18. Juni 2015, 17:43 Uhr

Emrah Serbes will und kann nicht länger schweigen

»Aber rede bloß nicht so viel.« Das gab die besorgte Mutter ihrem Sohn, dem Schriftsteller Emrah Serbes, mit auf den Weg für die Lesereise nach Deutschland. Die Grenzen der türkischen Auslegung von Meinungsfreiheit sprengt Serbes nicht mit seinem literarischen Werk, wohl aber mit seinen gesellschaftskritischen Äußerungen.
18. Juni 2015, 17:43 Uhr
Der türkische Autor Emrah Serbes stellt mit Verlegerin Selma Wels seine beiden neuesten Bücher vor. (Foto: dw)

Am Donnerstag kam, auf Einladung des Literarischen Zentrums in Kooperation mit dem Bildungszentrum Gießen-Nord und der Friedrich-Ebert-Stiftung, beides zur Sprache. In der Türkei zählt Serbes zu den wichtigsten Autoren der Gegenwart. Mit 14 Jahren beschließt er, 1981 geboren, Schriftsteller zu werden und veröffentlicht mit 25 Jahren, nach dem Studium der Theaterwissenschaften in Ankara, seinen ersten Roman. »Der Kommissar« ist erfolgreich, wird verfilmt und gilt als der türkische »Schimanski«. Seine Werke sind ins Deutsche, Englische und Französische übersetzt und werden in deutschen Schulen gelesen.

Doch ob er zur Lesereise nach Deutschland werde kommen können, habe man bis kurz vor dem Abflug nicht gewusst, erzählt Verlegerin und Übersetzerin Selma Wels. Wegen einer Äußerung im Fernsehen war erneut ein Verfahren angestrengt worden und unklar, ob dies mit einem Haftbefehl umgesetzt werden sollte. Zwölf Jahre Haft drohten dem Schriftsteller bei einer anderen Anklage wegen »Majestätsbeleidigung«. Stein des Anstoßes war damals ein verbal geäußerter Beiname für den Staatspräsidenten, der das harte Eingreifen gegen die Proteste im Gezi-Park vor zwei Jahren zu verantworten hatte. Vom kurzen Aufblühen der Hoffnung in jenem Sommer, als nach dem gewaltsamen Polizeieinsatz der Protest gegen das als autoritär empfundene Regime auf mehrere türkische Großstädte übergriff, handelt Serbes neuester Roman.

Zwei Jugendliche aus einem Nachbarort Istanbuls werden darin in die Ereignisse verwickelt, obwohl sie damit zunächst gar keine Berührungspunkte haben. Nie zuvor habe er bei einem Roman so einen starken Drang gehabt, zu schreiben, nicht nur weil er auch selbst Teil der Proteste war. Die Ereignisse seien ein »Point of no return« in der türkischen Geschichte gewesen, meint Serbes. Sie hätten die Türkei zum Teil der europäischen Protestbewegungen gemacht. Als stärkste politische Bewegung für Meinungsfreiheit seit den 80er Jahren habe sie aber auch die Generationen wieder vereint. Der Wahlerfolg der neuen Demokratischen Partei der Völker (HDP) habe hier seinen Ursprung.

Für Serbes ist längst klar: »Wenn man in der Türkei lebt, kann man irgendwann nicht mehr schweigen.« Sein Weg sei es, den Protest literarisch zu verarbeiten. Dabei gehe es nicht um ein Abbild der Ereignisse, sondern darum, indirekt etwas widerzuspiegeln. Im Roman habe er die Namen der Parteien daher auch nicht aus Angst vor Zensur durch Synonyme ersetzt, sondern weil sie den jugendlichen Hauptfiguren nichts bedeuten, wohl aber, ob ihr Handy ein Samsung- oder ein Apple-Produkt ist.

Social Media spielten eine zentrale Rolle bei der Verbreitung des Protests, ruft Wels in Erinnerung. Ohnehin sei auch die türkische Gesellschaft mittlerweile durch das Fernsehen geprägt und die Regierungsbeamten würden wohl kaum Bücher lesen, meint Serbes. So erklärt sich auch, dass eine kritische Äußerung bei einem kurzen Fernsehauftritt zur erneuten Anklage führte, nicht aber der Roman »deliduman« rund um die Gezi-Proteste. Ob der Jugendliche seine Schwester im Park unter den Demonstranten findet, weil sie mit ihrer Michael-Jackson-Imitation und einem Moonwalk vor den Wasserwerfern zum Symbol des Aufbegehrens werden möchte, kann ab Herbst auch in der deutschen Ausgabe herausgefunden werden.

Eine Kostprobe seiner bildgewaltigen, bisweilen philosophischen Gedanken, erhielten die Gäste bereits am Mittwoch aus dem sehr persönlichen Werk »Fragmente«. Sowohl auf Türkisch als auch auf Deutsch ließen sich die Besucher beider Nationalitäten dabei auch von der wirkmächtigen Sprache des eigenwilligen Autors in den literarische Miniaturen, Aphorismen, Kurz- und Kürzestgeschichten beeindrucken. Serbes’ Mutter indes wird wohl weiter Tränen um ihren wortgewaltigen Sohn weinen müssen, der weder schweigen kann, noch will. Doris Wirkner

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