Stadt Gießen

Eritrea-Festival ohne Zusammenstöße

Gießen (srs). Ein »Eritrea-Festival« hat zwischen Freitag und Sonntag wieder tausende Eritreer in die Hessenhallen gelockt. Nachdem es in den beiden letzten Jahren mehrfach zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Besuchern und eritreischen Oppositionellen gekommen war, blieb eine Konfrontation an diesem Wochenende aus.
14. Juli 2013, 19:18 Uhr
Vor dem Nordtor der Hessenhallen forderten Gegner des Festivals demokratische Verhältnisse in Eritrea.	(Fotos: srs9
Vor dem Nordtor der Hessenhallen forderten Gegner des Festivals demokratische Verhältnisse in Eritrea. (Fotos: srs9

60 Menschen demonstrierten in einer Mahnwache im August-Balzer-Weg friedlich für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Eritrea. In den Hessenhallen referierte währenddessen der als »die rechte Hand des Präsidenten« vorgestellte Yemane Ghebreab vom Vorstand der einzigen in Eritrea zugelassen Partei PFDJ.

»Warum wird Eritrea oft als Diktatur beschrieben?«. Und »warum flüchten Jugendliche aus Eritrea?«. Diese Fragen beantwortete der Berater des Präsidenten und »Head of Political Affairs« der PFDJ, Ghebreab, am Samstagnachmittag im Gespräch mit 150 eritreischen Jugendlichen. Dass Eritrea als Diktatur bezeichnet werde, sei ein Problem der Medien, hielt er fest. Überhaupt werde Afrika in Presse und Rundfunk in einer einseitigen Perspektive auf einen von Armut geprägten Kontinent der Dritten Welt reduziert. Eritreische Jugendliche könnten dagegen jedoch etwas unternehmen, indem sie selbst Berufe in den Medien ergriffen. Ihre Heimat Eritrea, so erklärte Ghebreab weiter, verließen Jugendliche vorwiegend »aus persönlichen Wünschen, um in einem entwickelten Land wie Deutschland zu leben.«

Draußen vor dem Nordtor der Hessenhallen protestierten unterdessen sechzig Menschen gegen das Festival. Jegliche wirtschaftliche oder politische Zusammenarbeit mit der eritreischen Regierung verurteilte der Geschäftsführer des eritreischen Nationalrats für demokratischen Wandel Dr. Tadios Tesfu in einer Kundgebung als »Missachtung der Menschenwürde.« Die Demonstranten forderten die Messe Gießen GmbH auf, die Hessenhallen nicht weiter den Veranstaltern des Eritrea-Festivals zu vermieten, da diese »keine Zivilvereine im Sinne des deutschen Gesetzes« seien. Die 40 000 Euro an Mieteinnahmen für die Messe Gießen kämen unter anderem durch »die Erpressung von Diaspora-Steuern« zustande.

Unter den Protestierenden war auch Zekarias Kebraeb, der seine Erfahrungen der Flucht aus seinem Heimatland Eritrea in dem Buch »Hoffnung im Herzen – Freiheit im Sinn« niedergeschrieben hat. »Die Veranstalter des Festivals tun so, als fließe in Eritrea Milch und Honig«, erklärte er. »Ich bin geflüchtet, weil ich einen Grund habe. Wir haben keine Grundrechte, keine Verfassung, gar nichts.«

Angemeldet hatte die Demonstration der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Stadtparlament, Klaus Dieter Grothe. Das Eritrea-Festival in Gießen bezeichnete er als »nicht hinnehmbaren Skandal.« Er bedauerte, dass durch den Ort der Mahnwache im August-Balzer-Weg die Demonstrierenden von den Besuchern des Festivals nicht zu sehen und nicht zu hören waren.

Drinnen tanzten die Gäste derweil unter anderem zu Liedern des aus Eritrea eingeflogenen Musikers und früheren Unabhängigkeitskämpfers Wedi Shek. Der eritreische Botschafter Petros Tseggai ehrte zudem Jugendliche, die im vergangenen Jahr einen Bildungsabschluss absolviert hatten.

Am späten Samstagabend kam es zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen einem Besucher des Festivals und Sicherheitspersonal. Dem Mann wurde dabei ein Arm gebrochen. Er gab der Polizei an, er sei von sieben Sicherheitsleuten verprügelt worden. Nach anderen Berichten soll der Mann allerdings zuvor eine Frau angegriffen haben. Für die alarmierten Beamten waren die Täter angesichts mangelnder Zeugenaussagen und einem Aufgebot von 50 Sicherheitsleuten, die sich zu dem Fall nicht äußerten, zunächst nicht zu ermitteln. Nach Angaben der Polizei verlief das Festival ansonsten friedlich.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Eritrea-Festival-ohne-Zusammenstoesse;art71,82998

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