25. Januar 2013, 19:13 Uhr

Erste Trauerfeier im Gießener Bestattungswald

Gießen (hin). Es ist kalt am Fuße des Schiffenbergs, als die erste Urne im Bestattungswald versenkt wird. Die Bäume sind kahl, die Äste schneebedeckt. Der Weg ist nicht auf Anhieb zu erkennen, und so ziehen sich Fußspuren quer durch das Unterholz.
25. Januar 2013, 19:13 Uhr
An der Straße nach Pohlheim-Hausen weist ein Schild auf den Parkplatz am Bestattungswald hin. (Foto: Schepp)

Bestatterin Irmgard Bodelle und die Familie des Verstorbenen haben der Trauerfeier am Freitag jedoch einen warmen Glanz verliehen. Fackeln lenken den Blick auf den Baum, unter dem Rudolf H. (55) seine letzte Ruhestätte findet.

Die schlichte weiße Urne ruht auf einer mit Tulpen geschmückten Stele. Ein Stückchen weiter steht eine Schale mit zartgrünen Blütenblättern. Kurz darauf wird die Urne in ein vorbereitetes rundes Grab vor den Wurzeln einer hohen Buche beigesetzt.

Als Rudolf H. Anfang Dezember starb, war für die Familie klar, dass sie dem Wunsch des Verstorbenen nach einer Bestattung »unter einem Baumwipfel« entsprechen wollte. In Gießen gab es die Möglichkeit einer Waldbestattung zunächst noch nicht. Die Familie wandte sich deshalb nach Niederweimar, um sich mit allen Aspekten einer Bestattung im Ruheforst vertraut zu machen. Inzwischen hat jedoch auch die Stadt Gießen ihre Friedhofsordnung geändert.

Monika Hähner-Gläsel, eine Gießener Ärztin, die ihren Bruder – zusammen mit ihren drei Schwestern – in den letzten Monaten seines Lebens betreut hat, informierte sich beim Gartenamt und besichtigte das recht ursprünglich und urtümlich aussehende Waldstück am Fuße des Schiffenberges, in der Nähe der Straße nach Pohlheim-Hausen gelegen

Mit der Entscheidung, ihren Bruder in Gießen bestatten zu lassen, wurde die Ärztin zur Pionierin, denn Rudolf H. ist der erste Mensch, der seine letzte Ruhestätte im Gießener Bestattungswald gefunden hat. Bestatterin Bodelle sei eine – hebt Monika Hähner-Gläsel hervor – große Stütze im Vorfeld der Beerdigung gewesen. Sie habe Ideen und Kreativität für die Ausgestaltung der Beisetzung mitgebracht, zugleich viel Verständnis für die Wünsche der Hinterbliebenen – und auch dafür, dass noch reichlich improvisiert werden musste.

Mit der Baumbestattung verbindet Monika Hähner-Gläsel eine insgesamt andere Kultur des Umgangs mit Sterben und Tod. Sie erinnert sich an die dörfliche Tradition, der zufolge ein Verstorbener drei Tage und drei Nächte in seinem Wohnhaus blieb und dann in einem Trauerzug zum Friedhof geleitet wurde. Den Angehörigen auch nach seinem Tod in einer Totenwache zu begleiten, ist eine Form des Abschiednehmens, die Hähner-Gläsel sich auch in einer modernen Welt vorstellen kann, denn jeder Verstorbene darf 36 Stunden in der häuslichen Umgebung bleiben. Nach Monaten der häuslichen Pflege entschied sich Rudolf H. – dem schlechter werdenden Gesundheitszustand Rechnung tragend – dazu, die verbleibende Lebenszeit im Wetzlarer Hospiz Haus Emmaus zu verbringen. Der Aufenthalt im Hospiz bescherte ihm für weitere zwei Monate Ruhe und Verinnerlichung, bis er schließlich auf eigenen Wunsch nach Hause zurückkehrte und dort nach wenigen Tagen ruhig verstarb.

Sein Wunsch, in häuslicher Umgebung zu sterben, konnte auch deshalb erfüllt werden, weil die Mitarbeiter der speziellen ambulanten Palliativversorgung dabei halfen. Monika Hähnel-Gläser erinnert sich an die letzten Tage mit ihrem Bruder, ihren Geschwistern und Angehörigen als Zeit einer engen und intensiven Beziehung aller Beteiligten.

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