04. November 2013, 22:08 Uhr

Erinnerung an Blüchers Jagd auf Napoleon vor 200 Jahren

Gießen-Allendorf (hin). Vor genau 200 Jahren – zwei Wochen nach der Völkerschlacht von Leipzig – rückten Feldmarschall Blücher und seine Schlesische Armee nach Gießen ein. Hunderttausend Soldaten mussten einquartiert und verköstigt werden, bevor sie die Jagd auf den französischen Kaiser Napoleon fortsetzen konnten.
04. November 2013, 22:08 Uhr
Ortsvorsteher Thomas Euler, Prof. Helmut Berding und Dr. Andreas Emmerich (v. l.), flankiert von zwei »Gardisten« aus dem Leibgarderegiment des Großherzogtums Hessen, dargestellt von Rainer Pfeiffer und Klaus Schäfer. (Foto: hin)

Am Sonntag erinnerten der Historiker Prof. Helmut Berding, der Militärhistoriker Dr. Andreas Emmerich und der Allendorfer Ortsvorsteher Thomas Euler an das historische Ereignis. Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz sprach einführende Worte.

Im Anschluss an die Vorträge konnten sich die rund 140 Besucher, unter ihnen viele Funktionsträger aus Stadt und Landkreis Gießen, in einer Ausstellung im Foyer der Mehrzweckhalle ergänzend informieren. Die Resonanz auf die Veranstaltung hatte die Erwartungen der Organisatoren anscheinend weit übertroffen, denn obwohl die Besucher bereits dicht gedrängt saßen, mussten immer noch weitere Stühle herbeigeholt werden.

Am 3. November 1813, so gegen 16 Uhr, waren die Soldaten des Feldmarschalls Blücher in Gießen angekommen, wie Emmerich anschaulich illustrierte. Anhand von Landkarten und den darauf verzeichneten Truppenbewegungen ermöglichte er es den Besuchern, tagesaktuell nachzuvollziehen, wo genau sich die Soldaten der Schlesischen und der Böhmischen Armee und die sie unterstützenden russischen Einheiten auf der Jagd nach Napoleon jeweils befanden. Blücher schlug sein Hauptquartier in Gießen auf. Den Rhein zu überqueren war damals nur an wenigen Stellen möglich, unter anderem in Mainz und Neuwied. Während Blücher darauf wartete, Näheres über den Fluchtweg Napoleons zu erfahren, konnten sich seine Soldaten nach ermüdenden Tagesmärschen, geschwächt von Hunger und Krankheit, in Gießen erholen.

Blüchers Soldaten verteilten sich im Umland. Gießen wurde Teil der Weltgeschichte. Welche Herausforderungen für die Bevölkerung mit dem Durchzug der Soldaten verbunden waren, erläuterte Ortsvorsteher Euler, indem er auf Schadenslisten und Kirchenbücher verwies. Die Bewohner Allendorfs, damals ein Ort mit rund 300 Einwohnern, mussten mehr als 1000 Soldaten und mehrere Hundert Pferde unterbringen. Sie mussten Hafer, Gerste, Heu und Stroh sowie Brot und Leder und Leinenzeug liefern. Bezahlt wurde wohl nur in den seltensten Fällen. Zur Überquerung der Lahn dienten Kähne und eine Furt. Vorspanndienste mussten bis ins Rheinland hinein geleistet werden. Allendorf geriet in Finanznot und war gezwungen, Land an das benachbarte Lützellinden zu verkaufen – ein Vorgang, der, wenn auch inzwischen meist humorvoll geschildert, in der Beziehung der beiden Stadtteilen bis heute nachwirkt. Indem Euler einzelne Familiennamen hervorhob, wurde deutlich, wie nah die Weltgeschichte an Allendorf heranreichte.

Berding beschrieb die Jahre zwischen 1806 und 1813 als eine Zeit des Umbruchs in Europa und als eine Zeit der Reformen. Er erinnerte an den Zusammenbruch des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nationen, an die Vorherrschaft Frankreichs in Europa unter Napoleon und an die Gründung des Rheinbunds. Die politische Landschaft war einem steten Wandel unterworfen. Bündnisse und Kriege veränderten das Bild. Napoleon war Modernisierer. Er war aber auch Eroberer und General, so der Historiker. Frankreichs Feldzüge brachten Verluste an Mensch und Material. Einquartierungen und Zwangsrekrutierungen drangsalierten die Bevölkerung. Handelswege zerbrachen. Die Ära Napoleons war eine Zeit des Aufbruchs und der Erneuerung, aber auch eine Zeit der Kriege und Unterdrückung, betonte Berding.

Oberbürgermeisterin Grabe-Bolz stellte die politischen Prozesse der damaligen Zeit in einen Zusammenhang mit Georg Büchners Aufenthalt in Gießen. Sie erinnerte an Büchners Kampf für Freiheit und Bürgerrechte und an die Unterstützung seiner Ideen aus der Mitte der Gesellschaft heraus.

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