacht hat und immer wieder vor größerem und kleinerem Publikum auftritt. Sie sorgte auch beim »1. Admira-Treffen« für gute Laune und viele Lacher bei den ehemaligen Ausbildungs- und Arbeitskolleginnen.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Erstes-Wiedersehen-seit-einigen-Jahrzehnten;art71,74154

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