Stadt Gießen

Erich Heymann sprach über Gewinner und Verlierer der Erderwärmung in der Wirtschaft

Gießen (fd). Schon lange steht der Klimawandel nicht mehr nur im Fokus von Umweltaktivisten. Auch die Anlagestrategen der großen Finanzhäuser beschäftigen sich seit Jahren mit der Thematik. Ihre Erkenntnis: Einige Branchen müssen leiden, viele andere können von der Entwicklung profitieren - und zu den potenziellen Gewinnern zählen keinesfalls nur Ökobetriebe.
20. April 2010, 20:12 Uhr
Zu Gast im Politischen Club Gießen war Eric Heymann (vorn), hier mit Moderator Johannes Loheide.	(Foto: fd)
Zu Gast im Politischen Club Gießen war Eric Heymann (vorn), hier mit Moderator Johannes Loheide. (Foto: fd)

Gießen (fd). Schon lange steht der Klimawandel nicht mehr nur im Fokus von Umweltaktivisten. Auch die Anlagestrategen der großen Finanzhäuser beschäftigen sich seit Jahren mit der Thematik. Ihre Erkenntnis: Einige Branchen müssen leiden, viele andere können von der Entwicklung profitieren - und zu den potenziellen Gewinnern zählen keinesfalls nur Ökobetriebe. Dabei wirkt sich die staatliche Klimapolitik häufig stärker auf die Wirtschaft aus als die globale Erwärmung selbst. Die Ergebnisse einer entsprechenden Studie der Deutschen Bank präsentierte der Branchenanalyst Eric Heymann soeben im Rahmen des »Politischen Clubs Gießen« der Friedrich-Ebert-Stiftung vor rund 60 Gästen im Bootshaus.

Manche mögen's heiß: Während die Anbieter erneuerbarer Energien logischerweise zu den wirtschaftlichen Gewinnern des Klimawandels zählen werden, sieht die Studie auch die Baubranche als Profiteur der Entwicklung. Hier bestehe ein erhebliches Einsparpotenzial für CO2-Emissionen durch energetische Sanierung. »Aufgrund staatlicher Förderprogramme und privater Initiativen werden die Investitionen in Gebäudedämmung zunehmen«, prognostizierte Heymann dem Bauhandwerk, Herstellern von Dämmstoffen und Architekten volle Auftragsbücher.

Neben den indirekten, weil durch staatliche Subventionen bedingten Aspekten, sind für die Bauwirtschaft und verwandte Branchen auch direkte Auswirkungen des Klimawandels zu nennen: Mehr Maßnahmen zur Verbesserung des Küstenschutzes wegen steigender Meeresspiegel, verbesserte Bedingungen durch mildere Winter, geringere Arbeitsproduktivität in heißen Sommern und die Beseitigung von Schäden durch Wetterextreme seien zu erwarten: »Beispielsweise richtete der Orkan Kyrill im Januar 2007 enorme Schäden an und sorgte bei Dachdeckern für eine Sonderkonjunktur mitten im Winter«, so der Branchenanalyst.

Ebenfalls zu den Profiteuren vom Klimawandel zählen laut Studie Maschinenbau, Elektrotechnik und Automobilindustrie: Mit ihren Technologien sollen sie zur Bewältigung des Klimawandels und seiner negativen Folgen beitragen: Energieeffizienz wird auch in anderen Ländern politisch gefordert, hier haben gerade deutsche und europäische Unternehmen große Exportchancen. »Die Forschung wird entscheidend sein für den Erfolg ganzer Volkswirtschaften«, erklärte Heymann.

Bei vielen anderen Branchen sieht die Studie der Deutschen Bank regionale Unterschiede: So könnte beispielsweise die russische Landwirtschaft davon profitieren, wenn der sibirische Permafrost durch die globale Erwärmung taut, während Obst- und Gemüseplantagen auf der iberischen Halbinsel immer weiter austrocknen. Den Süden Europas sieht Heymann auch bei der klimabedingten Verschiebung der Touristenströme eher auf der Verliererstraße: »Während es den Urlaubern am Mittelmeer zu heiß wird, könnte unter anderem die deutsche Ostseeküste von den Entwicklungen profitieren.« Auch Branchen, die auf den ersten Blick eher recht unabhängig vom klimatischen Veränderungen erscheinen, sieht der Branchenanalyst betroffen: „Der Absatz für Schokolade bricht in heißen Sommern ein, weil sie den Kunden zwischen den Fingern zerfließt“, so der Wirtschaftswissenschaftler. Auch verlaufe der Absatz für Winterkleidung nach einem milden Herbst eher schleppend.

Generell gilt laut Studie der Deutschen Bank: Die regulatorisch-marktwissenschaftlichen Dimensionen des Klimawandels wirken sich in den meisten Sektoren - wie Baubranche, Elektrotechnik, Maschinenbau oder Verkehr - stärker und vor allem früher aus als die tatsächliche globale Erwärmung mit ihren negativen Folgen. Zudem übersteigen für viele Branchen insbesondere in Europa die wirtschaftlichen Chancen des Klimawandels dessen Risiken. »Grundsätzlich profitieren solche Unternehmen, die sich frühzeitig auf neue Rahmenbedingungen einstellen können. Denn die Entwicklung werden wir im besten Fall verlangsamen, aber nicht aufhalten können«, glaubt der Analyst.

Die Veranstaltung moderierte der frühere stellvertretende Vorsitzende der SPD-Stadtverordnetenfraktion, Johannes Loheide, der jetzt bei der Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen tätig ist.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Erich-Heymann-sprach-ueber-Gewinner-und-Verlierer-der-Erderwaermung-in-der-Wirtschaft;art71,45254

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