14. Juni 2019, 11:00 Uhr

Cannabis-Missbrauch

Eltern wissen auch in Gießen zu wenig übers Kiffen

Schon Zehnjährige beginnen mit dem Kiffen. Eine Mehrheit der älteren Jugendlichen hat Cannabis-Erfahrung. Gießener Suchtberater warnen: Die Folgen des Konsums können irreversivbel sein. .
14. Juni 2019, 11:00 Uhr
Unterschätzte Gefahr? (Foto: dpa)

Schon Zehnjährige beginnen mit dem Kiffen. Fünf Jahre später hat ein Großteil der Gießener Jugendlichen Erfahrung mit Haschisch oder Marihuana. Sie müssen keinen Dealer kennen, um an den Stoff heranzukommen. Ihre Eltern sind ahnungslos, ignorant oder verharmlosen die vermeintlich »weiche« Droge. Dabei wirkt die weit gefährlicher als der »Joint« vor 20 oder 30 Jahren. Besorgniserregende Fakten nannten vier Experten am Mittwochabend im Sozialausschuss des Stadtparlaments.

Gerade hat der Lehrer das Klassenzimmer verlassen. Wenn der Suchtberater die 15- und 16-Jährigen nun fragt, wer schon einmal gekifft hat, gehen »mindestens 60 Prozent« der Hände hoch. So schildert Bernd Hündersen, Geschäftsführer des Suchthilfezentrums, die Erfahrungen seiner Mitarbeiter. Der Gehalt am gefährlichen Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) sei bis zu fünfmal so hoch wie früher.

Schon Zehnjährige nehmen Drogen

Damit verbunden seien vielfältige Risiken. So gebe es erste plötzliche Todesfälle durch Herzversagen bei ansonsten völlig gesunden Konsumenten. Das Lungenkrebsrisiko sei viel höher als beim legalen Rauchen. Psychosen könnten schon bei gelegentlichem oder gar bei einmaligem Drogenbrauch auftreten. Hündersen schilderte das Beispiel eines 24-jährigen Wochenendkonsumenten, der in der Psychiatrie landete und über zwei Jahre brauchte, bis er wieder arbeitsfähig war. Regelmäßiges Kiffen über Jahre »macht dumm, und zwar leider irreversibel«, so der Fachmann. Lethargie führe mitunter zur Verwahrlosung.

Jugendliche könnten die Drogen oder die Utensilien zur eigenen Zucht im Internet bestellen, ergänzte Fabian Bietz, Leiter des Jugendkommissariats beim Polizeipräsidium. Nicht nur in Städten, auch auf dem Land - »nahezu in jeder Gemeinde« - sei Cannabiskonsum weit verbreitet. In der Öffentlichkeit würden diese Drogen verharmlost. Viele Jugendlichen hätten kein Unrechtsbewusstsein. Polizei, Schulen und Fachstellen arbeiteten »intensiv« in Präventionsprojekten.

Das Einstiegsalter sinke stetig und liege mitunter bei zehn Jahren: Das bestätigte der Pädagoge Andreas Schmidt vom Diakonischen Werk, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Jungen- und Männerarbeit. Die Jugendzentren hätten immer jüngere Besucher und müssten diese »intensiv schützen«. Alkohol spiele in der offenen Jugendarbeit kaum noch eine Rolle. Dagegen seien Drogen und insbesondere Cannabis »allgegenwärtig«. Die Eltern wüssten darüber zu wenig und »fallen aus allen Wolken«, wenn sie - oft nach langer Zeit - vom Drogenkonsum ihrer Kinder erfahren. »Wir müssen sie mit ihrer Verantwortung mit ins Boot holen.« Eltern seien »extrem hilflos«, ergänzte Armin Förster vom Jugendamt, der lange in der Jugendgerichtshilfe tätig war. »Wir erleben immer wieder junge Menschen, die dazu stehen.« Dabei seien die Folgen des Kiffens oft heftig, wirksame Hilfe sei schwierig.

Die Fachleute waren eingeladen worden, nachdem die FDP mehrmals Anträge zu Drogen an Schulen gestellt hatte. Die Stadt habe damals das Problem geleugnet, sagte Fraktionsvorsitzender Klaus Dieter Greilich. Dies wies Stadträtin Astrid Eibelshäuser (SPD) zurück. Die meisten Aspekte seien nicht Sache des städtischen Schulverwaltungsamts, sondern des Landes. Doch die Stadt sehe nicht weg und unternehme viel zur Prävention. Handlungsbedarf sehe sie vor allem bei der Elternarbeit, lautete Eibelshäusers Bilanz des Abends. Dazu sollten Konzepte entwickelt werden.

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