20. Oktober 2019, 22:17 Uhr

Eine Kirche und ihr Platz

20. Oktober 2019, 22:17 Uhr
Die Schmachtigallen begeisterten bei ihrem Konzert in der Pankratiuskirche. (Foto: csk)

Manchmal hängt alles an einem Wort. Etwa beim Kirchenplatz. Ist das nun der angestammte Platz einer Kirche oder doch eher jener, der direkt vor ihr liegt? Dass er in der Geschichte Gießens schon beides war und warum er heute weder das eine noch das andere ist, erklärte Dr. Ludwig Brake am Freitagabend in der Pankratiuskapelle. »Mit Pankratius fing alles an« hieß sein Vortrag, der das Festwochenende zum 70-jährigen Bestehen der »Notkirche« einläutete. In einer Stunde reisten die Zuhörer mit dem Stadtarchivar von der Mitte des 13. bis weit ins 20. Jahrhundert. Sie lernten: Zum Gotteshaus im Stadtzentrum hatten die Menschen von Beginn an eine enge, meist sogar eine hochemotionale Bindung - aber längst nicht immer eine herzliche.

Die 1821 fertiggestellte Stadtkirche, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, habe zum Beispiel über 123 Jahre immer wieder bittere Klagen provoziert, sagte Brake. Dabei hatten viele Gießener anfangs große Erwartungen mit ihr verbunden. Wie der Historiker berichtete, existierte spätestens seit 1248 eine dem Heiligen Pankratius geweihte Kapelle. Von der Mitte des 14. Jahrhunderts an sei an ihrer Stelle schrittweise die alte Pankratiuskirche errichtet worden. Diese wiederum habe bereits um 1500 als unansehnlich und baufällig gegolten. Außerdem bot sie der wachsenden Bevölkerung nicht genug Raum.

Erst 1809 sei der Entschluss für einen Neubau gefallen, so Brake. Aber wie und wo? Zunächst habe man die Kapazität aus Kostengründen von zwei- bis dreitausend auf 1200 Personen gesenkt. Wenig später sei ein Streit um den Standort entbrannt, als sich Architekt Johann Georg Moller einschaltete. Neben dem bisherigen schlug er zwei Areale vor: eines versetzt in Richtung Wallanlage, ein anderes am Ostende des Brandplatzes. Moller selbst plädierte für letztere Variante. So bleibe das Gotteshaus »sichtbar« und ein Gelände im Stadtkern frei.

Während die einen über den Platz der Kirche stritten, kämpften andere um ihren Platz darin. Die Kirchenstuhlordnung wurde schließlich um 1800 abgeschafft. Im Ständestaat habe sie garantiert, dass Bürger betend »an der Stelle saßen, die ihnen gesellschaftlich zustand«, sagte Brake. Mit dem Ende der Sitzordnung schuf die Kirche Raum für mehr Gleichheit. Die Stadtkirche, die 120 000 statt der kalkulierten 60 000 Gulden kostete, fraß eine Menge Raum. Der Platz an der alten Pankratiuskirche sei fast total unter ihr verschwunden, so Brake. Frontalaufnahmen der neuen Kirche fänden sich kaum. Fotografen fehlte hier schlicht der Platz.

Bald hagelte es erneut Klagen. Das »Unbehagen« an dem Bau fand gar Eingang in einen zeitgenössischen Reiseführer. »Richtig anfreunden mochten sich die Gießener mit ihrer Stadtkirche nicht«, folgerte Brake. Identifiziert hätten sie sich damit aber schon, und folglich wog die Zerstörung am 6. Dezember 1944 schwer. Nach Kriegsende entstand die heutige Pankratiuskapelle. Als »Notkirche«, weder auf noch direkt hinter dem Kirchenplatz. Sondern daneben. Eine unscheinbare Lage für eine scheinbar unscheinbare Kirche. »Die Kirche machte Platz - und der Kirchenplatz konnte entstehen«, verwies Brake auf »den einzigen Platz in der Innenstadt, der diesen Namen verdient«. Jetzt hätten die Gießener beides: eine viel genutzte freie Fläche und eine Kirche, die »in den Herzen der Menschen geblieben ist«. Außer dem Archivar gratulierten »Türmer« Peter Meilinger und Peter Haagen mit Gitarrenstücken aus den 1940er-Jahren.

Am Samstag begeisterten »Die Schmachtigallen« mit einem A-Capella-Konzert. »Schmachten ist eine eigene Kunstrichtung«, erklärte das Quartett und forderte »das Recht auf freie Schmachtausübung«. Am Sonntag musste niemand mehr schmachten. Nachdem Probst Matthias Schmidt und Pfarrer Peter Ohl den Festgottesdienst gehalten hatten, gab es einen Empfang - und jede Menge Schnittchen.

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