Stadt Gießen

Entfernte Erinnerung an den Pathos von Genesis

Die kanadische Rockband SAGA gastierte mit neuem Sänger in den Hessenhallen.
08. Mai 2009, 22:56 Uhr
Jim Gilmore am Keyboard und der neue Sänger Rob Moratti gastierten mit der kanadischen Rockband in den Hessenhallen.	(Foto: axc)
Jim Gilmore am Keyboard und der neue Sänger Rob Moratti gastierten mit der kanadischen Rockband in den Hessenhallen. (Foto: axc)

Um kurz nach neun verstummt die Musik aus der Konserve, die Lichter in der Hessenhalle verlöschen und SAGA betreten zu bedeutungsschwanger aus den dicken Boxen wabernden Klängen die Bühne, um sich mit einem instrumentalen »Human Condition« vom gleichnamigen aktuellen Album warmzuspielen. Wenig später kommt der nach gut 30 Jahren Bandhistorie frisch eingewechselte Sänger Rob Moratti hinzu - deutlich jünger und mit kürzeren Haaren als seine Kollegen, jedoch etwas unbeholfen in den ständig nach dem Wohlbefinden des 600-köpfigen Publikums fragenden Moderationen.

Mit »The Flyer« und dem veritablen Hit »Wind Him Up« geht es gleich zurück in die alten Zeiten, aber die Band ist noch etwas zurückhaltend. Nach fünf, sechs Stücken, bei »Book Of Lies« oder »Careful Where You Step«, kommen die Brüder Gitarrist Ian Crichton und Bassist Jim Crichton dann deutlich mehr aus sich heraus und nutzen die ganze Breite der Bühne für gegenseitige Kurzbesuche - immer unter der Oberaufsicht von Keyboarder Jim Gilmore, der auf einem Podest inmitten von sechs um ihn herum aufgebauten Keyboards thront. Bei »Scratching The Surface« darf (oder muss?) er auch noch ans Mikro und Rob Moratti hat eine Stimmbandpause. Andererseits hüpft der Neue bei zwei oder drei Songs auch noch aufs Tastenpodest, und Jim Crichton stellt seinen Bass bei einigen Stücken ab und bedient zwei weitere Keyboards. Da bleibt es dann der E-Gitarre überlassen, für Ecken und Kanten in dem typischen keyboardlastigen 80er-Jahre-Soundmix zu sorgen, etwa bei dem knalligen Introriff zu dem heftig bejubelten »Don't Be Late«.

So manches Keyboard-Intro und manches Tastensolo erinnert entfernt an das Pathos von Artrock-Heroen wie Genesis oder Yes - dennoch bleiben die Stücke im Vergleich zu den 70er-Jahre-Epen eher kompakt und rhythmisch eingängig. Die Abmischung ist leider nicht ideal, denn der Gesamteindruck ist etwas verwaschen und der Gesang geht im Mix fast unter. Dennoch sorgt das unbeschwerte »Humble Stance« für Partystimmung und auch das aktuelle »You Look Good To Me« geht gut in die Gehörgänge und Beine. Den wohl größten Hit hat sich die kanadische Band natürlich für die Zugabe aufgehoben: »On The Loose«. Nach gut anderthalb Stunden ist die Show zu Ende. Leichte Zweifel, ob der streckenweise etwas selbstverliebt wirkende neue Sänger ein guter Ersatz für Michael Sadler ist, bleiben.

Ein echter Knaller war die gut 50 Minuten spielende Vorgruppe »Demon's Eye«, die von den gnadenlos peitschenden Drumbeats von »Highway Star« über »Child In Time« bis zu »Black Night« und »Burn« eine fast beängstigend perfekte »Deep Purple«-Show hinlegte - komplett mit rotierenden Leslie-Lautsprechern an der Orgel, einem Sänger, der die hohen Töne sicher schafft, und einem Gitarristen, der sein Idol Ritchie Blackmore von der weißen Strat über die enge Schlaghose und die Grätschbewegungen bis zur Spieltechnik gespenstisch gut imitiert. Dennoch blieb noch Raum für Improvisationen wie damals in Japan (1972). Darüber hinaus brachten sie auch Titel, die von der aktuellen »Deep Purple«-Besetzung mit ihrem stimmlich angegriffenen Sänger Ian Gillan nicht (mehr) zu hören sind. (axc)

Am 31. 5. spielt »Demon's Eye« in Netphen-Dreis-Tiefenbach mit dem Ex-Purple-Bassisten und -Sänger Glenn Hughes sowie am 23.10. in Siegen mit Keyboardlegende Jon Lord.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Entfernte-Erinnerung-an-den-Pathos-von-Genesis;art71,32089

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