06. November 2018, 22:12 Uhr

Eine Stadt mit »idealer Größe«

06. November 2018, 22:12 Uhr
Die Stadt Gießen und insbesondere das »Aspendos« sind für Rafet Kalyoncu zur zweiten Heimat geworden. (Foto: pd)

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Er ist in dem nordtürkischen Fischerdorf Erfelek geboren und aufgewachsen, hat in der Kreisstadt Sinop sein Abitur gemacht und danach in Canakkale die Universität besucht. Den Großteil seines Lebens hat Rafet Kalyoncu aber in Gießen verbracht. »Hier ist mein Zuhause«, sagt der 52-jährige Familienvater. Der studierte Grundschullehrer lebt seit mittlerweile 30 Jahren in der Stadt an der Lahn.

Dass er einmal in Mittelhessen landen würde, hat sich in seiner Kindheit nicht abgezeichnet. Der Vater verdiente wie viele türkische Männer als »Gastarbeiter« in Deutschland Geld für die Familie, die Mutter und ihre fünf Kinder waren in Erfelek geblieben. Dort bestritten die übrigen Familienmitglieder als Fischer ihren Lebensunterhalt. Dass das kleine Dorf im Norden keine Dauerlösung für ihn war, wusste der junge Rafet schnell. Nach dem Abitur mit 17 wechselte er zum Studium in die Region Marmara. In Canakkale arbeitete er auch als Grundschullehrer, ehe es ihn 1988 dorthin zog, wo bereits sein Bruder lebte: nach Gießen. Sein Vater war damals längst wieder aus Stuttgart in die Türkei zurückgezogen.

Sein Studium wurde in Deutschland allerdings nicht anerkannt. Allenfalls im muttersprachlichen Unterricht könne er eingesetzt werden, wurde ihm beschieden. Doch der Unterricht für türkische, griechische oder spanische Kinder in ihrer Heimatsprache wurde damals eher gekürzt als gefördert. Rafet Kalyoncu schlug deshalb eine berufliche Richtung ein, die er mit vielen studierten jungen Leuten ohne Job gemeinsam hatte: Er arbeitete in der Gastronomie und als Taxifahrer.

Aus der Anstellung im damaligen »Rodopi« an der Grünberger Straße und später im »Aspendos« am Alten Steinbacher Weg ist eine Freundschaft fürs Leben geworden. Seit Jahren besucht er mit seiner Familie jeden Samstag das Restaurant von Kurtulus Vural im Ostviertel.

Ansonsten mag er Gießen grundsätzlich und die Innenstadt ganz besonders. Er könne nicht in einem Dorf leben und Frankfurt sei ihm viel zu groß, sagt der Mann, der seit einigen Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Gießen ist für ihn dagegen eine Stadt mit »idealer Größe«. Zu seinen lieb gewonnenen Gewohnheiten aus seiner Zeit als Taxifahrer gehört zum Beispiel der regelmäßige Besuch im Eiscafé am Kugelbrunnen. Viele Jahre hat er als Betreuer den türkischen Fußballverein Türkyemspor unterstützt.

»Zu Hause sprechen wir Deutsch«, sagt der Mann, der mit einer Ärztin aus Russland verheiratet ist. Dass seine beiden Kinder deshalb die türkische Sprache nicht besonders gut beherrschen, bedauert er ein wenig. Nicht nachvollziehen kann er allerdings, dass so manche Bekannte aus der Türkei, die schon seit Jahrzehnten hier leben, gerade mal ein paar Brocken Deutsch können. Auch für Menschen, die auf der einen Seite die Vorzüge einer freiheitlichen Demokratie genießen, andererseits aber »alles hier in Deutschland schlecht machen«, fehlt ihm das Verständnis. Er ist stolz darauf, dass er sich in Deutschland besser auskennt als mancher Einheimische. »Ich kenne viele deutsche Städte und fast jedes Dorf in der Region.« Auch aus diesem Grund weiß er, dass er auf jeden Fall in Gießen bleiben möchte.

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