30. Dezember 2016, 18:51 Uhr

Elf Sorten Bier bei »Walldorfs«

Gießen (srs). Humpen und Gläser stoßen heute klirrend aneinander, wo vor zwei Jahren Damen noch elegante Kleider anprobiert haben. In einer ehemaligen Boutique am Katharinenplatz führen Andreas und Patrick Walldorf eine Kneipe: Walldorfs Bierhaus. Das Prunkstück steht hinter dem Tresen: Zapfhähne für elf Biere vom Fass.
30. Dezember 2016, 18:51 Uhr
Stefan_Schaal
Von Stefan Schaal
Die Qual der Wahl haben Gäste am Tresen vor elf Zapfhähnen. (Foto: srs)
Der Katharinenplatz bebt – jedes Jahr im August, ein ganzes Wochenende lang. Während des Stadtfests schunkeln Tausende Feierwütige zu Schlagern, tanzen vor der Bühne und schmettern – auf Bänken und Tischen stehend – volkstümliche Lieder. Für die Bühne und für die kochende Stimmung maßgeblich verantwortlich sind der Schausteller Andreas Walldorf und sein Cousin Patrick. Als im Frühjahr vor zwei Jahren direkt am Katharinenplatz ein Laden frei wurde, packten die beiden die Gelegenheit beim Schopf. Die Vertreter des fahrenden Volks erfüllen sich den Traum, mit einer Kneipe in der Innenstadt sesshaft zu werden.
Von außen betrachtet ist Walldorfs Bierhaus zumindest auf den ersten Blick nicht unbedingt stilvoll eingerichtet. Eine Fensterfront mit weißen Kunststoffrahmen erinnert noch etwas an das Geschäft für Damenmode, das hier bis Mai 2014 beheimatet war. Durch das Glas sind orangefarben bezogene Stühle und Hocker zu sehen, die an Holztischen stehen. Wer das Lokal aber betritt, inhaliert mit dem ersten Atemzug klassische Kneipenatmosphäre. Lautes Stimmengewirr. Bierseliges Lachen dringt durch den 90 Quadratmeter großen Raum. Ältere Herren mit Zigarre in der Hand nicken dem Neuankömmling zum Gruß zu. Durch die Gaststätte wabern Rauchschwaden. An einem Tisch feiert eine Männerrunde. Es sind heimische Fußballer. »Noch eine Runde«, ruft einer von ihnen in Richtung Tresen. Gejohle.
Die Besitzer des Bierhauses sind Schausteller in der sechsten Generation. »Mein Ururgroßvater Isaak ist Begründer der Gießener Messe«, erzählt Andreas Walldorf. Von März bis Weihnachten ist er unter anderem mit Kinderkarussells unterwegs. Verschnaufpausen gibt es so gut wie keine. Auch deshalb erfüllen sich die Cousins mit dem Lokal in der Innenstadt eine Sehnsucht. »Jahrmärkte und Messen sind nach ein paar Tagen wieder vorbei«, erzählt Andreas Walldorf. Mit einer Kneipe aber gewinne man eine feste Heimat. »Mein Traum für den Ruhestand ist, tagsüber in Flip-Flops in der Kneipe nach dem Rechten zu sehen. Abends übernimmt dann eine Studentin.«
Gut gefüllt ist die Kneipe abends insbesondere während des Weihnachtsmarkts. »Man könnte sagen, dass uns der Glühwein hierher getrieben hat«, erklärt Besucher Marc Bock. »Die Buden haben gerade geschlossen«, sagt er. »Und wir wollen im Warmen weiterfeiern.« Hinter ihm steht Klaus Emrich mit einem Freund am Tresen. »Zum Bier gehört einfach eine Zigarette«, hält er fest. Walldorfs Bierhaus ist eine Raucherkneipe.
Das Prunkstück der Kneipe steht hinter dem Tresen: Elf Zapfhähne reihen sich nebeneinander. Gäste haben daher auch die Qual der Wahl aus elf verschiedenen Bieren frisch vom Fass. Ein zwölfter Zapfhahn steht derweil inmitten eines Drehtischs im Raum der Kneipe. »Gäste können sich an den Tisch setzen, ein ganzes Fass bestellen und dann selbst zapfen«, erklärt Patrick Walldorf. So manche Besucher des Bierhauses überschätzen sich dabei allerdings, weiß er lachend zu berichten. »Am 50-Liter-Fass scheitern die Leute immer kläglich.«
Eine Boutique für Damenkleidung hatte in den Räumlichkeiten lange Jahre ihren Sitz. Anfang 2014 erfuhr Andreas Walldorf, dass die Immobilie zum Verkauf stand. »Der Besitzer war in den 70er Jahren in der Bauleitung für das City-Center tätig«, erzählt er. »Das war Werner Buhrow, der Vater von Tom Buhrow.« Die Verkaufsverhandlungen 2014 gestalteten sich einfach. »Es hat sich herausgestellt, dass wir uns kennen«, berichtet Andreas Walldorf. »Mein Vater war ja in den 70ern Vorsitzender im Bauausschuss der Stadt.«
Wer in Gießen eine Kneipe eröffnen will, kommt in der Regel an Brauereien nicht vorbei, die den Wirten Angebote unterbreiten. Ein Bierunternehmen schlug den Walldorfs vor, für die Inneneinrichtung eine Summe von 167 000 Euro vorzustrecken. »Für einen Zinssatz von sieben Prozent«, erzählt Patrick Walldorf kopfschüttelnd. Die Wirte hätten sich außerdem verpflichten müssen, monatlich eine hohe Menge an Bier abzunehmen. Die Cousins – beide erfahrene Geschäftsleute – entschlossen sich, die Kneipe auf eigene Faust einzurichten.
Dass sich Andreas und Patrick Walldorf in einer Branche niederlassen, die die besten Zeiten hinter sich hat, ist ihnen bewusst. »In der Weststadt war früher an jeder Ecke eine Kneipe«, erinnert sich Andreas Walldorf. »Heute kaufen sich junge Männer abends lieber einen Kasten Bier und setzen sich vor die Playstation.«
Eng verwurzelt sind die Walldorfs im Gießener Vereinsleben. Einige Stammtische treffen sich daher in der Kneipe. Einmal im Monat kommen Karnevalisten der Region zusammen. Die Herren des neuen 50er-Jahrgangs haben ihren ersten Stammtisch in dem Lokal eingerichtet. Und so gut wie jeden Abend sitzt Manfred in der Kneipe. »Stiftungsbräu trinke ich am liebsten«, sagt er. Dann zieht er an einer Kippe und schweigt.


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